>

Nach­rufe

GE­STOR­BEN

HUGH HEFNER, 91

In der ers­ten „Play­boy“-Aus­ga­be stand der Satz: „Soll­ten Sie je­man­des Schwes­ter, Ehe­frau oder Schwie­ger­mut­ter sein und uns aus Ver­se­hen in den Hän­den hal­ten, rei­chen Sie das Heft bit­te an den Mann in Ih­rem Le­ben wei­ter, und wid­men Sie sich wie­der Ih­rem Haus­frau­en­ma­ga­zin.“ Den Satz hat­te Hugh Hef­ner ge­schrie­ben. 1953. Mit et­was ge­lie­he­nem Geld hat­te er ein Ma­ga­zin ge­grün­det, das auf der ge­ra­de­zu be­lei­di­gend tri­via­len Idee ba­sier­te, Män­nern mo­nat­lich das zu zei­gen, was sie am meis­ten in­ter­es­siert: nack­te Frau­en. Das ers­te Co­ver zier­te Ma­ri­lyn Mon­roe. Auf die Fra­ge, was sie wäh­rend der Auf­nah­men an­ge­habt habe, soll sie ge­ant­wor­tet ha­ben: „Das Ra­dio.“ Zu den bril­lan­tes­ten Zü­gen des er­folg­rei­chen Ver­le­gers Hef­ner ge­hör­te, dem „Play­boy“ nicht nur Brüs­te, son­dern auch eine ge­wis­se läs­si­ge In­tel­lek­tua­li­tät mit­zu­ge­ben: Er­nest He­ming­way, John Up­di­ke schrie­ben, Jean-Paul Sart­re und Fi­del Cas­tro ga­ben In­ter­views. Män­ner konn­ten be­haup­ten, sie wür­den das Heft we­gen der Tex­te kau­fen. Hef­ner wur­de zur Iko­ne für die se­xu­el­le Be­frei­ung Ame­ri­kas. Für sei­ne Fans führ­te er das Le­ben des glück­li­chen, weil dau­er­ko­pu­lie­ren­den Play­boys, um­ringt von Hor­den deut­lich zu jun­ger Frau­en. Hef­ner gab sei­nen Le­sern das Ge­fühl, dass ein an­de­res, ein wil­de­res Le­ben mög­lich sei. Drei­mal ver­hei­ra­tet, den­noch ewi­ger Jung­ge­sel­le, Ei­gen­tü­mer ei­ner Lie­bes­grot­ten-Vil­la, of­fen­bar nur zwei Out­fits be­sit­zend: Smo­king und Sei­den­py­ja­ma. Fe­mi­nis­ten kri­ti­sier­ten – kei­nes­wegs zu Un­recht – Hef­ners Frau­en­bild. Al­ler­dings setz­te sich der vier­fa­che Va­ter zeit­le­bens für die Rech­te von Schwu­len und Les­ben ein, sprach sich ge­gen Ras­sen­dis­kri­mi­nie­rung aus und ver­stand sich als Kämp­fer für se­xu­el­le Selbst­be­stim­mung. Hugh Hef­ner starb am 27. Sep­tem­ber in Los An­ge­les.

GE­STOR­BEN

JOY FLEMING, 72

Mit ih­rem „Ne­ckar­brü­cken-Blues“ ge­lang ihr eine klei­ne Sen­sa­ti­on: Joy Fle­ming be­wies, dass deut­sche Sän­ge­rin­nen mehr kön­nen, als Volks­lie­der zu sin­gen, und zwar auf Hoch­deutsch eben­so wie im Dia­lekt. Fle­ming wur­de re­spekt­voll mit Grö­ßen wie Are­tha Fran­klin oder Ella Fitz­ge­rald ver­gli­chen. Die Mama Soul aus Mann­heim, wie sie oft ge­nannt wur­de, rock­te 1975 den Eu­ro­vi­si­on Song Con­test mit „Ein Lied kann eine Brü­cke sein“; der Saal tob­te, die Preis­rich­ter ver­bann­ten sie auf Platz 17. Es hieß, sie sei schlicht falsch ge­klei­det ge­we­sen: Fle­mings grü­nes Kleid war eine Ka­ta­stro­phe. An ih­rer fan­tas­ti­schen vol­len Stim­me kann es je­den­falls nicht ge­le­gen ha­ben. Joy Fle­ming starb am 27. Sep­tem­ber in Sins­heim-Hils­bach, Ba­den-Würt­tem­berg.

GE­STOR­BEN

ZUZANA RŮŽIČKOVÁ, 90

Die ein­zi­ge Toch­ter ei­nes jü­di­schen Spiel­zeug­wa­ren­händ­lers aus dem tsche­cho­slo­wa­ki­schen Pil­sen über­leb­te vier Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger. Bei der Be­frei­ung in Ber­gen-Bel­sen wa­ren ihre Hän­de völ­lig zer­schun­den, we­nig spä­ter galt Zu­za­na Růžič­ko­vá als eine der wich­tigs­ten Cem­ba­lis­tin­nen der Welt. Trotz ih­rer Angst, ei­nen ih­rer Pei­ni­ger auf der Stra­ße zu tref­fen, nahm sie 1956 eine Ein­la­dung nach Mün­chen zum ARD-Mu­sik­wett­be­werb an. Auch um den Deut­schen zu zei­gen, dass das Land Gro­ßes und Schö­nes her­vor­ge­bracht hat: die Mu­sik Jo­hann Se­bas­ti­an Bachs, die ihr seit ih­rer Kind­heit Halt ge­ge­ben hat­te. Růžič­ko­vá spiel­te bis 1974 Bachs ge­sam­tes Werk für Tas­ten­in­stru­men­te auf dem Cem­ba­lo ein. Im Ja­nu­ar er­schien eine Neu­auf­la­ge mit 20 CDs. „Ich habe das Schöns­te und das Schreck­lichs­te er­lebt“, sag­te Růžič­ko­vá da­mals dem SPIEGEL. Zu­za­na Růžič­ko­vá starb am 27. Sep­tem­ber in Prag.

GE­STOR­BEN

HELGA GREBING, 87

Zwei deut­sche Dik­ta­tu­ren hat­te sie er­lebt; in ih­ren Er­in­ne­run­gen „Frei­heit, die ich mein­te“ schil­dert sie ihre dop­pel­te Ab­lö­sung, erst vom Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, wo sie als BDM-Füh­re­rin fun­gier­te, dann vom Kom­mu­nis­mus. Ihre Kar­rie­re als So­zi­al­his­to­ri­ke­rin – sie be­klei­de­te wich­ti­ge Lehr­stüh­le in Göt­tin­gen und Bo­chum – wid­me­te sie der Er­for­schung der Ar­bei­ter­be­we­gung und ih­rer Vor­den­ker. Da­bei ent­deck­te sie stets neue fas­zi­nie­ren­de As­pek­te und er­in­ner­te an ver­ges­se­ne Au­to­ren, etwa Fritz Stern­berg. In ih­ren Tex­ten be­gnüg­te sich die SPD, der sie 1948 bei­ge­tre­ten war, nicht mit So­zi­al­po­li­tik, son­dern heg­te und weck­te kühns­te Hoff­nun­gen. Uto­pi­en und prag­ma­ti­sche, so­li­de Po­li­tik, das war Gre­bings Fa­zit, schlie­ßen sich nicht aus, und die Zu­sam­men­ar­beit von Ar­bei­ter­be­we­gung und Avant­gar­de nutzt bei­den. Ihre Ar­bei­ten blei­ben als Mah­nung an die in­tel­lek­tu­el­le Lin­ke, sich nicht schlich­ter zu ma­chen, als man ist, und sind ge­ra­de in die­sen Ta­gen eine loh­nen­de Lek­tü­re. Hel­ga Gre­bing starb am 25. Sep­tem­ber in Ber­lin.

GE­STOR­BEN

NORMAN DYHRENFURTH, 99

Als Lei­ter der ers­ten ame­ri­ka­ni­schen Ex­pe­di­ti­on zum Mount Ever­est, 1963, zehn Jah­re nach der Erst­be­stei­gung, muss­te Nor­man Dyh­ren­furth rund 150 Hö­hen­me­ter un­ter dem Gip­fel um­keh­ren. Doch er sorg­te da­für, dass sein Team den höchs­ten Gip­fel der Welt er­reich­te und au­ßer­dem eine ge­wag­te und ele­gan­te Klet­ter­ak­ti­on von ei­ner Sei­te zur an­de­ren voll­zie­hen konn­te. Von US-Prä­si­dent John F. Ken­ne­dy be­kam er für sei­ne Ver­diens­te im Al­pi­nis­mus eine Eh­ren­me­dail­le. Dyh­ren­furth war ein stil­ler Pio­nier, we­ni­ger Berg­sport­ler als Al­pin-Sti­list, der von sei­nen Ka­me­ra­den nicht Ge­hor­sam for­der­te, son­dern Ei­gen­ver­ant­wor­tung und ei­nen Sinn für äs­the­ti­sche An­stiegs­we­ge. Zwi­schen­zeit­lich war der in Bres­lau ge­bo­re­ne Ka­me­ra­mann, der vor den Na­zis in die USA ge­flo­hen war, Lei­ter des Film­fach­be­reichs an der Uni­ver­si­ty of Ca­li­for­nia in Los An­ge­les. Sei­ne Do­ku­men­tar­fil­me wa­ren der­art über­wäl­ti­gend, dass auch Grö­ßen wie Clint East­wood bei ihm Rat such­ten. Nor­man Dyh­ren­furth starb am 24. Sep­tem­ber im Salz­burg.

Sie lesen die Vorschau

Sie haben diese Ausgabe bereits gekauft oder ein digitales Abo? Dann melden Sie sich mit Ihrer SPIEGEL-ID an, um den vollständigen Artikel zu lesen.

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 40/2017.