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GE­STOR­BEN

GEORG IGGERS, 90

Der deutsch-ame­ri­ka­ni­sche His­to­ri­ker be­schäf­tig­te sich vor­nehm­lich mit der ei­ge­nen Bran­che, also mit der Ge­schich­te der Ge­schichts­wis­sen­schaf­ten. Ge­org Ig­gers schrieb über die gro­ßen Hel­den sei­nes Fachs, von Her­der und Hum­boldt bis zu Rit­ter und Ro­th­fels. Sein Haupt­werk „Deut­sche Ge­schichts­wis­sen­schaft“ (1968) wur­de als Ab­rech­nung mit der na­tio­na­lis­ti­schen Ideo­lo­gie des deut­schen His­to­ris­mus ge­le­sen. 1938 war er, noch un­ter dem Na­men Ge­org Ger­son Igers­hei­mer, mit sei­nen jü­di­schen El­tern aus Ham­burg in die USA emi­griert, er schlug die aka­de­mi­sche Lauf­bahn ein und lehr­te mehr als 30 Jah­re lang an der Sta­te Uni­ver­si­ty of New York in Buf­fa­lo. Zu­sam­men mit sei­ner Frau, der Ger­ma­nis­tin Wil­ma Ig­gers, führ­te er ein trans­at­lan­ti­sches Ge­lehr­ten­le­ben zwi­schen den USA und Deutsch­land, ver­bun­den mit vie­len Aus­zeich­nun­gen und Eh­run­gen. In Eu­ro­pa kaum be­kannt war hin­ge­gen sein En­ga­ge­ment für die ame­ri­ka­ni­sche Bür­ger­rechts­be­we­gung. Sen­si­bi­li­siert durch die Er­fah­rung der Ju­den­ver­fol­gung, kämpf­te er schon in den Fünf­zi­ger­jah­ren ge­gen die Ras­sen­tren­nung an Schu­len und Hoch­schu­len in den USA. Auch dank sei­ner In­itia­ti­ve wur­den da­mals schwar­ze Stu­den­ten an Col­le­ges zu­ge­las­sen, die zu­vor Wei­ßen vor­be­hal­ten wa­ren. Ge­org Ig­gers starb am 26. No­vem­ber in Am­herst, Mas­sa­chu­setts.

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SLOBODAN PRALJAK, 72

Ge­ra­de hat­te der Rich­ter am Ju­go­sla­wi­en-Tri­bu­nal in Den Haag zur Ur­teils­ver­kün­dung an­ge­setzt, da fiel ihm Pral­jaks An­wäl­tin ins Wort: „Mein Man­dant sagt, er habe Gift ge­nom­men.“ Zu­vor hat­te der eins­ti­ge Mi­li­tär­chef der bos­ni­schen Kroa­ten im­mer wie­der sei­ne Un­schuld be­teu­ert. Er sei kein Kriegs­ver­bre­cher. Doch schon 2013 hat­te ihn das in­ter­na­tio­na­le Ge­richt zu 20 Jah­ren Haft ver­ur­teilt. Wäh­rend des Bos­ni­en­kriegs von 1992 bis 1995 habe er sich als Draht­zie­her von Plün­de­run­gen, Mor­den und Mas­sen­ver­ge­wal­ti­gun­gen schul­dig ge­macht. Pral­jak wur­de auch die Zer­stö­rung der be­rühm­ten Brü­cke in Mostar an­ge­las­tet. Sie hat­te jahr­hun­der­te­lang den mus­li­mi­schen und den kroa­ti­schen Orts­teil ver­bun­den. Der spek­ta­ku­lä­re Selbst­mord wirft ein schlech­tes Licht auf das Ju­go­sla­wi­en-Tri­bu­nal, dem es ge­lun­gen war, mehr als 80 Kriegs­ver­bre­cher zu ver­ur­tei­len, Ver­ant­wort­li­che für die schlimms­ten Ge­met­zel in Eu­ro­pa seit dem Zwei­ten Welt­krieg. Wie konn­te Pral­jak an die klei­ne brau­ne Fla­sche mit dem Gift ge­lan­gen und sie in den Ge­richts­saal schmug­geln? Slo­bo­dan Pral­jak starb am 29. No­vem­ber in ei­nem Kran­ken­haus in Den Haag.

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SHADIA, 86

Auch Jahr­zehn­te nach­dem sie sich aus der Öffent­lich­keit zu­rück­ge­zo­gen hat­te, war die Schau­spie­le­rin in ih­rer Hei­mat Ägyp­ten eine Be­rühmt­heit. Sha­dia, die ei­gent­lich Fa­ti­ma Ah­med Ka­mal Shaker hieß, be­gann ihre Kar­rie­re als Teen­ager und dreh­te im Lau­fe ih­res Le­bens mehr als hun­dert Fil­me. Nicht nur ihr schau­spie­le­ri­sches Ta­lent, auch ihre Stim­me be­geis­ter­ten die Leu­te – ihre Lie­der sind im ara­bisch­spra­chi­gen Raum noch heu­te im Ra­dio zu hö­ren. In ih­ren Rol­len spiel­te Sha­dia mal eine städ­ti­sche Kar­rie­re­frau, mal ein Mäd­chen vom Land. Sie wur­de zu­neh­mend re­li­gi­ös, und als sie äl­ter wur­de, woll­te sie nicht mehr vor die Ka­me­ra: „Ich mag es ein­fach nicht, wenn Leu­te Fal­ten in mei­nem Ge­sicht se­hen.“ Dass ihr Ruhm des­halb nicht ver­blass­te, zeig­te sich, als sie An­fang No­vem­ber nach ei­nem Schlag­an­fall ins Kran­ken­haus ein­ge­lie­fert wur­de. Erst wur­de ihr das dies­jäh­ri­ge Cai­ro In­ter­na­tio­nal Film Fes­ti­val ge­wid­met, kurz dar­auf be­such­ten der ägyp­ti­sche Prä­si­dent und sei­ne Frau sie im Kran­ken­haus. Sha­dia starb am 28. No­vem­ber an den Fol­gen ih­res Schlag­an­falls in Kai­ro.

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ANTHONY SENERCHIA, 46

Der Bau­in­ge­nieur und High­school-Foot­bal­ler aus der Klein­stadt Pel­ham im Bun­des­staat New York gab den An­lass da­für, dass welt­weit 17 Mil­lio­nen Men­schen sich ei­nen Ei­mer vol­ler Eis­was­ser über den Kopf gos­sen – dar­un­ter Be­rühmt­hei­ten wie Leo­nar­do Di­Ca­prio und Mark Zu­cker­berg. Se­ner­chia litt be­reits seit elf Jah­ren an der töd­li­chen Ner­ven­krank­heit ALS (Amyo­tro­phe La­te­ral­skle­ro­se), als sei­ne Frau im Juli 2014 auf­ge­for­dert wur­de, an der da­mals noch un­be­kann­ten und kei­ner be­stimm­ten Krank­heit ver­pflich­te­ten Cha­ri­ty­ak­ti­on „Ice Bu­cket Chal­len­ge“ teil­zu­neh­men. Um ih­ren Mann zu un­ter­stüt­zen, füg­te sie ih­rem Post den Hash­tag #StrikeOu­tALS hin­zu. Von Pel­ham aus wur­de die Ak­ti­on in­ner­halb kür­zes­ter Zeit zum In­ter­net­phä­no­men, in­ner­halb von acht Wo­chen ka­men 115 Mil­lio­nen Dol­lar an Spen­den­gel­dern für die ALS-For­schung zu­sam­men. An­t­ho­ny Se­ner­chia starb am 25. No­vem­ber.

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JON HENDRICKS, 96

Mit sei­nem Ge­sang er­wei­ter­te er die Mög­lich­kei­ten des Jazz. Auf in­stru­men­ta­le Stü­cke zu sin­gen, und das nicht nur in Form von ein­zel­nen Sil­ben, son­dern mit rich­ti­gen Tex­ten – die­ser Stil nennt sich Vo­ca­le­se. Er wur­de in den Fünf­zi­ger­jah­ren maß­geb­lich von dem ame­ri­ka­ni­schen Ge­sangs­trio Lam­bert, Hend­ricks & Ross ge­prägt. Klas­si­sche in­stru­men­ta­le Soli von Stars wie etwa Count Ba­sie ver­sa­hen sie mit Tex­ten und mach­ten dar­aus et­was Ei­ge­nes. Das Trio nahm meh­re­re Al­ben auf, den Groß­teil der Tex­te schrieb Jon Hend­ricks – und wur­de vom Nach­rich­ten­ma­ga­zin „Time“ des­we­gen zum „Ja­mes Joy­ce des Jive“ ge­kürt. Als sich das Trio in den Sech­zi­gern auf­lös­te, be­gann Hend­ricks sei­ne So­lo­kar­rie­re und stand auch 40 Jah­re spä­ter noch auf Büh­nen. Wäh­rend ei­nes Auf­tritts ver­kün­de­te der da­mals 80-Jäh­ri­ge, dass 100 die nächs­te Etap­pe sei. Jon Hend­ricks starb am 22. No­vem­ber in New York City.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 49/2017.