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FATS DOMINO, 89

Nach­dem der Hur­ri­kan „Kat­ri­na“ Tei­le von New Or­leans 2005 über­flu­tet hat­te, wur­de er in den Nach­rich­ten als ver­misst ge­mel­det. Die Sor­ge war groß, doch der le­gen­dä­re Rock-'n'-Roll-Mu­si­ker hat­te die Ka­ta­stro­phe da­mals über­lebt, war ge­bor­gen wor­den. Die An­teil­nah­me zeigt, wel­che Wert­schät­zung An­toi­ne „Fats“ Do­mi­no noch im­mer ge­noss – ob­wohl an­de­re Pio­nie­re des Rock 'n' Roll mit ih­ren Skan­da­len ihn, den Schüch­ter­nen, zu über­schat­ten droh­ten. Längst hat­te er das Tou­ren auf­ge­ge­ben – an­geb­lich weil ihm das Es­sen nir­gends so gut wie in New Or­leans schmeck­te. Auch sei­ne Mu­sik, die­ser von Kla­vier und Blä­sern ge­trie­be­ne Rhythm & Blues, war tief ver­wur­zelt in der Stadt, wo er 1949 sei­nen ers­ten Hit „The Fat Man“ auf­nahm, pro­du­ziert vom Trom­pe­ter Dave Bar­tho­lo­mew. Mit­te der Fünf­zi­ger­jah­re brach­te das Traum­duo fast im Vier­tel­jah­res­rhyth­mus Hits her­aus wie „Blue Mon­day“ und na­tür­lich „Blu­e­ber­ry Hill“, mit Platz zwei in den US-Charts der kom­mer­zi­ell größ­te Er­folg. Die Num­mer eins, die Do­mi­no ver­sagt blieb, hol­te sich der bra­ve wei­ße Sän­ger Pat Boo­ne mit der Do­mi­no-Bar­tho­lo­mew-Kom­po­si­ti­on „Ain't That a Shame“. El­vis Pres­ley nann­te den 1,67-Me­ter-Mann mit der Bri­kett­fri­sur ein­mal „den wah­ren King“ des Rock 'n' Roll; der Beat­les-Song „Lady Ma­don­na“ ist eine Hom­mage – die Do­mi­no um­ge­hend co­ver­te, sein letz­ter US-Hit. Fats Do­mi­no starb am 24. Ok­to­ber in Har­vey bei New Or­leans.

JOACHIM MERTES, 68

In Rhein­land-Pfalz, wo das Wort „bo­den­stän­dig“ zu den größt­mög­li­chen Re­spekt­be­kun­dun­gen ge­hört, kam der So­zi­al­de­mo­krat dem Ide­al­bild ei­nes Lan­des­po­li­ti­kers ziem­lich nahe: Be­rufs­aus­bil­dung zum Bä­cker, dann Bun­des­wehr­sol­dat und spä­ter als Par­la­ments­prä­si­dent gleich­zei­tig Orts­bür­ger­meis­ter in sei­ner Hei­mat­ge­mein­de Buch. Als sein Par­tei­freund Kurt Beck 1994 Mi­nis­ter­prä­si­dent in Mainz wur­de, über­nahm Mer­tes zu­nächst die Füh­rung der SPD-Frak­ti­on, dann wur­de er Prä­si­dent des Land­tags. Er hielt pol­tern­de Re­den, in de­nen er mit­un­ter ei­nen Bo­gen von der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on bis zur Wirt­schafts­la­ge im Huns­rück zog. Und er ach­te­te pein­lich dar­auf, die Dis­tanz zwi­schen Land und Lan­des­haupt­stadt nie zu groß wer­den zu las­sen. Schließ­lich, sag­te er, lan­de „der Un­sinn“, den er in Mainz mit­be­schlie­ße, ein paar Wo­chen spä­ter bei ihm zu Hau­se auf sei­nem Tisch als Bür­ger­meis­ter. Joa­chim Mer­tes starb am 23. Ok­to­ber in Buch im Huns­rück an Krebs. mab

SILVIA BOVENSCHEN, 71

Nach ei­nem Ge­spräch mit der Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin ver­ließ man ihre Woh­nung hoch­ge­stimmt. Sie war eine In­tel­lek­tu­el­le, die ihr Ge­gen­über mü­he­los mit ih­rem Ver­gnü­gen am Den­ken an­ste­cken konn­te. Seit vie­len Jah­ren leb­te Sil­via Bo­ven­schen in Ber­lin-Char­lot­ten­burg zu­sam­men mit ih­rer Freun­din, der Ma­le­rin Sa­rah Schu­mann, de­ren Wer­ke die Wän­de die­ses Zu­hau­ses schmück­ten. Bo­ven­schen war als jun­ge Frau an Mul­ti­pler Skle­ro­se er­krankt, ihre geis­ti­ge Be­weg­lich­keit hat das nur be­stärkt. Sie stu­dier­te Ende der Sech­zi­ger­jah­re an der Goe­the-Uni­ver­si­tät in Frank­furt am Main und ge­hör­te zu den Grün­de­rin­nen des „Wei­ber­rats“. Doch Bo­ven­schens Ei­gen­stän­dig­keit und ana­ly­ti­sche Schär­fe ent­fern­ten sie bald von der Frau­en­be­we­gung. Ihre Dis­ser­ta­ti­on „Die ima­gi­nier­te Weib­lich­keit“ (1979) mach­te Fu­ro­re, präg­te eine Ge­ne­ra­ti­on von Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin­nen. Ei­nem brei­ten Pu­bli­kum wur­de die Au­to­rin durch ihr Buch „Älter wer­den“ be­kannt. Gen­re­gren­zen zwi­schen Es­say und Li­te­ra­tur gal­ten nicht für sie. Sil­via Bo­ven­schen starb am 25. Ok­to­ber in Ber­lin.

GEORGE YOUNG, 70

Wer zwei klei­ne Brü­der hat, die eine Band wie AC/​DC grün­den, hat auch ein Pro­blem, soll­te man mei­nen. Wie geht man da­mit um, dass die Klei­nen so spek­ta­ku­lär an ei­nem vor­bei­zie­hen? Zu­mal, wenn man ih­nen die ers­ten Grif­fe auf der Gi­tar­re ge­zeigt hat? Ohne Ge­or­ge Young hät­te es die Band von An­gus und Mal­colm wohl kaum ge­ge­ben. Ge­bo­ren in Schott­land und 1963 mit der Fa­mi­lie nach Aus­tra­li­en um­ge­sie­delt, war Ge­or­ge selbst ein Ur­ge­stein der dor­ti­gen Rock­sze­ne und Mit­glied der Band The Ea­sy­beats ("Fri­day on My Mind"). Sei­nen Teil Un­sterb­lich­keit dürf­te er al­ler­dings da­für be­kom­men, dass er den Song „Love Is in the Air“ schrieb, den John Paul Young (kei­ne Ver­wandt­schaft) 1978 zum Welt­hit mach­te. Au­ßer­dem pro­du­zier­te er meh­re­re AC/​DC-Al­ben. Ge­or­ge Young starb am 22. Ok­to­ber.

DENISE BARLOW, 67

Als jun­ge Kran­ken­schwes­ter stell­te sie ih­ren Aus­bil­dern Fra­gen zur Bio­lo­gie des Men­schen, auf die die­se kei­ne Ant­wort wuss­ten. Das frus­trier­te De­ni­se Bar­low so sehr, dass die Bri­tin ent­schied, das Ab­itur nach­zu­ho­len und For­sche­rin zu wer­den. Sie stu­dier­te Zoo­lo­gie und Bio­che­mie und wur­de zu ei­ner Pio­nie­rin der Epi­ge­ne­tik, ei­ner boo­men­den Dis­zi­plin, die zum Bei­spiel un­ter­sucht, wie die Um­welt auf die Ak­ti­vi­tät der Gene ein­wirkt. Bar­low forsch­te in Deutsch­land, den Nie­der­lan­den und vor al­lem in Öster­reich. In kei­nem die­ser Län­der war sie zu­frie­den mit der Rol­le, die Frau­en in der Wis­sen­schaft spie­len dür­fen. Laut­stark for­der­te sie, dass Uni­ver­si­tä­ten und For­schungs­ein­rich­tun­gen ihre „be­schä­mend nied­ri­ge Zahl“ an Frau­en in hö­he­ren Po­si­tio­nen öf­fent­lich recht­fer­ti­gen müss­ten. Wenn sich die Ver­hält­nis­se nicht bes­ser­ten, müs­se not­falls fi­nan­zi­el­ler Druck aus­ge­übt wer­den. Nach­wuchs­för­de­rung war ihre Her­zens­an­ge­le­gen­heit. De­ni­se Bar­low starb am 21. Ok­to­ber.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 44/2017.