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GE­STOR­BEN

MARTIN ROTH, 62

Mit sei­nem Elan ver­wan­del­te er, ei­ner der wich­tigs­ten Mu­se­ums­leu­te des Lan­des, stil­le, auch stau­bi­ge kul­tu­rel­le Ein­rich­tun­gen in be­lieb­te, be­leb­te und zeit­ge­mä­ße Orte. Er schaff­te das in Dres­den, wo er das Hy­gie­ne-Mu­se­um und spä­ter ein Jahr­zehnt lang die Staat­li­chen Kunst­samm­lun­gen lei­te­te, eben­so in Lon­don. Dort führ­te er seit 2011 als ers­ter Nicht­bri­te das Vic­to­ria and Al­bert Mu­se­um. Wo er den Chef­pos­ten über­nahm, ge­wann das Mu­se­um Mä­ze­ne, be­geis­ter­te das Pu­bli­kum, und es wur­de sa­niert, ex­pan­diert, die Strahl­kraft mas­siv er­höht. Im Na­men der Kul­tur und der Ko­ope­ra­ti­on war er im­mer ge­ra­de auf dem Weg, reis­te nach Russ­land, Ru­an­da, In­di­en, ei­gent­lich über­all­hin. Er moch­te Auf­brü­che oder bes­ser das Aus­bre­chen aus üb­li­chen Mus­tern, denn Lan­ge­wei­le, sag­te er, sei kein kul­tu­rel­ler Wert an sich. Dann be­gann aus­ge­rech­net er, die Wir­kung von Mu­se­en in­fra­ge zu stel­len, in ei­nem In­ter­view, das er 2016 dem SPIEGEL gab. Sei­nen Aus­nah­me­pos­ten in Lon­don hat­te er ge­kün­digt, und er be­grün­de­te das nun aus­führ­lich. „Man kann so viel schaf­fen und doch nicht ge­nug er­rei­chen“, sag­te er, man wer­de mit Aus­stel­lun­gen die Welt nicht ver­bes­sern. Der Brex­it stimm­te ihn be­sorgt, zu­dem ein „über­all er­star­ken­der, ag­gres­si­ver Na­tio­na­lis­mus“. Er blick­te auch zu­rück auf das, was ihn ge­prägt hat­te. Roth, 1955 in Stutt­gart ge­bo­ren, hat­te den Wehr­dienst ver­wei­gert, als das noch eine Pro­vo­ka­ti­on war. Zu sei­ner Kar­rie­re ge­hör­te zu­dem, dass er sich nicht nur poin­tiert bis scharf­zün­gig in De­bat­ten ein­brach­te, son­dern selbst Kri­tik aus­lös­te. Aus­stel­lun­gen in Chi­na wur­den ihm als An­bie­de­rung an das dor­ti­ge Sys­tem vor­ge­wor­fen, im Auf­trag von Aser­bai­dschan ku­ra­tier­te er eine Kunst­schau. Er be­harr­te dar­auf, man müs­se mit de­nen re­den, mit de­nen sich sonst kei­ner aus­tau­sche. Nicht zu re­den wäre ein Alb­traum, das hat­te er auch frü­her schon ge­sagt. Im Juni sprach er in ei­nem In­ter­view mit der „Säch­si­schen Zei­tung“ von sei­ner Krebs­er­kran­kung. Mar­tin Roth starb am 6. Au­gust in Ber­lin.

GE­STOR­BEN

RUTH PFAU, 87

Ei­nem Zu­fall – oder dem Schick­sal oder Gott, je nach Sicht­wei­se – ist es zu ver­dan­ken, dass die Non­ne aus Leip­zig rund 50 000 Men­schen das Le­ben ret­ten konn­te. Ihr Or­den, die Töch­ter vom Her­zen Ma­riä, woll­te die Ärz­tin 1960 zum Ar­bei­ten nach In­di­en schi­cken, die An­rei­se führ­te durch das pa­kis­ta­ni­sche Ka­ra­chi. Dort traf Pfau zum ers­ten Mal auf Le­pra­kran­ke und ent­schloss sich zu blei­ben, um zu hel­fen. Sie grün­de­te eine Spe­zi­al­kli­nik und spä­ter meh­re­re Le­pra- und Tu­ber­ku­lo­se­sta­tio­nen über­all im Land. So konn­ten Hun­dert­tau­sen­de „Aus­sät­zi­ge“ ein wür­di­ge­res Le­ben füh­ren; Pfau ist zu ver­dan­ken, dass die Le­pra in Pa­kis­tan in­zwi­schen un­ter Kon­trol­le ist. Ruth Pfau starb am 10. Au­gust in Ka­ra­chi.

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HINRICH LEHMANN-GRUBE, 84

Als der So­zi­al­de­mo­krat nach dem Fall der Mau­er nach Leip­zig kam, da fand er eine Stadt vor, die „ge­stun­ken“ habe und die „grau und dre­ckig“ ge­we­sen sei. Ab­ge­schreckt hat ihn das nicht. Der Ju­rist nahm sei­nen Jah­res­ur­laub als Ober­stadt­di­rek­tor in Han­no­ver, wur­de im April 1990 Bür­ger der DDR und stürz­te sich in den Wahl­kampf. In der ers­ten de­mo­kra­ti­schen Kom­mu­nal­wahl nach der Wen­de setz­te sich Leh­mann-Gru­be als Ober­bür­ger­meis­ter durch. Die Lage war ver­hee­rend. Die Fi­nan­zen wa­ren so ma­ro­de wie die Bau­sub­stanz, Luft und Was­ser schwer be­las­tet, die Un­ter­neh­men nicht kon­kur­renz­fä­hig. Der So­zi­al­de­mo­krat pack­te zu und führ­te das „Leip­zi­ger Mo­dell“ ein: eine par­tei­über­grei­fen­de Ko­ope­ra­ti­on in der Stadt – für Kri­ti­ker vor al­lem ein Syn­onym für Klün­gel. Acht Jah­re lang re­gier­te er die Stadt, die heu­te blüht wie we­ni­ge Orte im Os­ten. Hin­rich Leh­mann-Gru­be starb am 6. Au­gust in Leip­zig.

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WALDEMAR SCHRECKEN­BERGER, 87

Im Mit­tel­al­ter wäre Schre­cken­ber­ger wohl mit dem Bei­na­men „der Fein­sin­ni­ge“ in die Chro­ni­ken auf­ge­nom­men wor­den. Und wäre er nicht ein Schul­ka­me­rad und Freund Hel­mut Kohls ge­we­sen, hät­te ihm die­se Ei­gen­schaft viel­leicht nur zum Vor­teil ge­reicht. Als Kohl 1982 Kanz­ler wur­de, soll­te sein Kum­pel „Schre­cki“ al­ler­dings die Ge­schi­cke des Kanz­ler­amts über­neh­men; und schnell wur­den ers­te Pan­nen der Re­gie­rung auf Schre­cken­ber­gers ver­träumt-aka­de­mi­sches We­sen zu­rück­ge­führt. Schre­cken­ber­ger, Pro­fes­sor für Rechts­po­li­tik, ver­gra­be sich zu sehr in De­tails. Kohl motz­te ("Wal­de­mar, das Büro ist schei­ße"), Wolf­gang Schäu­b­le über­nahm, und Schre­cken­ber­ger zog sich in die zwei­te Rei­he zu­rück. Als Staats­se­kre­tär im Kanz­ler­amt kon­zen­trier­te er sich dar­auf, die Nach­rich­ten­diens­te zu ko­or­di­nie­ren. Wal­de­mar Schre­cken­ber­ger starb am 4. Au­gust in Hei­del­berg.

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HARUO NAKAJIMA, 88

Die Er­in­ne­rung an die Atom­bom­ben­ab­wür­fe auf Hi­ro­shi­ma und Na­ga­sa­ki war noch frisch, als 1954 er­neut ja­pa­ni­sche Städ­te ver­wüs­tet wur­den. Dies­mal fand die Apo­ka­lyp­se nur im Kino statt: Der Übel­tä­ter war God­zil­la, ein Mons­ter aus der Ur­zeit, das durch Was­ser­stoff­bom­ben­ver­su­che im Pa­zi­fik ge­weckt wor­den war. Teu­re Spe­zi­al­ef­fek­te konn­te sich die Pro­duk­ti­ons­fir­ma nicht leis­ten. Des­halb steck­te ein Schau­spie­ler im Mons­ter­kos­tüm: Ha­ruo Naka­ji­ma. In zwölf Fil­men ver­kör­per­te er God­zil­la, ein Kno­chen­job, denn un­ter den Schein­wer­fern wur­de es im Gum­mi­ko­s­tüm heiß wie in ei­ner Sau­na. Die tap­si­gen Be­we­gun­gen des Un­ge­heu­ers hat­te sich Naka­ji­ma bei Ele­fan­ten und Bä­ren im Zoo ab­ge­guckt. Die lie­be­voll-di­let­tan­ti­schen Trick­sze­nen der al­ten „God­zil­la“-Fil­me be­geis­tern noch heu­te Fans in al­ler Welt. Für die Neu­ver­fil­mun­gen aus Hol­ly­wood mit Mons­tern aus dem Com­pu­ter hat­te Naka­ji­ma nichts üb­rig: „Ich bin das Ori­gi­nal.“ Ha­ruo Naka­ji­ma starb am 7. Au­gust.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 33/2017.