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GE­STOR­BEN

JOHN HURT, 77

Er al­ter­te nicht, er ver­wit­ter­te, das Le­ben selbst schien im­mer tie­fe­re und brei­te­re Fur­chen in das Ge­sicht des bri­ti­schen Schau­spie­lers zu gra­ben. Hurt war ei­ner der gro­ßen Cha­rak­ter­dar­stel­ler des Ki­nos. Kaum je­mand konn­te so über­zeu­gend Män­ner spie­len, bei de­nen un­klar war, ob sich ihre Bril­lanz dem In­tel­lekt oder dem Al­ko­hol ver­dank­te – wie etwa den Ge­heim­dienst­chef Con­trol in der John-le-Car­ré-Ver­fil­mung „Dame, Kö­nig, As, Spi­on“ (2011). Das Böse war oft nicht weit, wenn Hurt in ei­nem Film auf­tauch­te, im­mer wie­der ver­kör­per­te er es auch, ob er nun ei­nen Kil­ler spiel­te oder ei­nen As­tro­nau­ten, der nicht ahnt, dass ein au­ßer­ir­di­sches We­sen in ihm her­an­wächst. Hurt hat­te die sel­te­ne Qua­li­tät, sei­ne Zu­schau­er stän­dig im Un­ge­wis­sen zu las­sen, auf wel­cher Sei­te der Mo­ral oder des Ge­set­zes er stand. Nicht zu­letzt des­halb konn­te er dem Zau­ber­stab­ma­cher Mr Ol­li­van­der in den „Har­ry Pot­ter“-Fil­men eine un­heim­li­che Aura ver­lei­hen. John Hurt starb am 25. Ja­nu­ar im eng­li­schen Cro­mer an Krebs.

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EMMANUELLE RIVA, 89

Die Stim­me der fran­zö­si­schen Schau­spie­le­rin schien je­den Text in Poe­sie ver­wan­deln zu kön­nen, manch­mal ent­fal­te­te sie eine fast hyp­no­ti­sche Wir­kung. In ih­rem ers­ten gro­ßen Film „Hi­ro­shi­ma mon amour“ (1959), in dem Riva ei­nen Film­star in Ja­pan ver­kör­pert, hat­te sie sehr viel Text, er han­del­te vom Atom­bom­ben­ab­wurf und des­sen Op­fern. Riva wirk­te wie eine Traum­wand­le­rin der End­zeit, je­des Wort sprach sie aus, als könn­te es ihr letz­tes sein, jede Sil­be eine Kost­bar­keit. Riva ent­wi­ckel­te im eu­ro­päi­schen Kino für kur­ze Zeit eine ganz ei­ge­ne Aura, wann im­mer sie auf der Lein­wand auf­tauch­te, schien sie nicht ganz von die­ser Welt zu sein. Viel­leicht war das der Grund, war­um ihre Kar­rie­re schon in den Sech­zi­ger­jah­ren ins Sto­cken kam. Riva, die in ih­ren Fil­men oft et­was ver­lo­ren wirk­te, ent­sprach kaum der Vor­stel­lung der zu­pa­cken­den, mo­der­nen Frau. Vor ei­ni­gen Jah­ren ent­deck­te sie der Öster­rei­cher Mi­cha­el Ha­n­eke wie­der und gab ihr in dem Film „Lie­be“ (2012) ei­nen groß­ar­ti­gen und über­aus be­rüh­ren­den Auf­tritt: als Ehe­frau, die plötz­lich stirbt, aber in den Er­in­ne­run­gen ih­res Man­nes über­aus le­ben­dig bleibt – und ihn am Ende mit ins Reich der To­ten lockt. Em­ma­nu­el­le Riva starb am 27. Ja­nu­ar in Pa­ris.

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MASAYA NAKAMURA, 91

Der Ja­pa­ner galt als der „Va­ter“ von Pac-Man, des wohl er­folg­reichs­ten Vi­deo­spiels al­ler Zei­ten. 1980 brach­te es sei­ne Fir­ma Nam­co auf den Markt. Be­gon­nen hat­te Na­ka­mu­ra 1955 mit zwei elek­tri­schen Reit­pfer­den für Kin­der auf dem Dach ei­nes Kauf­hau­ses in Yo­ko­ha­ma. Fast 20 Jah­re spä­ter über­nahm er die ja­pa­ni­sche Spar­te von Ata­ri und stieg so in das lu­kra­ti­ve Vi­deo­spiel­ge­schäft ein. Wei­te­re Spie­le­klas­si­ker von Nam­co sind Tek­ken und Ridge Ra­cer. Bis zum Schluss be­stimm­te der Chef die Spiel­re­geln. Ma­sa­ya Na­ka­mu­ra starb be­reits am 22. Ja­nu­ar, hat­te aber ver­fügt, dass die To­des­nach­richt erst nach der Trau­er­fei­er ver­öf­fent­licht wird.

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JÖRG ANDREES ELTEN, 89

Der da­ma­li­ge Re­por­ter des „Stern“ war 50, als er in In­di­en den um­strit­te­nen Guru Bhag­wan traf. Es führ­te zu ei­nem Bruch in sei­nem Le­ben. El­ten ließ sein Jour­na­lis­ten­da­sein hin­ter sich und wohn­te fort­an in der Nähe des Meis­ters. Erst in In­di­en, dann in den USA. Er wur­de Deutsch­lands be­kann­tes­ter und zu­gleich er­folg­reichs­ter Aus­stei­ger. Sein Be­richt „Ganz ent­spannt im Hier und Jetzt“ (1979) wur­de zum Kult­buch ei­ner gan­zen Sze­ne. Jahr­zehn­te spä­ter kehr­te er nach Deutsch­land zu­rück, gab selbst Kur­se in Me­di­ta­ti­on. Wer ihn traf, merk­te, dass im­mer noch bei­de See­len in ihm wohn­ten: der Jour­na­list und der Be­kehr­te. Am Ende hat er sie ir­gend­wie doch ver­eint. Jörg An­d­rees El­ten starb am 29. Ja­nu­ar im meck­len­bur­gi­schen Stells­ha­gen.

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BRUNHILDE POMSEL, 106

Seit 1942 ar­bei­te­te sie im Vor­zim­mer von Jo­seph Go­eb­bels, und viel spä­ter, im ho­hen Al­ter, ließ sie sich nicht un­gern über die­se Zeit be­fra­gen. Sie er­zähl­te von ih­rem Ar­beits­platz im NS-Pro­pa­gan­da­mi­nis­te­ri­um ("al­les sehr schick"), von ih­ren Rou­ti­ne­auf­ga­ben im Kreis von bis zu sechs Se­kre­tä­rin­nen ("ziem­lich lang­wei­lig"). Doch auf die Fra­ge, was sie ge­wusst habe, er­klär­te sie nur, ihre Dis­kre­ti­on habe sie da­von ab­ge­hal­ten, in die Ak­ten zu schau­en. Ge­lernt hat­te die Ber­li­ne­rin bei ei­nem jü­di­schen Rechts­an­walt, der 1933 emi­grier­te. Sie be­kam dann eine Stel­le beim Rund­funk und trat wie ge­wünscht in die NS­DAP ein – „war­um nicht?“. Schließ­lich habe ihr der Sen­der „ein dol­les Ge­halt“ ge­zahlt, 250 Mark im Mo­nat. So wur­de sie zu ei­ner klei­nen Stüt­ze des ver­bre­che­ri­schen Re­gimes, sah sich selbst aber zeit­le­bens als „völ­lig un­po­li­tisch“. Als Go­eb­bels im Fe­bru­ar 1943 sei­ne Rede über den „to­ta­len Krieg“ hielt, wur­de sie mit ei­ner Kol­le­gin in den Sport­pa­last ge­fah­ren, um mit­zu­ju­beln. Fünf Jah­re Haft ver­büß­te sie nach dem Krieg in La­gern der so­wje­ti­schen Be­sat­zungs­macht, dann ging sie wie­der zum Rund­funk, als Se­kre­tä­rin beim neu ge­grün­de­ten Süd­west­funk in Ba­den-Ba­den. Brun­hil­de Pom­sel starb am 27. Ja­nu­ar in Mün­chen.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 6/2017.