Nach­rufe

Claude Lanzmann, 92

Die Be­rufs­be­zeich­nung Fil­me­ma­cher oder Re­gis­seur ver­kennt sei­ne wah­re Be­deu­tung: Clau­de Lanz­mann war eine In­stanz des in­tel­lek­tu­el­len Frank­reich, ja ganz Eu­ro­pas. Sein epo­cha­les Werk »Shoah«, neun Stun­den lang und doch so span­nend wie kaum ein an­de­rer Do­ku­men­tar­film, er­zählt die Ge­schich­te des Ho­lo­causts aus­schließ­lich mit den Stim­men von Op­fern und Tä­tern, kein His­to­ri­ker, kein Ex­per­te kom­men zu Wort. Zwölf Jah­re lang hat­te Lanz­mann ins­ge­samt 350 Stun­den In­ter­view­ma­te­ri­al auf­ge­zeich­net, schon die Pre­mie­re 1985 in Ge­gen­wart des Staats­prä­si­den­ten François Mit­ter­rand war ein gro­ßer Er­folg, seit­her ist »Shoah« als Film und Do­ku­ment das Maß al­ler Din­ge, wenn es um die Be­schrei­bung der Ju­den­ver­nich­tung geht. Lanz­mann ver­zich­te­te da­bei auf je­den Er­klä­rungs­ver­such, »mei­ne eher­ne Re­gel war, nicht ver­ste­hen zu wol­len«, sag­te er in ei­nem SPIEGEL-Ge­spräch. Letzt­lich sei die­ses mons­trö­se Ver­bre­chen un­be­greif­lich. Ge­bo­ren 1925 in ei­ner as­si­mi­lier­ten jü­di­schen Fa­mi­lie in Pa­ris, schloss sich Lanz­mann 1943 der Ré­sis­tan­ce an und kämpf­te un­ter Ein­satz sei­nes Le­bens ge­gen die Na­zis. Sei­ner Be­wun­de­rung für die deut­sche Kul­tur tat das kei­nen Ab­bruch, nach dem Krieg stu­dier­te er Phi­lo­so­phie in Tü­bin­gen und schrieb sei­ne Ab­schluss­ar­beit über Gott­fried Wil­helm Leib­niz. In den Fünf­zi­ger­jah­ren zähl­te er zum en­gen Freun­des­kreis um den Phi­lo­so­phen Jean-Paul Sart­re, sie­ben Jah­re lang war er mit der Fe­mi­nis­tin Si­mo­ne de Be­au­voir li­iert. Als Re­dak­teur und spä­te­rer Her­aus­ge­ber des Ma­ga­zins »Les Temps Mo­der­nes« wur­de Lanz­mann zu ei­ner wich­ti­gen Stim­me im Frank­reich der Sech­zi­ger­jah­re. Sei­nen ers­ten Do­ku­men­tar­film dreh­te er erst 1973. Mit »War­um Is­ra­el« be­kann­te sich Lanz­mann öf­fent­lich zu ei­nem Staat, der ge­ra­de un­ter sei­nen Freun­den im lin­ken Mi­lieu an­ge­fein­det wur­de. Auch sein Film über die is­rae­li­sche Ar­mee, »Tsahal« (1994), nach »War­um Is­ra­el« und »Shoah« der drit­te Teil sei­ner jü­di­schen Tri­lo­gie, dien­te die­sem Zweck. Als 2009 lin­ke an­ti­se­mi­ti­sche Ak­ti­vis­ten eine Auf­füh­rung von »War­um Is­ra­el« in ei­nem Ham­bur­ger Kino blo­ckier­ten, sah sich Lanz­mann an die Kam­pa­gne der Na­zis ge­gen »ver­ju­de­te« Fil­me er­in­nert. In sei­nen letz­ten Jah­ren wur­de das Ein­tre­ten für das Exis­tenz­recht Is­ra­els für ihn min­des­tens so wich­tig wie der Kampf ge­gen das Ver­ges­sen des Ho­lo­causts. »Der Tod«, so sag­te er ein­mal, »ist für mich im­mer ein Skan­dal ge­we­sen.« Clau­de Lanz­mann starb am 5. Juli in Pa­ris.

Angelica Blechschmidt, 76

Der Man­gel­wirt­schaft der DDR ver­dan­ke sie den Im­puls, ei­nen ei­ge­nen Look zu kre­ieren, schrieb die Chef­re­dak­teu­rin der deut­schen »Vogue": »In der rei­chen Bun­des­re­pu­blik wur­de be­stimmt nicht so fan­ta­siert, im­pro­vi­siert und ge­schnei­dert.« Die ge­bo­re­ne Dresd­ne­rin kam vor dem Mau­er­bau nach Ham­burg, dort be­such­te sie die Meis­ter­schu­le für Mode. Von 1979 bis 2003 ar­bei­te­te sie für die »Vogue« in Mün­chen, zu­nächst zehn Jah­re lang als Art-Di­rek­to­rin. Lu­xus, Selbst­be­wusst­sein, Ästhe­tik woll­te sie ih­ren Le­se­rin­nen na­he­brin­gen und schaff­te es, die Auf­la­ge auf mehr als 100 000 Ex­em­pla­re zu ver­dop­peln. Streng, manch­mal scharf, nie­mals bös­ar­tig führ­te sie das Blatt. Sie en­ga­gier­te nam­haf­te Feuille­to­nis­ten, ex­zen­tri­sche Mo­de­chefs und reis­te mit gro­ßem Ge­päck. Stil war für sie eine Fra­ge der Hal­tung, auch des Durch­hal­tens: »Als alle sich aufs Pla­teau stell­ten, blieb ich bei Sti­let­tos.« An­ge­li­ca Blech­schmidt starb am 29. Juni in Pots­dam.

Irena Szewińska, 72

Sie war zu ei­ner Zeit er­folg­reich, als Spit­zen­sport Teil des Kal­ten Krie­ges war. Wenn Ath­le­ten aus dem Os­ten sieg­ten, muss­ten sie, aus west­li­cher Per­spek­ti­ve, ei­nen Ma­kel ha­ben – ge­ra­de wenn ihre Leis­tun­gen über al­len stan­den. Die Po­lin habe »un­end­lich lan­ge Bei­ne und eine fla­che Brust«, schrieb die fran­zö­si­sche Sport­zei­tung »L'E­qui­pe« we­nig ga­lant, sie sei aber im­mer­hin »char­mant«. Als Ire­na Kirs­zen­stein war sie 1946 als Kind jü­di­scher El­tern in ei­nem Flücht­lings­la­ger im so­wje­ti­schen Le­nin­grad zur Welt ge­kom­men. Sie wur­de zu ei­ner der er­folg­reichs­ten Leicht­ath­le­tin­nen über­haupt. Sze­wińs­ka lief über 100, 200 und 400 Me­ter, star­te­te im Weit­sprung, ge­wann drei­mal Gold bei Olym­pi­schen Spie­len und hol­te fünf Ti­tel bei Eu­ro­pa­meis­ter­schaf­ten. Ire­na Sze­wińs­ka starb am 29. Juni in War­schau.

Robby Müller, 78

Ohne ihn sähe die Film­ge­schich­te an­ders aus, vor al­lem die Wer­ke von Wim Wen­ders. Der Ka­me­ra­mann Rob­by Mül­ler, ein Hol­län­der, und der deut­sche Re­gis­seur dreh­ten ge­mein­sam elf Fil­me vol­ler un­ver­gess­li­cher Bil­der: Im Thril­ler »Der ame­ri­ka­ni­sche Freund« (1977) ließ Mül­ler die Stadt Ham­burg wun­der­bar mys­te­ri­ös er­schei­nen; in »Pa­ris, Te­xas« (1984) leuch­te­te der rote Pull­over der Haupt­dar­stel­le­rin Na­stass­ja Kin­ski mit ei­nem ro­ten Te­le­fon um die Wet­te. Im­mer wie­der ar­bei­te­te Mül­ler auch mit dem ame­ri­ka­ni­schen Re­gis­seur Jim Jar­musch ("Down by Law"). Seit Mit­te der Neun­zi­ger­jah­re war Mül­ler ei­ner der Ers­ten, die mit Di­gi­tal­ka­me­ras ex­pe­ri­men­tier­ten: Er schuf den rau­en Look von Lars von Triers Fil­men »Brea­king the Wa­ves« und »Dan­cer in the Dark«. Rob­by Mül­ler starb am 3. Juli in Ams­ter­dam.

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