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CHARLES BRADLEY, 68

Für eine ernst­haf­te Kar­rie­re kam er zu spät, sei­ne Freu­de an der Mu­sik schmä­ler­te das nicht. Als er 2011 sein De­büt­al­bum her­aus­brach­te, war er schon 62 Jah­re alt und die gro­ße Zeit des Soul lan­ge vor­bei. Als Ju­gend­li­cher hat­te Charles Brad­ley den gro­ßen Soul­sän­ger Ja­mes Brown 1962 bei ei­ner sei­ner le­gen­dä­ren Shows im Apol­lo Thea­ter in Har­lem ge­se­hen; seit­her war er fas­zi­niert von die­ser Mu­sik. Brad­ley lern­te Koch und ar­bei­te­te jah­re­lang in dem Be­ruf. Erst Mit­te der Neun­zi­ger be­gann sei­ne Mu­sik­kar­rie­re mit Li­ve­auf­trit­ten: als Ja­mes-Brown-Imi­ta­tor in Brook­lyn. Dort wur­de er ent­deckt, und ein klei­nes La­bel nahm ihn un­ter Ver­trag. Drei groß­ar­ti­ge Al­ben spiel­te Brad­ley ein, die den Geist der al­ten Soul­mu­sik at­men und doch von ei­nem zeit­ge­nös­si­schen Ge­fühl ge­tra­gen sind. Das ers­te, „No Time For Drea­m­ing“, ist so gut, dass es schon in den Sech­zi­gern ein Er­folg hät­te wer­den kön­nen. Brad­ley tour­te um die Welt und spiel­te auch in Deutsch­land um­ju­bel­te Kon­zer­te. Charles Brad­ley starb am 23. Sep­tem­ber an Ma­gen­krebs in New York.

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JAKE LAMOTTA, 95

Das „Ei­ser­ne Kinn“ wur­de er ge­nannt, „Atom­bom­ber“, und als „Ra­ging Bull“ in­spi­rier­te der eins­ti­ge ame­ri­ka­ni­sche Box­welt­meis­ter im Mit­tel­ge­wicht Ro­bert De Niro zu Höchst­leis­tun­gen. Für sein Spiel in dem gleich­na­mi­gen Film (deutsch: „Wie ein wil­der Stier“, 1980), der auf La­Mot­tas Au­to­bio­gra­fie be­ruht, er­hielt De Niro ei­nen Os­car. Als Gi­a­cob­be La­Mot­ta in New York ge­bo­ren, wuchs der Sohn ita­lie­ni­scher Ein­wan­de­rer in ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen auf. Sein Va­ter blieb der ein­zi­ge Mann, vor dem er Angst hat­te. Der schlug ihn re­gel­mä­ßig und zwang ihn zu Prü­ge­lei­en mit an­de­ren Kin­dern: Die Er­wach­se­nen wet­te­ten auf den Sie­ger – das Geld, das da­bei her­aus­sprang, half Fa­mi­lie La­Mot­ta, die Mie­te zu zah­len. Mit 19 Jah­ren, 1941, kämp­fe Jake La­Mot­ta sei­nen ers­ten pro­fes­sio­nel­len Kampf. Laut Sta­tis­tik wa­ren es am Ende sei­ner Kar­rie­re 106, von de­nen er 83 ge­wann, der „Bul­le aus der Bronx“ sieg­te 30-mal mit K. o. Beim sechs­ten und letz­ten Kampf ge­gen den Geg­ner sei­nes Le­bens – „Su­gar“ Ray Ro­bin­son, der ihm 1951 nach knapp zwei Jah­ren den Welt­meis­ter­ti­tel wie­der ab­nahm – hing er am Ende halb be­wusst­los in den Sei­len, zu Bo­den ging er nicht. Ver­schla­gen sei er, groß­mäu­lig, ein Lüg­ner und Be­trü­ger, glaub­ten vie­le. Tat­säch­lich gab La­Mot­ta zu, 1947 auf Druck der Ma­fia ei­nen Kampf ab­sicht­lich ver­lo­ren zu ha­ben. Er ge­stand auch eine Ver­ge­wal­ti­gung und dass er alle sei­ne sechs Ehe­frau­en ge­schla­gen habe. Er sei leicht wü­tend ge­wor­den, er­klär­te der Mann, der als ei­ner der här­tes­ten Bo­xer gilt – und: „Ich war ein nichts­nut­zi­ger Bas­tard.“ Jake La­Mot­ta starb am 19. Sep­tem­ber in Aven­tura, Flo­ri­da.

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BERNIE CASEY, 78

Für je­den Schau­spie­ler ist es eine eher un­dank­ba­re Auf­ga­be, ne­ben Sean Con­ne­ry be­ste­hen zu müs­sen. Ber­nie Ca­sey mach­te das Bes­te dar­aus: Im Bond-Film „Sag nie­mals nie“ (1983) ver­kör­per­te er den CIA-Agen­ten Fe­lix Lei­ter. Die Fi­gur taucht in ei­ni­gen Bond-Fil­men auf, die Dar­stel­ler wech­sel­ten. Ca­sey war der ers­te Afro­ame­ri­ka­ner in die­ser Rol­le, die Ide­al­be­set­zung. Zu­vor spiel­te er in so­ge­nann­ten Blax­ploi­ta­ti­on-Fil­men mit, Ac­tion­kri­mis, die in ers­ter Li­nie für ein schwar­zes Pu­bli­kum pro­du­ziert wur­den und des­sen neu­es Selbst­be­wusst­sein zeig­ten. In den Sech­zi­ger­jah­ren hat­te Ca­sey in den USA als Foot­ball­pro­fi Kar­rie­re ge­macht. Doch der Sport füll­te ihn nicht aus: „Ich hal­te mich für ei­nen Künst­ler, der Foot­ball spielt, nicht für ei­nen Sport­ler, der malt.“ Ne­ben der Ma­le­rei spiel­te er vie­le Ne­ben­rol­len, vor al­lem in Ko­mö­di­en ("Die Ra­che der Ei­er­köp­fe"). 1997 ver­ant­wor­te­te er als Dreh­buch­au­tor und Re­gis­seur ei­nen ei­ge­nen Film: In „The Din­ner“ re­den drei Afro­ame­ri­ka­ner über Ras­sis­mus. Ber­nie Ca­sey starb am 19. Sep­tem­ber in Los An­ge­les.

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MOHAMMED MAHDI AKIF, 89

Über 70 Jah­re lang dien­te der Ägyp­ter Mo­ham­med Mah­di Akif den Mus­lim­brü­dern, ei­ner der ein­fluss­reichs­ten is­la­mis­ti­schen Be­we­gun­gen des Na­hen Os­tens, bis 2010 auch ei­ni­ge Jah­re als ihr An­füh­rer. Ins­ge­samt ver­brach­te der Ak­ti­vist 26 Jah­re im Ge­fäng­nis, zu­letzt seit 2013, nach­dem die ägyp­ti­sche Ar­mee ge­gen die Re­gie­rung des Prä­si­den­ten Mo­ha­med Mor­si putsch­te und Hun­der­te hoch­ran­gi­ge Mus­lim­brü­der ver­haf­te­te. Als jun­ger Mann hat­te sich Akif dem be­waff­ne­ten Kampf der Or­ga­ni­sa­ti­on an­ge­schlos­sen, ge­gen die bri­ti­sche Be­sat­zung. Is­ra­el nann­te er ein „Krebs­ge­schwür“, den Ho­lo­caust ei­nen „My­thos“. Mo­ham­med Mah­di Akif starb am 22. Sep­tem­ber in ei­nem Kai­ro­er Ge­fäng­nis­hos­pi­tal an Krebs.

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ENE MIHKELSON, 72

Die est­ni­sche Schrift­stel­le­rin und Dich­te­rin war 34 Jah­re alt, als sie ih­ren ers­ten Ge­dicht­band mit dem Ti­tel „Die Sät­ze die­ses Win­ters“ ver­öf­fent­lich­te. Der düs­te­re Ton, der aus den Zei­len des De­büts sprach, soll­te be­stim­mend blei­ben für die Ly­rik und die Ro­ma­ne, die Ene Mih­kel­son im Lau­fe ih­res Le­bens schrieb. Ih­rem Werk lag eine trau­ma­ti­sche Er­fah­rung zu­grun­de: Sie war fünf Jah­re alt, als ihre El­tern sich als Par­ti­sa­nen in die est­ni­schen Wäl­der zu­rück­zo­gen, um die so­wje­ti­schen Be­sat­zer in Est­land zu be­kämp­fen. Ihr Va­ter kam da­bei ums Le­ben, zeit­wei­se wuchs sie bei ih­rer Tan­te auf. Mih­kel­sons Werk ist ge­prägt von ei­ner ho­hen sprach­li­chen Ver­dich­tung, sie zwäng­te Ge­füh­le, Er­eig­nis­se, Re­fle­xio­nen in Wort­fol­gen und ver­mied in ih­rer Ly­rik jede Form des Reims. In Est­land war Mih­kel­son, die auch als Leh­re­rin ge­ar­bei­tet hat­te, bald an­er­kannt und viel­fach aus­ge­zeich­net. Ob­wohl ihr Werk hier­zu­lan­de nur Ken­nern ein Be­griff ist, er­hielt die Schrift­stel­le­rin 2006 den re­nom­mier­ten Her­der-Preis. Ene Mih­kel­son starb am 20. Sep­tem­ber in Tar­tu.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 55/2017.