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OTA FILIP, 87

Nach nur ei­nem Jahr Mit­glied­schaft wur­de er 1960 aus der tsche­cho­slo­wa­ki­schen Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei aus­ge­schlos­sen – zu kri­tisch trat der Jour­na­list und Schrift­stel­ler auf. Er er­hielt Schreib­ver­bot, doch heim­lich ver­fass­te Ota Fi­lip wei­ter Es­says, Hör­spie­le, so­gar Ro­ma­ne. Sein Buch »Das Café an der Stra­ße zum Fried­hof« er­schien erst 1968, da­für er­hielt er da­heim und in der Bun­des­re­pu­blik viel Lob. Sei­nen Le­bens­un­ter­halt muss­te der Sohn ei­nes Kon­di­tors aus Mäh­ren lan­ge auf dem Bau oder als Lkw-Fah­rer be­strei­ten. Der kur­ze Pra­ger Früh­ling brach­te 1968 auch für Fi­lip neue Hoff­nung – bis Trup­pen des War­schau­er Pak­tes in die Tsche­cho­slo­wa­kei ein­mar­schier­ten. Fi­lip wur­de 1969 we­gen »Un­ter­wüh­lung« des Staa­tes zu 18 Mo­na­ten Haft ver­ur­teilt. Nach 15 Mo­na­ten kam er frei, sei­ne Hei­mat muss­te er ver­las­sen. Mit Frau und zwei Kin­dern emi­grier­te er in die Bun­des­re­pu­blik. Er war wei­ter­hin sehr pro­duk­tiv, bald auch auf Deutsch: Es­says, Re­por­ta­gen, Ro­ma­ne; »Groß­va­ter und die Ka­no­ne« er­schien 1981. Die Ver­söh­nung von Su­de­ten­deut­schen und Tsche­chen lag ihm am Her­zen. Fi­lips Mei­nung wur­de ge­hört, er ge­noss Re­spekt und An­er­ken­nung. 1998 je­doch folg­te der Ab­sturz: Do­ku­men­te er­weck­ten den An­schein ei­ner Spit­zel­tä­tig­keit, Ver­rat und Feig­heit. Eine Zu­sam­men­ar­beit mit dem Staats­si­cher­heits­dienst habe es nicht ge­ge­ben, be­teu­er­te Fi­lip da­mals ge­gen­über dem SPIEGEL: »nicht wis­sent­lich und nicht wil­lent­lich«. Wäh­rend der Haft habe er al­les Mög­li­che un­ter­schrie­ben. »Nie­mand hat das Recht, die Gren­ze der Be­last­bar­keit zu de­fi­nie­ren, der nicht selbst in ähn­li­cher Si­tua­ti­on steckt. Wer kann ein Held sein, und wer schafft es nicht?« Ota Fi­lip starb am 2. März in Gar­misch-Par­ten­kir­chen.

HAYDEN WHITE, 89

Der ame­ri­ka­ni­sche His­to­ri­ker ist ver­ant­wort­lich für ei­nen ech­ten kul­tu­rel­len Schock: In sei­nen Schrif­ten, vor al­lem in sei­nem Meis­ter­werk »Me­ta­his­to­ry«, ge­wöhn­te er uns an den Ge­dan­ken, dass auch die Ge­schichts­schrei­bung letzt­lich nichts als Li­te­ra­tur ist. Wenn wir von der leuch­ten­den Re­nais­sance schrei­ben, die nach dem fins­te­ren Mit­tel­al­ter kam, oder von Auf­stieg und Fall gro­ßer Rei­che, dann fol­gen wir so den Er­zähl­for­men gro­ßer Ro­ma­ne – mit ob­jek­ti­ven Tat­sa­chen hat das nichts zu tun. Sei­ne bri­san­te Er­kennt­nis trieb vor al­lem pro­fes­sio­nel­le Ge­schichts­wis­sen­schaft­ler um, dem in­ter­es­sier­ten Pu­bli­kum blieb sein Name un­be­kannt. Und doch ist sei­ne Ar­beit ein we­sent­li­ches Ele­ment un­se­rer heu­ti­gen Deu­tung der Welt als ei­ner mul­ti­po­la­ren, in der di­ver­se Dis­kur­se um Deu­tungs­macht kon­kur­rie­ren. Hay­den Whi­te, der auch ein ex­zel­len­ter Tän­zer und Koch war, starb am 5. März im ka­li­for­ni­schen San­ta Cruz.

ACHIM BERGMANN, 74

Es war ein tap­fe­rer, manch­mal när­ri­scher Kul­tur­kampf, den der an­ar­chis­tisch ge­sinn­te Plat­ten­fir­men­chef über Jahr­zehn­te aus­ge­rech­net in Mün­chen be­trieb. Achim Berg­mann stieß Ende der Sech­zi­ger­jah­re zu dem links­ra­di­ka­len Ver­lag Tri­kont, der un­ter an­de­rem mit Schrif­ten von Che Gue­va­ra, Mao und den Be­kennt­nis­sen des Ex-Ter­ro­ris­ten Bom­mi Bau­mann Fu­ro­re mach­te. Nach wirt­schaft­li­chen Que­re­len und ei­ner Auf­spal­tung be­trieb Berg­mann die Mu­sik­spar­te des Ver­lags von 1980 an un­ter dem Na­men »Tri­kont – Un­se­re Stim­me« und mach­te sie zu ei­nem wich­ti­gen un­ab­hän­gi­gen Mu­sik­la­bel. Das Haus pu­bli­zier­te Ka­ba­ret­tis­ten wie Ge­org Rings­gwandl, afri­ka­ni­schen Funk und Ear­ly Black Rock 'n' Roll aus den USA, aber auch Songs deut­scher Künst­ler wie Rocko Scha­mo­ni. Der Mu­sik­ver­le­ger, be­rühmt für sein Tem­pe­ra­ment, sei­ne Neu­gier und sein po­li­ti­sches En­ga­ge­ment auf­sei­ten der Ent­rech­te­ten die­ser Welt, fei­er­te ver­gan­ge­nes Jahr das 50-jäh­ri­ge Grün­dungs­ju­bi­lä­um von Tri­kont. Achim Berg­mann starb am 1. März.

HELMUT MAUCHER, 90

Nest­lé trat in sein Le­ben, als er 18 Jah­re alt war. Da über­nahm der Schwei­zer Milch- und Kaf­fee­pro­du­zent die Mol­ke­rei, in der Mau­chers Va­ter ar­bei­te­te, in Ei­sen­harz im All­gäu. Nach dem Ab­itur mach­te Hel­mut Mau­cher dort eine kauf­män­ni­sche Leh­re und wech­sel­te da­nach in die deut­sche Nest­lé-Zen­tra­le in Frank­furt am Main, par­al­lel dazu stu­dier­te er BWL. Seit 1964 hat­te er Füh­rungs­po­si­tio­nen im Un­ter­neh­men inne, zwei Jahr­zehn­te lang stand er an des­sen Spit­ze, bis zum Ein­tritt in den Ru­he­stand im Jahr 2000. Mau­cher mach­te Nest­lé zum Welt­kon­zern, un­ter an­de­rem durch die Über­nah­me des ita­lie­ni­schen Pas­ta­her­stel­lers Bui­to­ni, des fran­zö­si­schen Mi­ne­ral­was­ser­fa­bri­kan­ten Per­ri­er und der bri­ti­schen Fir­ma Rown­tree, des Pro­du­zen­ten von Kit­kat und Smar­ties. Auch Hun­de­fut­ter nahm er ins Sor­ti­ment. Mau­cher war der ers­te Nicht­schwei­zer, der den Kon­zern führ­te. Ne­ga­tiv fiel sein Ge­brauch des Be­griffs »Wohl­stands­müll« für ar­beits­un­wil­li­ge Men­schen auf – er wur­de zum Un­wort des Jah­res 1997. Hel­mut Mau­cher starb am 5. März in Bad Hom­burg.

DAVIDE ASTORI, 31

Wenn ein Pro­fi­sport­ler im bes­ten Al­ter stirbt, gibt es ne­ben gro­ßer An­teil­nah­me schnell auch Spe­ku­la­tio­nen über die Ur­sa­che: ein an­ge­bo­re­ner, un­ent­deck­ter Herz­feh­ler, eine ver­schlepp­te Ent­zün­dung, Do­ping? Die Staats­an­walt­schaft in Udi­ne gab am ver­gan­ge­nen Diens­tag be­kannt, dass Da­vi­de As­to­ri, ein sehr be­lieb­ter In­nen­ver­tei­di­ger und Ka­pi­tän des AC Flo­renz, ei­nes na­tür­li­chen To­des ge­stor­ben sei. Na­tür­lich soll hei­ßen: kein Selbst­mord, kein Fremd­ver­schul­den. Wor­an As­to­ri wirk­lich ge­stor­ben ist, müs­sen nun ge­naue Ge­we­be­ana­ly­sen er­ge­ben. Fest steht, dass sein Tod eine neue De­bat­te dar­über aus­lö­sen wird, wie es um Ge­sund­heits­kon­trol­len un­ter Pro­fi­sport­lern be­stellt ist. As­to­ri hat­te in 289 Be­geg­nun­gen der Se­rie A ge­spielt und war 14-mal für die ita­lie­ni­sche Na­tio­nal­mann­schaft an­ge­tre­ten. Da­vi­de As­to­ri wur­de am 4. März in Udi­ne tot auf­ge­fun­den.

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