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Hans Günter Winkler, 91

Stock­holm, 1956: Die deut­sche Spring­rei­ter-Mann­schaft hat Chan­cen auf die Gold­me­dail­le bei den Olym­pi­schen Spie­len. Da ver­letzt sich ei­ner der Rei­ter schwer an der Leis­te, ein jun­ger Mann na­mens Hans Gün­ter Wink­ler. Er lässt sich Schmerz­mit­tel ge­ben und rei­tet los. Bei je­dem Sprung schreit er vor Schmerz. Und es wäre schon eine Leis­tung ge­we­sen, in die­sem Zu­stand über­haupt auf dem Pferd zu blei­ben. Wink­lers brau­ne Stu­te Hal­la aber springt ohne ei­nen ein­zi­gen Feh­ler. Als ein­zi­ges Pferd. Mann­schafts­gold, Ein­zel­gold, Sport­ge­schich­te. Da­bei stell­te Wink­ler spä­ter im »Olym­pia-Al­ma­nach« rich­tig: »Wahr ist, dass ich je­der­zeit die Ge­walt über das Pferd hat­te, Hal­la die nö­ti­gen Hil­fen gab und sie pas­send zum Sprung ritt.« Kein Pferd sprin­ge ohne Auf­for­de­rung des Rei­ters, son­dern lau­fe ohne Hil­fen höchs­tens zum Aus­gang. Aber da wur­den HGW, wie Wink­ler kurz ge­nannt wur­de, und Hal­la längst ver­ehrt. Hal­la als das treue Pferd, das sei­nen Men­schen zur Not auch selbst­stän­dig durch den Par­cours trägt. Wink­ler als der Pfer­de­flüs­te­rer un­ter den Sport­rei­tern. Und bei­de zu­sam­men als der In­be­griff des­sen, was Mensch und Tier zu­sam­men er­rei­chen kön­nen. Der SPIEGEL nann­te die bei­den eine »ken­tau­ri­sche Ein­heit«. Wink­ler hat­te im­mer Tur­nier­rei­ter wer­den wol­len. Nach Ende des Zwei­ten Welt­kriegs ar­bei­te­te er als Stall­bur­sche und Hilfs­reit­leh­rer für ame­ri­ka­ni­sche Of­fi­zie­re, von de­nen ei­ner Dwight D. Ei­senhow­er war. Es soll­te nicht lan­ge dau­ern, bis Wink­ler bei ei­nem S-Sprin­gen tri­um­phier­te. In sei­ner Kar­rie­re hat er fünf olym­pi­sche Gold­me­dail­len ge­won­nen, zwei Welt­meis­ter­ti­tel, eine Eu­ro­pa­meis­ter­schaft und fünf deut­sche Meis­ter­schaf­ten, was ihn zum er­folg­reichs­ten Spring­rei­ter in der Ge­schich­te die­ses Sports ge­macht hat. Wink­ler, der auch als Funk­tio­när und Tur­nier­ver­an­stal­ter re­üs­sier­te, war für Dis­zi­plin und Fleiß be­kannt. Er war vier­mal ver­hei­ra­tet, sei­ne letz­te Frau Debby Mal­loy, eben­falls eine Spring­rei­te­rin, starb 2011 bei ei­nem Reit­un­fall. Hal­la wur­de 34 Jah­re alt. Sie leb­te bis zum Jahr 1979 auf dem Hof in Darm­stadt, auf dem sie auch ge­bo­ren wur­de. Hans Gün­ter Wink­ler starb in der Nacht zum 9. Juli im nord­rhein-west­fä­li­schen Wa­ren­dorf.

Oleg Jurjew, 58

Es war sein Le­bens­the­ma, und er schrieb dar­über im­mer und im­mer wie­der, ohne sich zu wie­der­ho­len: Ein Ge­fühl der Fremd­heit, das ihm früh ver­traut war. Der Sohn as­si­mi­lier­ter Ju­den, ei­nes Vio­li­nis­ten und ei­ner An­glis­tin, wur­de im da­ma­li­gen Le­nin­grad ge­bo­ren, und für ihn war »die gan­ze so­wje­ti­sche Rea­li­tät un­wirk­lich – ein trü­ber Film, der das wirk­li­che Le­ben, die rea­le Exis­tenz um­hüll­te«. Zeit sei­nes Le­bens fühl­te er sich als Exi­lant min­des­tens im dop­pel­ten Sin­ne. Mit Gleich­ge­sinn­ten, dar­un­ter sei­ne Frau Olga Mar­ty­n­o­va, grün­de­te er 1984 das Dich­ter­kol­lek­tiv Ka­me­ra Chra­neni­ja, auf Deutsch: Ge­päck­auf­be­wah­rung. Das Schrift­stel­ler­ehe­paar emi­grier­te An­fang der Neun­zi­ger­jah­re nach Frank­furt am Main. Auch in der Wahl­hei­mat blieb Jur­jew pro­duk­tiv, er schrieb Ge­dich­te, Thea­ter­stü­cke, Er­zäh­lun­gen, Ro­ma­ne, die sich oft mit An­ti­se­mi­tis­mus be­schäf­ti­gen. Zahl­rei­che sei­ner Wer­ke wur­den über­setzt, und er be­gann, auf Deutsch zu schrei­ben. Sei­ne Ko­lum­ne »Jur­je­ws Klas­si­ker« im Ber­li­ner »Ta­ges­spie­gel« wies ihn als gro­ßen Ken­ner der Welt­li­te­ra­tur aus. Jur­jew schrieb fan­ta­sie­voll, lei­den­schaft­lich, iro­nisch. Beim Ver­bre­cher Ver­lag er­schien im ver­gan­ge­nen Jahr sein letz­tes Werk, »Un­be­kann­te Brie­fe«, eine Samm­lung fik­ti­ver Schrei­ben li­te­ra­ri­scher Per­sön­lich­kei­ten. Dar­in wünscht sich Jur­jew un­ter an­de­rem, von Gott zu er­fah­ren, was das Gan­ze ei­gent­lich soll. Oleg Jur­jew starb am 5. Juli in Frank­furt am Main.

Ludwig Baumann, 96

Das Bun­des­ver­dienst­kreuz lehn­te er An­fang der Nul­ler­jah­re ab. Die­se Aus­zeich­nung sei zu oft an Men­schen mit Na­zi­ver­gan­gen­heit ge­gan­gen, gab der ge­bür­ti­ge Ham­bur­ger zu Pro­to­koll. Ge­ehrt wer­den soll­te Bau­mann für sei­nen Kampf um die An­er­ken­nung von NS-Jus­ti­zop­fern. Sei­nem Ein­satz ist es zu ver­dan­ken, dass der Bun­des­tag 2002 und 2009 Ge­set­ze er­ließ, die Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rer, so­ge­nann­te Wehr­kraft­zer­set­zer, De­ser­teu­re der Wehr­macht und ver­ur­teil­te Ho­mo­se­xu­el­le re­ha­bi­li­tier­ten. Bau­mann de­ser­tier­te als 21-Jäh­ri­ger aus Über­zeu­gung. Er wur­de zum Tode ver­ur­teilt, nach Mo­na­ten in der To­des­zel­le be­gna­digt, erst ins KZ und dann als Sol­dat ei­nes Straf­ba­tail­lons an die Ost­front ge­zwun­gen. Den Zwei­ten Welt­krieg über­leb­te Bau­mann in so­wje­ti­scher Ge­fan­gen­schaft. Heim­ge­kehrt muss­te er sich als Ver­rä­ter be­schimp­fen las­sen. Er war ein ge­bro­che­ner Mann, der sich nur schwer wie­der zu­recht­fand. Ab An­fang der Acht­zi­ger­jah­re en­ga­gier­te er sich für die Frie­dens­be­we­gung, 1990 grün­de­te er mit 36 an­de­ren ver­ur­teil­ten Wehr­machts­de­s­er­teu­ren die Bun­des­ver­ei­ni­gung Op­fer der NS-Mi­li­tär­jus­tiz – und er­reich­te so viel. Lud­wig Bau­mann starb am 5. Juli in Bre­men.

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