Wer ist der Mann auf diesem Foto?

Bildkritik  Das Staunen über die Präsenz des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder im Kreml stellt uns vor grundlegende Fragen.

Über kei­nen Deut­schen wis­sen wir so viel wie über Ger­hard Schrö­der. Das liegt nicht nur an der lan­gen Dau­er sei­ner Be­rühmt­heit, son­dern auch an sei­nem freund­li­chen und leicht nar­ziss­ti­schen We­sen. Er re­det gern von sich, und da ist dann schon ei­ni­ges zu­sam­men­ge­kom­men an In­ter­views, Auf­trit­ten, Re­den und Bü­chern. Er war Ge­gen­stand zahl­lo­ser Por­träts, auch in die­sem Ma­ga­zin. Sei­ne im Jahr 2015 ver­öf­fent­lich­te, von Gre­gor Schöll­gen ver­fass­te Bio­gra­fie um­fasst groß­ar­ti­ge 1040 Sei­ten. In ihr bleibt von den Krampf­adern, die zu sei­ner ver­min­der­ten Wehr­taug­lich­keit führ­ten, bis zum In­halt sei­ner Sta­si­ak­te kaum ein De­tail un­be­rück­sich­tigt. Man weiß von die­sem ehe­ma­li­gen Bun­des­kanz­ler, sei­nen Ehen, Freun­den und Ge­schäf­ten un­end­lich viel mehr als über die am­tie­ren­de Bun­des­kanz­le­rin. Und doch bli­cken wir auf das Foto, das ihn bei der vier­ten Amts­ein­füh­rung Wla­di­mir Pu­tins im Kreml zeigt, mit ehr­li­cher Rat­lo­sig­keit. Es ist, als ob eine lie­be Tan­te im Ve­ne­dig­ur­laub beim Ver­such, ei­nen Gior­gio­ne mit Ed­ding zu ver­schö­nern, fest­ge­nom­men wür­de. Man sucht nach Er­klä­run­gen. Zu­nächst bei sich selbst: Hat man sich nicht ge­nug ge­küm­mert? Was konn­te Deutsch­land ei­nem Schrö­der noch bie­ten, den sein Bio­graf tref­fend als »Macht­men­schen«, als ei­nen, der »süch­tig ist nach Macht«, be­zeich­net. Aber wo gibt es den hier­zu­lan­de noch? Zwei to­ta­li­tä­re Sys­te­me und jahr­zehn­te­lan­ge an­ti­au­to­ri­tä­re Er­zie­hung ha­ben den Be­griff der Macht selbst dis­kre­di­tiert. Wir re­den lie­ber scham­haft von Ver­ant­wor­tung, von Ge­stal­tungs­mög­lich­kei­ten. Kon­zer­ne sind von Com­p­li­an­ce­ab­tei­lun­gen ge­fes­sel­te Rie­sen. Chris­ti­an Lind­ner folg­te dem Zeit­geist, als er der Macht, die schon nahe war, wie­der ab­sag­te – weil es ir­gend­wie nicht op­ti­mal pass­te. Und ei­ner von Schrö­ders Nach­fol­gern als SPD-Vor­sit­zen­der, Sig­mar Ga­bri­el, woll­te noch nicht ein­mal Kanz­ler­kan­di­dat wer­den. Das ist nicht Schrö­ders Art, nicht sei­ne Zeit und da­her viel­leicht nicht mehr sein Land. Hier gibt es ein­fach zu we­nig Macht.

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