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Ludwig Harig, 90

Sein Werk ist im­mer ak­tu­el­ler ge­wor­den, und es nimmt Wun­der, dass sein Wohn­haus im saar­län­di­schen Sulz­bach nicht längst Ziel von Pil­g­er­wan­de­run­gen wur­de. Der 1927 ge­bo­re­ne Li­te­rat hat mit be­mer­kens­wer­ter Stur­heit jene The­men be­han­delt, die uns heu­te be­son­ders be­schäf­ti­gen: Wie ver­söhnt man Iden­ti­tät und To­le­ranz? Wie liebt und be­schreibt man sei­ne Hei­mat, ohne die Neu­gier auf die Welt zu ver­lie­ren, ohne den Frem­den aus­zu­schlie­ßen? Und wie lebt man, wenn man doch je­den Tag schreck­li­che Mühe da­mit hat, die Zu­mu­tun­gen der Wirk­lich­keit mit den Mit­teln der Vor­stel­lungs­kraft in die Schran­ken zu wei­sen? Aber auch zur Work-Life-Ba­lan­ce und zur Well­ness hat der Ge­nuss­mensch und Fla­neur wich­ti­ge Ein­sich­ten for­mu­liert, lan­ge be­vor sie mo­dern wur­den.

Ermanno Olmi, 86

Vie­len ita­lie­ni­schen Mar­xis­ten war der Film­re­gis­seur zu ka­tho­lisch, vie­len Ka­tho­li­ken zu auf­klä­re­risch. Olmi mach­te Fil­me über ein­fa­che Leu­te, ar­bei­ten­de Men­schen, über ih­ren All­tag und ihre Su­che nach Spi­ri­tua­li­tät. Dog­men wa­ren ihm fremd. Sein Meis­ter­werk »Der Holz­schuh­baum«, für das er 1978 beim Fes­ti­val von Can­nes die Gol­de­ne Pal­me ge­wann, ba­sier­te auf Er­zäh­lun­gen sei­ner Groß­mut­ter über das Le­ben in der länd­li­chen Lom­bar­dei. Wie vie­le sei­ner Fil­me be­setz­te er auch die­sen aus­schließ­lich mit Lai­en, dar­in der Tra­di­ti­on des Neo­rea­lis­mus fol­gend. Olmi hat­te ei­nen aus­ge­präg­ten Sinn für De­tails, die er mit prä­zi­sem, fast eth­no­gra­fi­schem Blick ein­fing. Es schien ihm wich­tig zu sein, dass er mit den Ge­gen­den, in de­nen sei­ne Fil­me spiel­ten, ver­bun­den war. In Asia­go, ei­ner Klein­stadt in Ve­ne­ti­en, in der er mehr als 50 Jah­re lang leb­te, ent­wi­ckel­te er sich zum fil­men­den Hei­mat­for­scher. Ihn zog es nicht nach Hol­ly­wood wie etwa sei­nen Re­gie­kol­le­gen Ber­nar­do Ber­to­luc­ci, son­dern in die Pro­vinz. Er war ein gro­ßer Re­gis­seur, weil er klein dach­te. Er­man­no Olmi starb am 7. Mai in Asia­go.

Anne V. Coates, 92

Die be­ein­dru­cken­de Kar­rie­re der Film­cut­te­rin be­gann mit ei­nem Os­car für »La­wrence von Ara­bi­en«. Le­gen­där ge­wor­den ist der Schnitt, bei dem Coa­tes der Groß­auf­nah­me ei­nes Streich­hol­zes in Pe­ter O'­Too­les Hand ei­nen Son­nen­auf­gang in der Wüs­te fol­gen ließ. Mit Ende acht­zig ver­ant­wor­te­te Coa­tes den Schnitt von »Fif­ty Shades of Grey«, dazu sag­te sie in ei­nem In­ter­view, die Küs­se der Haupt­dar­stel­ler sei­en et­was »lau­warm« ge­we­sen. Ende der Vier­zi­ger­jah­re, als sie in den Pi­ne­wood Stu­di­os bei Lon­don be­gann, hat­te sie ei­nen Chef, der nach­mit­tags um vier Uhr nach Hau­se ging, um sei­nen Gar­ten zu pfle­gen, und ihr die Ar­beit über­ließ. So hat Coa­tes ihr Hand­werk ge­lernt. 2016 er­hielt sie den Eh­ren-Os­car. Sie war eine der we­ni­gen Frau­en, die in Hol­ly­wood hin­ter der Ka­me­ra Kar­rie­re ge­macht ha­ben, und sie war Mut­ter drei­er Kin­der. Anne V. Coa­tes starb am 8. Mai in Wood­land Hills, Ka­li­for­ni­en.

Wolfgang Völz, 87

Wal­ter Matt­hau und Pe­ter Falk sind schon eine gan­ze Wei­le tot, nun ist auch ihre Stim­me ge­stor­ben: der Schau­spie­ler Wolf­gang Völz, der die Hol­ly­wood­stars auf Deutsch syn­chro­ni­sier­te. Hun­der­te Sprech­rol­len sorg­ten im Lau­fe sei­ner Kar­rie­re da­für, dass sei­ne knar­zen­de Stim­me heu­te noch be­kann­ter ist als sei­ne Knub­bel­na­se. Ge­bo­ren 1930 in Dan­zig, fei­er­te Völz sei­ne größ­ten Er­fol­ge als Schau­spie­ler in der zwei­ten Hälf­te der Sech­zi­ger­jah­re. In der Sci­ence-Fic­tion-Se­rie »Raum­pa­trouil­le – Die fan­tas­ti­schen Aben­teu­er des Raum­schif­fes Ori­on« spiel­te er den Ar­mie­rungs­of­fi­zier Ma­rio de Mon­ti, in der Kri­mi­se­rie »Graf Yos­ter gibt sich die Ehre« den Chauf­feur Jo­hann. Es folg­te Auf­tritt um Auf­tritt, meist in Ne­ben­rol­len, und so be­zeich­ne­te er sich selbst ein­mal als »al­ler­ers­ten Mann der zwei­ten Klas­se«. Für Kin­der hin­ge­gen wird er im­mer erst­klas­sig blei­ben, ja Cham­pi­ons Le­ague: als Stim­me des Käp­t'n Blau­bär. Wolf­gang Völz starb am 2. Mai in Ber­lin.

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