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PIERRE BERGÉ, 86

Er müs­se sei­ne Fin­ger zum Rech­nen zu Hil­fe neh­men, so schlecht sei er in Ma­the, soll Pier­re Ber­gé ein­mal ge­scherzt ha­ben. Sei­nem Er­folg tat das kei­nen Ab­bruch: Der Ma­na­ger, Mä­zen, Pu­bli­zist war ei­ner der ein­fluss­reichs­ten und ver­mö­gends­ten Män­ner Frank­reichs. Der Sohn ei­nes Steu­er­be­am­ten und ei­ner Leh­re­rin kam mit 17 Jah­ren nach Pa­ris. Er woll­te Jour­na­list wer­den, mit 19 grün­de­te er sei­ne ers­te Zeit­schrift. Er ver­kehr­te mit Al­bert Ca­mus, Jean Anouilh, Jean-Paul Sart­re; spä­ter lern­te er in dem Mo­de­schöp­fer Yves Saint Lau­rent die Lie­be sei­nes Le­bens ken­nen. Ber­gé in­ves­tier­te in die schö­nen Din­ge des Le­bens und in al­les, was ihm wich­tig war. Der Vor­kämp­fer für die Homo-Ehe fi­nan­zier­te meh­re­re Ma­ga­zi­ne und un­ter­stütz­te in den Acht­zi­ger­jah­ren sei­nen Freund François Mit­ter­rand im Wahl­kampf; der Prä­si­dent zeig­te sich spä­ter er­kennt­lich, in­dem er Ber­gé zum Di­rek­tor der Opé­ra Bas­til­le be­rief. Ber­gés fi­nan­zi­el­les En­ga­ge­ment in ge­sell­schaft­lich und kul­tu­rell be­deut­sa­me Pro­jek­te war im­mens; er för­der­te das Cent­re Pom­pi­dou und ret­te­te die Ta­ges­zei­tung »Le Mon­de« vor der In­sol­venz. Ber­gé und der jun­ge, wil­de Mo­de­de­si­gner Yves Saint Lau­rent wur­den 1958 ein Lie­bes­paar. Ber­gé hat­te Saint Lau­rents Ge­nia­li­tät so­fort er­kannt, und ihm ist es zu ver­dan­ken, dass das Mo­de­haus Yves Saint Lau­rent zu ei­nem der be­deu­tends­ten des 20. Jahr­hun­derts wur­de. Ber­gé gab auch Geld, vor al­lem aber gab er dem la­bi­len, hy­per­sen­si­blen Saint Lau­rent Halt. Ihre Be­zie­hung war in­nig und tur­bu­lent, sie dau­er­te fünf Jahr­zehn­te. Zeit sei­nes Le­bens war er ein über­zeug­ter und über­zeu­gen­der Links­li­be­ra­ler, ob­wohl er gleich­zei­tig ein Ver­tre­ter der High So­cie­ty war. Da­bei blieb ihm die Hys­te­rie der Mo­de­bran­che im­mer fremd: »Ich bin in die­se Welt der Mode nur we­gen der Lie­be ge­ra­ten«, sag­te er 2014 in ei­nem SPIEGEL-Ge­spräch. Auf die Fra­ge, ob Yves Saint Lau­rent ihm feh­le, ant­wor­te­te er: »Je­den Tag.« Die Er­in­ne­rung an ihn wird blei­ben, denn Ber­gé hat da­für ge­sorgt, dass im Ok­to­ber gleich zwei Mu­se­en zu Eh­ren sei­nes ver­stor­be­nen Ge­lieb­ten er­öff­net wer­den, in Pa­ris und in Mar­ra­kesch. Pier­re Ber­gé starb am 8. Sep­tem­ber in sei­nem Haus in der Pro­vence.

STEFAN KOLLE, 55

In ei­ner Welt von Wer­be­trom­pe­tern, die wie ihre ei­ge­ne Power­Point-Prä­sen­ta­ti­on klin­gen, war er eher ein Typ von nach­denk­li­cher Be­schei­den­heit – und da­bei ei­ner der Er­folg­reichs­ten. Kol­le grün­de­te 1994 mit ei­nem WG-Mit­be­woh­ner aus Stu­den­ten­zei­ten die Wer­be­agen­tur Kol­le Reb­be, eine der krea­tivs­ten der Re­pu­blik. Die Ham­bur­ger schu­fen Kam­pa­gnen für TUI, Bi­o­na­de, Otto, Goog­le oder Net­flix. Zur Fuß­ball­welt­meis­ter­schaft 2014 ließ Kol­le eine Boe­ing 747-8 des Agen­tur­kun­den Luft­han­sa mit dem Schrift­zug »Sie­ger­flie­ger« be­kle­ben – in der Ma­schi­ne ka­men die Welt­meis­ter nach Ber­lin. Ste­fan Kol­le starb über­ra­schend in der Nacht auf den 13. Sep­tem­ber auf der In­sel Ibi­za.

SIR PETER HALL, 86

En­er­gie­ge­la­den, ex­pe­ri­men­tier­freu­dig und be­ses­sen von der Macht der Spra­che, vor al­lem der Ver­se Shake­speares, form­te Pe­ter Hall fünf Jahr­zehn­te lang die kul­tu­rel­le Land­schaft Groß­bri­tan­ni­ens. Für sei­ne Ver­diens­te wur­de der Re­gis­seur und In­ten­dant 1977 von der Queen zum Rit­ter ge­schla­gen. Hall ent­schied 1955, den un­be­kann­ten iri­schen Au­tor Sa­mu­el Be­ckett auf die Büh­ne zu brin­gen, »War­ten auf Go­dot« fei­er­te sei­ne eng­lisch­spra­chi­ge Erst­auf­füh­rung. Mit 29 Jah­ren grün­de­te Hall die Roy­al Shake­speare Com­pa­ny, 15 Jah­re lang war er In­ten­dant des Na­tio­nal Thea­t­re und ne­ben­bei in­sze­nier­te er noch Opern und Fil­me. Ein Zam­pa­no mit Fein­sinn. Sir Pe­ter Hall starb am 11. Sep­tem­ber in Lon­don.

EDITH WINDSOR, 88

Sie sei von klei­ner Sta­tur ge­we­sen, aber sie habe für Ame­ri­ka so viel be­wegt wie nur we­ni­ge, schrieb Ba­rack Oba­ma über die Ak­ti­vis­tin, die in ih­ren letz­ten Le­bens­jah­ren zur zen­tra­len Fi­gur im Kampf für glei­che Rech­te von Les­ben und Schwu­len in den USA ge­wor­den war. Am An­fang stand 2009 eine Erb­schaft­steu­er­for­de­rung der US-Be­hör­den an Wind­sor nach dem Tod ih­rer jahr­zehn­te­lan­gen Part­ne­rin, mit der sie nach ka­na­di­schem Recht ver­hei­ra­tet war. Die ehe­ma­li­ge Soft­ware­ent­wick­le­rin klag­te vor dem Obers­ten Ge­richts­hof we­gen Un­gleich­be­hand­lung ge­gen­über he­te­ro­se­xu­el­len Paa­ren – und be­kam 2013 Recht. Mit dem Ur­teil wen­de­te sich die Stim­mung zu­guns­ten der Homo-Ehe, die 2015 auf US-Bun­des­ebe­ne le­ga­li­siert wur­de. Edith Wind­sor starb am 12. Sep­tem­ber in New York.

NANCY DUPREE, 89

Die Ame­ri­ka­ne­rin Nan­cy Hatch kam 1962 als Ehe­frau ei­nes US-Di­plo­ma­ten nach Ka­bul und ver­lieb­te sich dort in den ver­hei­ra­te­ten Af­gha­nis­tan-His­to­ri­ker und Ar­chäo­lo­gen Lou­is Du­pree. Das Lie­bes­paar sorg­te für ei­nen Skan­dal; bei­de lie­ßen sich schei­den, hei­ra­te­ten ein­an­der – und wa­ren für den Rest ih­res Le­bens sehr glück­lich. Nach dem Staats­streich 1978 flo­hen sie wie auch vie­le Af­gha­nen ins pa­kis­ta­ni­sche Pe­scha­war. Ge­mein­sam be­gan­nen sie, Do­ku­men­te zu sam­meln, die an­de­ren eher wert­los er­schie­nen: Flug­blät­ter der Mud­sch­ahidin, spä­ter Ver­laut­ba­run­gen der Ta­li­ban, vor al­lem un­zäh­li­ge Fo­tos. Sie woll­ten ver­hin­dern, dass die Er­in­ne­rung an die tra­gi­sche jüngs­te Ge­schich­te Af­gha­nis­tans ver­lo­ren geht, und ar­chi­vier­ten al­les in der Agen­cy Co­or­di­na­ting Body for Af­ghan Re­li­ef in Pe­scha­war. Nan­cy Du­pree or­ga­ni­sier­te 2005 den aben­teu­er­li­chen Trans­port ih­rer Samm­lung mit 80 000 Ex­po­na­ten in 300 Sä­cken nach Ka­bul. Die Si­no­lo­gin erstritt ei­nen wür­di­gen Platz für ihre Samm­lung: das heu­ti­ge Af­gha­nis­tan-Zen­trum in der Uni­ver­si­tät Ka­bul. Kei­ne an­de­re Ame­ri­ka­ne­rin mach­te sich so ver­dient um das seit über vier Jahr­zehn­ten von Krie­gen er­schüt­ter­te Land. Nan­cy Du­pree starb am 10. Sep­tem­ber in Ka­bul.

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