Nach­rufe

LEWIS GILBERT, 97

Fast ein hal­bes Jahr­hun­dert be­vor Ke­vin Spacey in der TV-Se­rie »Hou­se of Cards« di­rekt in die Ka­me­ra und da­mit schein­bar zum Zu­schau­er sprach, durch­brach der bri­ti­sche Re­gis­seur be­reits die vier­te Wand im Kino. In der Ko­mö­die »Der Ver­füh­rer lässt schön grü­ßen«, die 1967 für fünf Os­cars no­mi­niert war, ließ Le­wis Gil­bert den jun­gen Mi­cha­el Cai­ne als dreis­ten Char­me­bol­zen mit der Ka­me­ra flir­ten. Gil­berts El­tern wa­ren Mu­sic-Hall-Per­for­mer, schon als Kind stand er auf der Büh­ne und trug maß­geb­lich zum Fa­mi­li­en­ein­kom­men bei. Er ar­bei­te­te vor und hin­ter der Ka­me­ra, as­sis­tier­te Al­fred Hitch­cock und dreh­te für die Roy­al Air Force Do­ku­men­tar­fil­me. Die Er­fah­rung des Zwei­ten Welt­kriegs präg­te ihn. Im­mer wie­der in­sze­nier­te er im Kino Kämp­fe – auf dem Was­ser, zu Lan­de oder in der Luft. Er war wie ge­schaf­fen für die Ja­mes-Bond-Fil­me, von de­nen er gleich drei dreh­te: »Man lebt nur zwei­mal« (1967), »Der Spi­on, der mich lieb­te« (1977) und »Moon­ra­ker – Streng ge­heim« (1979). Er fei­er­te 007 als Hel­den, der über­all in sei­nem Ele­ment ist, in den Tie­fen ei­nes Vul­kans, auf dem Bo­den des Mee­res und so­gar im Welt­raum. Le­wis Gil­bert starb am 23. Fe­bru­ar in Mo­na­co.

WALENTIN FALIN, 91

Vie­le sei­ner Ver­wand­ten fie­len der deut­schen Be­la­ge­rung von Le­nin­grad im Zwei­ten Welt­krieg zum Op­fer. Wa­len­tin Fa­lin woll­te die Fein­de von einst wohl ver­ste­hen, er stu­dier­te Ger­ma­nis­tik und Völ­ker­recht. Per­sön­lich lern­te er die Deut­schen dann 1950 als Mit­ar­bei­ter der So­wje­ti­schen Kon­troll­kom­mis­si­on in der DDR ken­nen. Als Di­plo­mat wur­de Fa­lin ei­ner der wich­tigs­ten Deutsch­land­ex­per­ten Mos­kaus. En­gen Kon­takt mit den West­deut­schen, vor al­lem mit Wil­ly Brandts au­ßen­po­li­ti­schem Ex­per­ten Egon Bahr, pfleg­te Fa­lin als Bot­schaf­ter in Bonn von 1971 bis 1978. Er ver­stand Po­li­tik und Di­plo­ma­tie als die Kunst des Mög­li­chen. Nach Ende sei­ner Bot­schaf­ter­zeit wech­sel­te er in die In­ter­na­tio­na­le Ab­tei­lung des Zen­tral­ko­mi­tees (ZK) der KPdSU. Da er dort nach ei­ge­ner Aus­sa­ge we­gen sei­ner fle­xi­blen Hal­tung ge­gen­über der Bun­des­re­pu­blik »in Un­gna­de« fiel, war er von 1983 an zu­nächst bei der Ta­ges­zei­tung »Is­wes­ti­ja«, spä­ter als Lei­ter der Pres­se­agen­tur No­wos­ti tä­tig. KPdSU-Ge­ne­ral­se­kre­tär Mi­ch­ail Gor­bat­schow hol­te Fa­lin 1988 in die In­ter­na­tio­na­le Ab­tei­lung des ZK zu­rück. Der Deutsch­land­ken­ner hielt die Wie­der­ver­ei­ni­gung für his­to­risch le­gi­tim. Er riet Gor­bat­schow, die Zu­stim­mung zur deut­schen Ein­heit nicht an po­li­ti­sche Be­din­gun­gen zu knüp­fen. Nach dem Zer­fall der So­wjet­uni­on war Fa­lin für das In­sti­tut für Frie­dens­for­schung und Si­cher­heits­po­li­tik an der Uni­ver­si­tät Ham­burg tä­tig. Wa­len­tin Fa­lin starb am 22. Fe­bru­ar in Mos­kau. ukl

ULRICH PLEITGEN, 71

Der Sohn ei­nes Leh­rers und ei­ner Bi­blio­the­ka­rin ab­sol­vier­te in sei­ner Hei­mat­stadt Han­no­ver die Aus­bil­dung zum Schau­spie­ler. Sei­ne Kar­rie­re be­gann un­ter Bo­le­s­law Bar­log an Ber­lins Staat­li­chen Schau­spiel­büh­nen – und schon als 26-Jäh­ri­ger wur­de Ul­rich Pleit­gen von Kri­ti­kern zum Schau­spie­ler des Jah­res aus­ge­ru­fen. Er ar­bei­te­te mit Re­gis­seu­ren wie Hans Lietzau und B. K. Tra­ge­lehn, spiel­te in Claus Pey­manns En­sem­bles in Stutt­gart und Bo­chum und war dort 1980 der be­ju­bel­te Ti­tel­held in »Tor­qua­to Tas­so«. Nach ei­nem lan­gen En­ga­ge­ment am Ham­bur­ger Tha­lia Thea­ter un­ter Jür­gen Flimm ver­leg­te er sich mehr und mehr auf Fern­seh­rol­len. Durch Se­ri­en wie »Fa­mi­lie Dr. Kleist« wur­de Pleit­gen zu ei­nem po­pu­lä­ren Cha­rak­ter­kopf der TV-Land­schaft. Selbst in Schur­ken­rol­len zeich­ne­te er sich durch eine klu­ge Ver­schmitzt­heit aus, sei­ne ko­mi­sche Be­ga­bung glänz­te auch in eher mit­tel­mä­ßi­gen Un­ter­hal­tungs­fil­men. Ul­rich Pleit­gen starb am 21. Fe­bru­ar in Ham­burg.

EKKEHART KRIPPEN­DORFF, 83

Der Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler gilt als Weg­be­rei­ter der 68er-Be­we­gung – ob­wohl er sich selbst nie da­zu­zähl­te. Nach dem Stu­di­um in Frei­burg und Tü­bin­gen ging Ek­ke­hart Krip­pen­dorff 1960 für drei Jah­re als Sti­pen­di­at in die USA, wo er an den Uni­ver­si­tä­ten Har­vard und Yale die Wir­kung zi­vi­len Un­ge­hor­sams be­ob­ach­ten konn­te und, wie er sag­te, »den auf­rech­ten aka­de­mi­schen Gang« ge­lernt habe. Zu­rück in Deutsch­land, ar­bei­te­te er an der FU Ber­lin als Pri­vat­do­zent und be­rich­te­te den Stu­den­ten von De­mons­tra­ti­ons­for­men, die er in Ame­ri­ka ken­nen­ge­lernt hat­te: etwa dem Sit-in und Go-in. Nach­dem Krip­pen­dorff den Rek­tor öf­fent­lich kri­ti­siert hat­te und der ihm kün­dig­te, kam es zu hef­ti­gen Pro­tes­ten. Krip­pen­dorff ver­ur­teil­te die USA für den Viet­nam­krieg, er sprach sich für ge­walt­frei­es Han­deln aus, for­der­te eine »Bun­des­re­pu­blik ohne Ar­mee« und wur­de zu ei­nem Grün­der­va­ter der Frie­dens­for­schung. Von 1978 bis 1999 lehr­te er am Otto-Suhr-In­sti­tut der FU Ber­lin, sei­ne Lei­den­schaft galt dem Thea­ter. Ek­ke­hart Krip­pen­dorff starb am 27. Fe­bru­ar in Ber­lin.

HERBERT EHRENBERG, 91

»Die Künst­ler­ren­te droht am Wi­der­stand der FDP zu schei­tern«, schrieb der SPIEGEL 1980. Doch die So­zi­al­de­mo­kra­ten setz­ten sich durch. Noch heu­te gilt die Künst­ler­so­zi­al­kas­se als Her­bert Eh­ren­bergs kul­tur­po­li­ti­sches Ver­mächt­nis. Sie ge­währ­leis­tet die Kran­ken-, Pfle­ge- und Ren­ten­ver­sor­gung für rund 187 000 deut­sche Kul­tur­schaf­fen­de. Der lang­jäh­ri­ge SPD-Ab­ge­ord­ne­te galt als Dick­schä­del, ste­tig ver­such­te er, die Si­tua­ti­on der Ar­beit­neh­mer zu ver­bes­sern. Eh­ren­berg war nicht nur Bun­des­mi­nis­ter für Ar­beit und So­zi­al­ord­nung un­ter Hel­mut Schmidt, son­dern be­riet auch die letz­te DDR-Re­gie­rung beim Auf­bau ei­ner zen­tra­len Ar­beits­ver­wal­tung und war Mit­be­grün­der des kon­ser­va­ti­ven See­hei­mer Krei­ses. Der Sohn ei­nes Land­wirts wand­te sich erst spät der Po­li­tik zu. Nach Kriegs­dienst und Ge­fan­gen­schaft hat­te er als Po­li­zist, Volks­wirt und Funk­tio­när der IG Bau-Stei­ne-Er­den ge­ar­bei­tet. Her­bert Eh­ren­berg starb am 20. Fe­bru­ar in Wil­helms­ha­ven, nur fünf Wo­chen nach sei­ner Frau Ilse.

Sie lesen die Vorschau

Sie haben diese Ausgabe bereits gekauft oder ein digitales Abo? Dann melden Sie sich mit Ihrer SPIEGEL-ID an, um den vollständigen Artikel zu lesen. MIT SPIEGEL+ LESEN – GRATIS TESTEN

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 10/2018.