Auf dem Weg in die Zukunft

Der Historiker Philipp Ther zeigt, dass Flüchtlinge in Europa schon immer Die Außenseiter waren.
Von Tobias Rapp

Flücht­lin­ge in Ido­me­ni, Grie­chen­land, 2015

E S BE­GINNT IN GRIE­CHEN­LAND, wo sonst. Zwi­schen Men­schen, die den Weg übers Meer ge­sucht ha­ben, um sich in Si­cher­heit zu brin­gen, und die nun in pro­vi­so­ri­schen La­gern dar­auf war­ten, ir­gend­wo un­ter­zu­kom­men. Flücht­lin­ge. Es ist aber das Jahr 1923, nicht 2015. Die Rou­te, um sich vor den Kon­flik­ten im ehe­ma­li­gen Os­ma­ni­schen Reich in Si­cher­heit zu brin­gen, ist al­ler­dings die glei­che. Mit dem Boot übers Was­ser. 70000 Men­schen ster­ben, nicht nur bei der Über­fahrt, son­dern auch in den über­füll­ten La­gern, die mi­se­ra­bel ver­sorgt wer­den.Die Au­ßen­sei­ter heißt die gro­ße neue Stu­die des Wie­ner His­to­ri­kers Phil­ipp Ther, und wenn es zwi­schen all den Tra­gö­di­en, die er schil­dert, Licht­bli­cke gibt, dann dürf­ten es die er­folg­rei­chen Ver­su­che sein, aus den Flücht­lings­kri­sen der Zwan­zi­ger und Drei­ßi­ger zu ler­nen. Seit­dem es die Flücht­lings­hil­fe­or­ga­ni­sa­ti­on der Uno gibt, ster­ben Flücht­lin­ge nicht mehr zu Zehn­tau­sen­den. Zu­min­dest nicht in Eu­ro­pa und sei­nen Nach­bar­räu­men. Es ist ein rie­si­ger, dunk­ler, un­be­kann­ter Kon­ti­nent, den Ther be­schreibt: Zu kei­nem Zeit­punkt wur­de in den ver­gan­ge­nen 500 Jah­ren nicht ge­flo­hen, ver­trie­ben wur­de im­mer, aus re­li­giö­sen, na­tio­na­lis­ti­schen oder ideo­lo­gi­schen Grün­den. Auch Ängs­te gab es im­mer. Wo­bei die Flücht­lings­kri­se der ver­gan­ge­nen Jah­re über­schau­bar ist, im Ver­gleich etwa mit der Si­tua­ti­on in der Stadt Frank­furt am Main, die 1685 un­ge­fähr 100000 Hu­ge­not­ten auf­nahm, bei 30000 Ein­woh­nern. Die Au­ßen­sei­ter ist voll mit sol­chen Ge­schich­ten, so­dass es ei­nem an­ge­sichts der Si­cher­heit, in der die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land heu­te ihre Bür­ger le­ben lässt, leicht schwind­lig wer­den kann. Ther schil­dert nicht nur die Ge­schich­te der Flucht­be­we­gun­gen – im­mer wie­der un­ter­bro­chen durch meh­re­re Dut­zend Kurz­bio­gra­fi­en von Flücht­lin­gen, die er ein­ge­streut hat –, er be­schreibt auch, wie Ge­sell­schaf­ten mit den Neu­lin­gen um­ge­gan­gen sind. Wel­che Feh­ler ge­macht wur­den und was funk­tio­niert hat. Tat­säch­lich ha­ben lang­fris­tig fast alle Ge­sell­schaf­ten vom Zu­strom durch Flücht­lin­ge pro­fi­tiert. Das Pro­blem ist im­mer wie­der das glei­che, man könn­te es das In­te­gra­ti­ons­pa­ra­dox nen­nen: Wenn eine An­kunfts­ge­sell­schaft be­reit ist, Flücht­lin­ge auf­zu­neh­men, funk­tio­niert die In­te­gra­ti­on bes­ser.

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