Die Dinge des Lebens

Ich war in Bu­ka­rest, zum ers­ten Mal. So viel ver­fal­le­ne Fin-de-Siè­cle-Pracht, so viel in­tel­lek­tu­el­ler Elan, den kor­rup­ten po­li­ti­schen Zu­stän­den des Lan­des ent­ge­gen­zu­tre­ten. Die Li­te­ra­tur Ru­mä­ni­ens wird im Mit­tel­punkt der Leip­zi­ger Buch­mes­se ste­hen, des­halb tra­fen deut­sche Jour­na­lis­ten in Bu­ka­rest mit Schrift­stel­lern und In­tel­lek­tu­el­len zu­sam­men. Die ru­mä­ni­schen Au­to­ren ha­ben die Hoff­nung, dass ihre Bü­cher Le­ser in ganz Eu­ro­pa fin­den, dass sie mit ih­ren Ge­schich­ten In­ter­es­se an ei­ner dif­fe­ren­zier­ten Sicht auf ihr Land we­cken. Und weil man beim Es­sen im­mer noch am bes­ten ins Er­zäh­len kommt, gab es an ei­nem Abend eine gro­ße Ein­la­dung in ein Re­stau­rant, es wur­den Kohl­rou­la­den, ein­ge­leg­te Pa­pri­ka, Sau­er­rahm und Schnaps ser­viert. Es war köst­lich. Ich saß ne­ben ei­nem Mann, der, so er­zähl­te er, mit­ten in Ru­mä­ni­en auf­ge­wach­sen sei. Sein Va­ter war Me­cha­ni­ker, sei­ne Mut­ter Schnei­de­rin. Er sprach per­fekt Eng­lisch. Wie hat­te er das ge­lernt? Es wa­ren die Acht­zi­ger­jah­re, ein Nach­bar aus sei­nem Hei­mat­dorf hat­te eine alte Pa­ra­bol­an­ten­ne aus Deutsch­land be­kom­men. Er mon­tier­te sie aufs Dach und emp­fing aus hei­te­rem Him­mel alle ita­lie­ni­schen und deut­schen Sen­der. Wenn der Nach­bar zur Ar­beit ging, schal­te­te er MTV ein, da­mit der Mann, der da­mals ein Teen­ager war, un­ge­stört gu­cken konn­te. »Es war, als ob ein Raum­schiff ge­lan­det wäre«, sag­te er. Eine an­de­re sei­ner Ge­schich­ten han­del­te da­von, dass in dem Dorf ei­nes Ta­ges ein Ne­cker­mann-Ka­ta­log auf­tauch­te. Über Jah­re hin­weg ka­men die Be­woh­ner zu sei­ner Mut­ter, der Schnei­de­rin, und ba­ten sie, die ab­ge­bil­de­ten Klei­der nach­zu­nä­hen. Die Mut­ter gab sich gro­ße Mühe, oft muss­ten alte Stof­fe für die neu­en Mo­del­le her­hal­ten, am Ende gli­chen die Klei­der den Ka­ta­log­bil­dern so halb­wegs. Heu­te wä­ren die Sa­chen sei­ner Mut­ter wahr­schein­lich der letz­te Schrei, sag­te der Mann. Heu­te, wo alle auf der Su­che sei­en nach mög­lichst in­di­vi­du­el­len Stü­cken, nach Hand­werks­kunst als Ge­gen­ent­wurf zur Mas­sen­pro­duk­ti­on. Auf dem Rück­weg vom Re­stau­rant zum Ho­tel kam ich an der Guc­ci-Bou­tique von Bu­ka­rest vor­bei. Im Fens­ter hin­gen Pull­over, die aus­sa­hen wie selbst ge­strickt. Kei­ne Preis­schil­der. Am Ende die­ses Abends er­schien mir das min­des­tens skur­ril.

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