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ARNO RINK, 76

Er war Fahr­stuhl­füh­rer, be­vor er die deut­sche Ma­le­rei präg­te. Die Leip­zi­ger Hoch­schu­le für Gra­phik und Buch­kunst lehn­te sei­ne Be­wer­bung 1961 ab, doch im Jahr dar­auf wur­de er an­ge­nom­men. Und er soll­te dort nicht nur stu­die­ren, son­dern Pro­fes­sor und schließ­lich Rek­tor wer­den. Sein fi­gür­li­cher Stil ent­sprach den äs­the­ti­schen Vor­stel­lun­gen der DDR, die ihm so­wohl den Kunst­preis als auch den Na­tio­nal­preis ver­lieh. Nach dem Fall der Mau­er hielt Rink am Fi­gu­ra­ti­ven fest und be­rei­te­te so­mit den Weg für die „Neue Leip­zi­ger Schu­le“. Vie­le von Rinks Schü­lern er­lang­ten Welt­ruhm, dar­un­ter auch Neo Rauch. Erst die­ses Jahr war in Aschers­le­ben eine Dop­pel­aus­stel­lung der bei­den zu se­hen – Leh­rer und Schü­ler ne­ben­ein­an­der. Bis zu­letzt ar­bei­te­te Rink an der Vor­be­rei­tung ei­ner gro­ßen Re­tro­spek­ti­ve im Leip­zi­ger Mu­se­um der bil­den­den Küns­te, der ers­ten Aus­stel­lung sei­ner Kunst dort seit 36 Jah­ren. Sie muss nun ohne ihn voll­endet wer­den. Arno Rink starb am 5. Sep­tem­ber in Leip­zig.

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WALTER BECKER, 67

Ein Abend mit Stee­ly Dan, das war kein Kon­zert, son­dern ein Fa­mi­li­en­tref­fen. Lead­gi­tar­rist Wal­ter Be­cker sorg­te für die pul­sie­ren­den Klang­ge­we­be, auf de­nen die Songs ab­ho­ben wie auf ei­nem flie­gen­den Tep­pich. Sein Part­ner Do­nald Fa­gen tob­te sich als Sän­ger und Key­bor­der aus. Ih­ren coo­len, an­ge­jazz­ten Sound hat­ten sie sich seit An­fang der Sieb­zi­ger in Plat­ten­stu­di­os er­ar­bei­tet, ge­trie­ben von ei­nem Per­fek­tio­nis­mus, der sie ins Pan­the­on der Pop­ge­schich­te trug. Dass zwei so ei­gen­wil­li­ge Köp­fe kon­ge­ni­al zu­sam­men­ar­bei­ten konn­ten, war ein Glücks­fall. Der leicht ver­schro­be­ne Be­cker und der eher ele­gan­te Fa­gen pro­du­zier­ten Hits mit kraft­voll­fe­dern­den Beats wie „Rik­ki Don't Loo­se That Num­ber“, aber auch ein ge­ra­de­zu sym­pho­ni­sches Werk wie „Aja“ (1977). Im Ti­tel­song des Al­bums zeigt sich die gan­ze schräg-ge­nia­le Welt von Stee­ly Dan: Nach ei­nem Pfiff mit der Tril­ler­pfei­fe hebt Jazz­sa­xo­fo­nist Way­ne Shor­ter zu ei­nem Solo ab, an­ge­feu­ert von ei­nem ent­fes­sel­ten Schlag­zeug. Be­cker, der in schwie­ri­gen Ver­hält­nis­sen in New York groß ge­wor­den war, ver­fiel in den Jah­ren nach „Aja“ dem He­ro­in und muss­te den Dro­gen­tod sei­ner Freun­din ver­kraf­ten. Als Avo­cad­opf­lan­zer auf Ha­waii be­kam er sein Le­ben wie­der in den Griff. Sein mu­si­ka­li­scher Part­ner Fa­gen, der das Pro­jekt Stee­ly Dan fort­set­zen will, schrieb jetzt zum Ab­schied: „Er war zy­nisch, was die mensch­li­che Na­tur be­traf, auch sei­ne ei­ge­ne. Und er war un­fass­bar lus­tig.“ Wal­ter Be­cker starb am 3. Sep­tem­ber auf Maui, Ha­waii.

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KATE MILLETT, 82

Ihre phi­lo­so­phi­sche Kampf­schrift „Se­xus und Herr­schaft“ war in den USA und Groß­bri­tan­ni­en ein gro­ßer Er­folg, in Deutsch­land galt das Buch als Ma­ni­fest der Frau­en­be­we­gung der Sieb­zi­ger­jah­re. Klug und ent­schie­den ana­ly­sier­te Kate Mil­lett die Fol­gen des Jahr­hun­der­te wäh­ren­den Pa­tri­ar­chats. Ihre spä­te­ren Bü­cher wa­ren stark au­to­bio­gra­fisch ge­prägt. Sie the­ma­ti­sier­te ihr Les­bisch­sein und ihre Er­fah­run­gen auf ei­ner Rei­se in den Iran nach dem Auf­stieg Kho­mei­nis. Dass sie ge­gen ih­ren Wil­len in psych­ia­tri­sche Kli­ni­ken ein­ge­wie­sen und mit Psy­cho­phar­ma­ka be­han­delt wur­de, war das The­ma ih­res Buchs „Der Klaps­müh­len­trip.“ Alle ihre Wer­ke be­schäf­tig­ten sich mit dem weib­li­chen Kampf um Au­to­no­mie. Mil­lett selbst er­rang die­se nur um ei­nen ho­hen Preis: Ende der Neun­zi­ger­jah­re war sie in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten und kämpf­te ge­gen Ar­mut. Erst eine Wie­der­auf­la­ge von „Se­xus und Herr­schaft“ brach­te ihre in­tel­lek­tu­el­len und fe­mi­nis­ti­schen Ver­diens­te in Er­in­ne­rung. Kate Mil­lett starb am 6. Sep­tem­ber in Pa­ris.

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JOHN ASHBERY, 90

Der ame­ri­ka­ni­sche Poet sah sich Vor­wür­fen der Be­lie­big­keit und der blo­ßen Ab­stru­si­tät aus­ge­setzt, auch nach­dem er na­he­zu alle wich­ti­gen Li­te­ra­tur­prei­se ge­won­nen hat­te. Sei­ne Ge­dich­te, sur­re­al und hu­mor­voll, ge­prägt von Spon­ta­nei­tät, soll­ten Cha­os in die Kunst brin­gen: „Ge­dich­te ha­ben kei­nen Ge­gen­stand – viel­mehr sind wir der Ge­gen­stand der Dich­tung.“ Für sein Werk „Self-Por­trait in a Con­vex Mir­ror“ (1975) er­hielt er den Pu­lit­zer­preis und den Na­tio­nal Book Award, Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma ehr­te ihn spä­ter mit der Na­tio­nal Hu­ma­nities Me­dal. Man kön­ne die Ge­dich­te John Ash­be­rys nicht be­ur­tei­len, man kön­ne sie ja nicht ein­mal ver­ste­hen, läs­ter­ten man­che. „Ich wür­de gern et­was schrei­ben, was sie noch nicht ein­mal le­sen kön­nen“, kon­ter­te Ash­be­ry. John Ash­be­ry starb am 3. Sep­tem­ber in Hud­son, New York.

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HOLGER CZUKAY, 79

Die Be­deu­tung sei­ner Band lässt sich gar nicht über­schät­zen – auch wenn das gro­ße Pu­bli­kum die Köl­ner Band Can nie wirk­lich wahr­ge­nom­men hat. Doch Can lös­te die Rock­mu­sik ab Ende der Sech­zi­ger von ih­ren Blues­wur­zeln, führ­te die end­lo­se rhyth­mi­sche Wie­der­ho­lung ein und ex­pe­ri­men­tier­te mit Ge­räu­schen – das war da­mals völ­lig neu­ar­tig, heu­te ist es selbst­ver­ständ­lich. Und Czu­kay, der Bas­sist, war das Herz der Grup­pe, freund­lich, vi­sio­när und ein biss­chen ver­rückt. Er war Stu­dent des Avant­gar­de-Kom­po­nis­ten Karl­heinz Stock­hau­sen, bei dem er auch ei­nen Band­kol­le­gen ken­nen­lern­te, und er blieb sein Le­ben lang Klang­for­scher. Nach­dem er 1977 bei Can auf­hör­te, spiel­te er mit Stars wie An­nie Lenn­ox, nahm aber auch ex­pe­ri­men­tel­le Elek­tro­nikal­ben auf. Hol­ger Czu­kay starb am 5. Sep­tem­ber in Wei­ler­s­wist bei Köln.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 37/2017.