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GE­STOR­BEN

EGON AMMANN, 75

Jean-Paul Sart­re hat­te dem 17-jäh­ri­gen In­ter­nats­zög­ling aus der Schweiz ei­gent­lich sehr re­ser­viert auf des­sen Schrei­ben ge­ant­wor­tet, doch Egon Am­mann las es als herz­li­che Ein­la­dung und saß schon we­nig spä­ter dem welt­be­rühm­ten Phi­lo­so­phen in Pa­ris ge­gen­über. Am­mann, 1941 in Bern ge­bo­ren, war ein Ent­schlos­se­ner. Er stu­dier­te in Fri­bourg und Zü­rich Alt­phi­lo­lo­gie, grün­de­te schon bald sei­nen ers­ten Ver­lag, der schnell plei­te­ging. Er reis­te viel, wur­de in Spa­ni­en As­sis­tent ei­nes To­re­ros, in Kur­dis­tan ver­such­te er Goe­the-Ge­samt­aus­ga­ben zu ver­kau­fen. Dann stieg er bei Suhr­kamp ein, stieg wie­der aus und grün­de­te 1981 schließ­lich, zu­sam­men mit sei­ner Frau Ma­rie-Lui­se Flam­mers­feld, den Am­mann Ver­lag. Hier er­schie­nen le­gen­dä­re Wer­ke, die Dos­to­je­w­ski-Über­set­zun­gen von Swet­la­na Gei­er, Ralph Dut­lis mo­nu­men­ta­le Os­sip-Man­delstam-Aus­ga­be, die Wer­ke Wole Soy­in­kas, Tho­mas Hür­li­manns, Is­mail Ka­da­res und vie­le mehr. Am­mann war ein be­ses­se­ner Le­ser, Ent­de­cker, Bu­chen­thu­si­ast. „Wer sich nicht rui­niert, aus dem wird nichts“, hat ihm Pe­ter Rühm­korf mal als Mot­to auf­ge­schrie­ben. 2010 ga­ben Am­mann und sei­ne Frau den Ver­lag auf. Die Kraft war auf­ge­braucht, ein gro­ßes Le­bens­werk voll­bracht. Egon Am­mann starb am 9. Au­gust in Ber­lin.

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MIRIAM GOLDSCHMIDT, 70

Sie war be­rühmt für ihr Lis­peln, ih­ren Ge­sang – und da­für, dass sie wie eine gran­dio­se, wel­tent­rück­te Er­schei­nung wirk­te, wenn sie eine Büh­ne be­trat. Sie brin­ge „ei­nen Raum zum Blü­hen“, hat der Re­gis­seur Pe­ter Stein über die Aura die­ser Schau­spie­le­rin ge­sagt. Gold­schmidt, ge­bo­ren in Frank­furt am Main, Toch­ter ei­ner jü­di­schen Mut­ter und ei­nes dun­kel­häu­ti­gen Va­ters, wuchs el­tern­los in Kin­der­hei­men auf. Sie wur­de aus meh­re­ren Pfle­ge­fa­mi­li­en zu­rück­ge­schickt, be­vor man doch eine pas­sen­de Ad­op­tiv­fa­mi­lie für sie fand. Sie lern­te an der be­rühm­ten Pa­ri­ser Clown- und Thea­ter­schu­le von Jac­ques Le­coq und ar­bei­te­te in der Pa­ri­ser Thea­ter­trup­pe von Pe­ter Brook. An­fang der Acht­zi­ger­jah­re hol­ten die Thea­ter­ma­cher Luc Bon­dy und Pe­ter Stein sie für eine Wei­le an die Ber­li­ner Schau­büh­ne, wo sie im Juni 1982 in Bon­d­ys Auf­füh­rung von Bo­tho Strau­ß' „Kall­dew­ey, Far­ce“ zu se­hen war. Gold­schmidt fühl­te sich we­der im bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Ein­füh­lungs­thea­ter noch in Deutsch­land zu Hau­se. Sie kehr­te im­mer wie­der zu Brook nach Pa­ris zu­rück, spiel­te in des­sen 1988 ver­film­tem Meis­ter­werk „Ma­h­ab­ha­ra­ta“ mit und wohn­te und ar­bei­te­te in ih­ren spä­ten Jah­ren oft in Ba­sel, wo eins ih­rer bei­den Kin­der lebt. Mi­ri­am Gold­schmidt starb am 14. Au­gust in Lör­rach.

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CHRISTA BERNDL, 85

Sie war von ei­ner sym­pa­thisch-bo­den­stän­di­gen Ro­bust­heit in ei­nem Schau­spiel­ge­wer­be, in dem meist die Luft­geis­ter und Schwirr­köp­fe den gro­ßen Ap­plaus be­kom­men. Chris­ta Berndl, auf­ge­wach­sen in ei­ner Münch­ner Schau­spiel­erfa­mi­lie, war trotz­dem ein Lieb­ling des Thea­ter­pu­bli­kums. Sie hat als 15-Jäh­ri­ge das Gret­chen in ei­ner „Faust“-Auf­füh­rung am Jun­gen Thea­ter in Mün­chen ge­spielt und in ih­rer viel­leicht schöns­ten Rol­le mit knapp 50 Jah­ren die in ei­nem Sand­hau­fen be­gra­be­ne Win­nie in Luc Bon­d­ys Ver­si­on von Sa­mu­el Be­cketts „Glück­li­che Tage“ in Köln. Das Stück er­zählt vom Ster­ben, sie mach­te dar­aus ein Fest aus Le­bens­lust, Spott und Ge­sang. Berndl lern­te ihr Hand­werk in den Fünf­zi­ger­jah­ren an Pro­vinz­stadt­thea­tern in Kiel, Es­sen, Nürn­berg und Bo­chum. Sie fand in den Sech­zi­gern an die Münch­ner Kam­mer­spie­le und in den Sieb­zi­gern an das von Ivan Na­gel ge­lei­te­te Ham­bur­ger Schau­spiel­haus. Dort traf sie auf den Re­gis­seur Pe­ter Za­dek, des­sen Ego­ma­nie sie sich tap­fer wi­der­setz­te. Mit ihm ge­lan­gen ihr gro­ße Auf­füh­run­gen wie der heu­te zur Le­gen­de ver­klär­te „Ot­hel­lo“ von 1976. Chris­ta Berndl war als Emi­lia eine von der süd­li­chen Son­ne gründ­lich ver­brann­te Schön­heit im leich­ten Som­mer­kleid. In Ki­no­fil­men spiel­te Berndl eher klei­ne Rol­len, auch das Fern­se­hen be­trieb sie nur als Ne­ben­job. In ih­rem Haupt­be­ruf als Thea­ter­dar­stel­le­rin ge­lan­gen Berndl vie­le glän­zen­de Auf­trit­te in der Re­gie ih­res Ehe­manns, Ul­rich Hei­sing. Gern sprach sie Mo­no­lo­ge, „weil ich da auf nichts und nie­man­den Rück­sicht neh­men muss, ich kann ein­fach flie­gen“. Chris­ta Berndl starb am 10. Au­gust in Mün­chen.

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EBERHARD JÄCKEL, 88

Die Auf­ar­bei­tung des Ho­lo­causts in Deutsch­land war das Le­bens­the­ma des Pro­fes­sors für Neue­re Ge­schich­te an der Uni­ver­si­tät Stutt­gart. „Ge­schichts­bil­der sind Aus­wei­se von Kul­tur“, er­klär­te er 1991 in ei­nem SPIEGEL-Ti­tel­bei­trag über den Um­gang der Deut­schen mit Na­tio­nal­so­zia­lis­mus und Wie­der­ver­ei­ni­gung. Ge­mein­sam mit der Jour­na­lis­tin Lea Rosh setz­te Jä­ckel sich für den Bau ei­nes Denk­mals für die er­mor­de­ten Ju­den Eu­ro­pas in Ber­lin ein. Seit 2005 steht das Ho­lo­caust-Mahn­mal in Form ei­nes Ste­len­fel­des im Zen­trum der Haupt­stadt. Eber­hard Jä­ckel starb am 15. Au­gust in Stutt­gart.

GE­STOR­BEN

PETER BÜRGER, 80

Wel­che Be­deu­tung die Kunst für das Le­ben hat, wie sie zur Mo­der­ni­sie­rung der Ge­sell­schaft bei­tra­gen kann – dies wa­ren die Fra­gen, die den Ro­ma­nis­ten und Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft­ler be­schäf­tig­ten. Sein Buch „Theo­rie der Avant­gar­de“ von 1974 wur­de zum Stan­dard­werk. Dar­in in­ter­pre­tiert er die künst­le­ri­sche Pro­duk­ti­on der Sur­rea­lis­ten im ers­ten Drit­tel des 20. Jahr­hun­derts als „Über­füh­rung der Kunst in Le­bens­pra­xis“. Ge­prägt von der Zeit der 68er-Be­we­gung wehr­te sich Bür­ger ge­gen die Mu­sea­li­sie­rung künst­le­ri­scher Er­fah­rung und such­te nach Schnitt­stel­len zwi­schen Theo­rie, Kunst und Ge­sell­schaft. Die Stu­di­en die­ses ele­gan­ten Den­kers zur Mo­der­ne wer­den als bahn­bre­chend ge­schätzt. Pe­ter Bür­ger starb am 11. Au­gust in Ber­lin.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 34/2017.