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Cecil Taylor, 89

Kon­zer­te von Ce­cil Tay­lor wa­ren ei­gen­ar­ti­ge Ri­tua­le. Er be­trat den Raum, ein klei­ner, drah­ti­ger Mann mit Dre­ad­locks, mur­mel­te ein paar un­ver­ständ­li­che Ver­se und tän­zel­te sei­nem Kla­vier ent­ge­gen. Dann setz­te er sich und schlug ein paar Tas­ten an, als wür­de er her­um­pro­bie­ren. Um ziem­lich un­ver­mit­telt die­se scharf zer­klüf­te­ten Klang­berge auf­zu­tür­men, für die er be­rühmt war. Er spiel­te ra­send schnell, für Clus­ter muss­te er nicht den Un­ter­arm be­mü­hen, das konn­te er mit der blo­ßen Hand. Und auch wenn es kur­ze Pau­sen zwi­schen den Stü­cken gab, war je­der Auf­tritt ein lan­ger, kom­pak­ter, groß­ar­ti­ger, ver­stö­ren­der Trip. Nach viel­leicht an­dert­halb Stun­den stand er auf, das Kla­vier war patsch­nass, der Künst­ler war patsch­nass und das Pu­bli­kum glück­lich, aber er­schöpft. Free Jazz ist der Be­griff, auf den Kri­ti­ker Tay­lors Mu­sik in Er­man­ge­lung bes­se­rer Wor­te ge­bracht ha­ben, und falsch war das nie, es war im­pro­vi­sier­te Mu­sik, die sich von den Struk­tu­ren der klas­si­schen Im­pro­vi­sa­ti­on ge­löst hat­te. Aber es war auch nie ganz rich­tig. Denn das Ent­schei­den­de an Tay­lors Mu­sik war ihre In­ten­si­tät, die Kör­per­lich­keit sei­nes Klang­stroms. Er spiel­te das Kla­vier, als hät­te er es mit 88 ge­stimm­ten Trom­meln zu tun. Ge­bo­ren in New York, stu­dier­te Tay­lor Har­mo­nie­leh­re und Kom­po­si­ti­on. Im New York der Fünf­zi­ger war er gleich­zei­tig im Zen­trum des he­roi­schen Zeit­al­ters des Jazz und an sei­nem Rand. Denn sei­ne Mu­sik ist vom ers­ten Au­gen­blick an an­ders, stark von Po­ly­rhyth­men ge­prägt, ge­heim­nis­vol­ler, un­ver­ständ­li­cher. In der Män­ner­welt des New Yor­ker Jazz war Tay­lor ein in­ter­es­san­ter, quee­rer Vo­gel. Zu­sam­men mit dem Sa­xo­fo­nis­ten Jim­my Ly­ons grün­de­te er eine Band, die bis Mit­te der Acht­zi­ger Be­stand hat­te, bis Ly­ons starb, und die vor al­lem in Eu­ro­pa Er­folg hat­te. 1988 kam Tay­lor nach West-Ber­lin, um in der Stadt eine Rei­he von Kon­zer­ten mit eu­ro­päi­schen Mu­si­kern zu spie­len, die in ei­ner Elf-CD-Box do­ku­men­tiert wur­den – im­mer noch ei­nes der er­staun­lichs­ten Do­ku­men­te der im­pro­vi­sier­ten Mu­sik. Tat­säch­lich war es aber auch ein zwei­fel­haf­tes Glück, ein Ce­cil-Tay­lor-Kon­zert spä­ter noch ein­mal als Auf­zeich­nung zu hö­ren: Die Mu­sik leb­te von sei­ner phy­si­schen An­we­sen­heit. Von ih­rer sicht­ba­ren Un­vor­her­seh­bar­keit. Ce­cil Tay­lor starb am 5. April in sei­nem Haus im New Yor­ker Be­zirk Brook­lyn.

Carl Weiss, 92

Er hielt die Arme vor dem Bauch ver­schränkt, sein Ton war sach­lich, der Be­deu­tung der Auf­ga­be war er sich er­kenn­bar be­wusst: Am 1. April 1963, das ZDF war ge­ra­de an den Start ge­gan­gen, mo­de­rier­te der Jour­na­list Carl Weiss die ers­te Aus­ga­be der »heu­te«-Nach­rich­ten. Weiss war da längst ein Ve­te­ran im Nach­rich­ten­ge­schäft. Seit 1948 hat­te er als Zei­tungs­jour­na­list ge­ar­bei­tet, zu­nächst in Mün­chen, spä­ter in Köln. An­fang der Sech­zi­ger­jah­re wur­de er Pres­se­at­taché der deut­schen Bot­schaft in In­di­en. Weiss war ei­ner je­ner Kos­mo­po­li­ten, die den Deut­schen die Welt er­klär­ten und sie da­bei im Zwei­fel lie­ber über- als un­ter­for­der­ten. Für das ZDF be­rich­te­te er aus Süd­ost­asi­en über den Viet­nam­krieg und als Kor­re­spon­dent aus Lon­don, Wa­shing­ton und zu­letzt für die ARD aus Brüs­sel. Carl Weiss starb am 3. April in Mün­chen.

Reinhard Rürup, 83

Ohne ihn wäre die­ses Land heu­te ein an­de­res. Rü­rup hat es ver­stan­den, am­bi­tio­nier­te Ge­schichts­wis­sen­schaft mit öf­fent­li­cher Er­in­ne­rungs­kul­tur zu ver­knüp­fen, ohne sich selbst in den Vor­der­grund zu stel­len. Es gibt von ihm kei­ne Best­sel­ler mit schwin­del­er­re­gen­den Ge­schichts­über­bli­cken und stei­len The­sen, auch kei­ne DVD-Schu­ber. Da­für hat er als Di­rek­tor der Ber­li­ner »To­po­gra­phie des Ter­rors« un­zäh­li­ge Ber­lin­be­su­cher über die deut­schen Ver­bre­chen auf­ge­klärt. Als sol­cher am­tier­te er von 1989 bis 2004. Rü­rup wur­de 1934 ge­bo­ren und er­leb­te die Zeit der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Herr­schaft in West­fa­len. Mit 20 nahm er sein Stu­di­um auf: Ge­schich­te und Ger­ma­nis­tik in Frei­burg und Göt­tin­gen. Mit sei­nem Dok­tor­va­ter, dem Me­diä­vis­ten Per­cy Ernst Schramm, führ­te er lan­ge Ge­sprä­che über den Krieg und den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus – The­men, die Rü­rup ein Le­ben lang be­glei­ten soll­ten. Er wag­te sich auch an die Ge­schich­te der Ge­schichts­wis­sen­schaft selbst, nahm die brau­ne Ver­gan­gen­heit der Zunft in den Blick, um bes­ser zu wür­di­gen, wie eine de­mo­kra­tisch ge­sinn­te, mo­der­ne Wis­sen­schaft funk­tio­nie­ren müss­te. Rü­rup forsch­te zur Ge­schich­te des An­ti­se­mi­tis­mus und heg­te ein be­son­de­res In­ter­es­se für die Schick­sa­le jü­di­scher His­to­ri­ker, die Deutsch­land in der Na­zi­zeit ver­las­sen muss­ten. In den Sech­zi­ger­jah­ren wur­de er As­sis­tent des His­to­ri­kers Tho­mas Nip­per­dey, folg­te ihm an das Fried­rich-Meine­cke-In­sti­tut in Ber­lin. Rü­rup agier­te als Mann des Aus­gleichs und der lei­sen Töne. Er setz­te auf Ge­nau­ig­keit der Fak­ten und der Ar­gu­men­te und hoff­te dar­auf, beim Pu­bli­kum durch Über­zeu­gung zu wir­ken. Als Pro­fes­sor für Neue­re Ge­schich­te an der TU Ber­lin en­ga­gier­te sich Rü­rup für eine an­ge­mes­se­ne Er­in­ne­rungs­kul­tur in der deut­schen Haupt­stadt, heg­te in die­sem Sin­ne grö­ße­re Am­bi­tio­nen für Ber­lin als die meis­ten ge­bür­ti­gen Ber­li­ner und ihre po­li­ti­schen Re­prä­sen­tan­ten. Rein­hard Rü­rup starb am 6. April in Ber­lin.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 16/2018.