ZEIT­REISE – DER SPIEGEL VOR 50 JAHREN

De­por­ta­ti­on un­ga­ri­scher Ju­den 1944
Vergangenheitsbewältigung

»Eines Tages nicht mehr da«

»Was wusstet ihr vom Mord an den Juden« – das war vielleicht die drängendste Frage, die die Jugend in den Sechzigerjahren ihren Eltern zu stellen hatte. Als Zeuge geladen, musste ausgerechnet Bundeskanzler Kiesinger diese Frage – stellvertretend für ein Volk – beantworten.

Ver­mut­lich ist es kein Zu­fall, dass Fra­gen nach der Ver­ant­wor­tung des Ein­zel­nen für die Grau­en des Ho­lo­caust erst in den Sech­zi­ger­jah­ren in den Fo­kus rück­ten. Erst­mals ent­wi­ckel­ten Deut­sche ein po­li­tisch-mo­ra­li­sches Be­wusst­sein, die qua Al­ter nicht als Mit­wis­ser der Nazi-Ver­bre­chen gel­ten konn­ten. Dass Bun­des­kanz­ler Kurt Ge­org Kie­sin­ger (CDU) die­se Fra­gen be­ant­wor­ten muss­te, ist dem Pro­zess ge­gen ei­nen ehe­ma­li­gen NS-Di­plo­ma­ten zu ver­dan­ken, der Ende 1967 we­gen der Mit­wir­kung an der De­por­ta­ti­on Zehn­tau­sen­der grie­chi­scher Ju­den an­ge­klagt wor­den war. Der Be­schul­dig­te leug­ne­te die Tat kei­nes­wegs, be­haup­te­te je­doch, »ihm sei un­be­kannt ge­we­sen, dass die De­por­tier­ten in den Tod gin­gen«. So­gar die Rund­funk­po­li­ti­sche Ab­tei­lung des NS-Au­ßen­amts habe schließ­lich trotz der bei ihr ein­lau­fen­den Mel­dun­gen der aus­län­di­schen »Feind­sen­der« den Ge­rüch­ten kei­nen Glau­ben ge­schenkt und sie als »Gräu­el­pro­pa­gan­da« ab­ge­tan.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 28/2018.