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HANS-PETER SCHWARZ, 83

Sei­ne Bio­gra­fie über Hel­mut Kohl fand weit­hin An­er­ken­nung, sei­ne zwei­bän­di­ge Ade­nau­er-Bio­gra­fie ist ein Stan­dard­werk. Das CDU-Mit­glied ver­hehl­te nie sei­ne Nähe zum For­schungs­ge­gen­stand. Doch sie hin­der­te Schwarz nicht an kri­ti­schen Wer­tun­gen. Süf­fi­sanz und Halb­dis­tanz präg­ten die Note die­ses Chro­nis­ten der Bun­des­re­pu­blik, die Zeit­ge­schich­te war sei­ne Lei­den­schaft. Der Sohn ei­nes Leh­rers pro­mo­vier­te 1958 bei dem aus den USA zu­rück­ge­kehr­ten deutsch-jü­di­schen Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Ar­nold Berg­stra­es­ser über »Das Werk Ernst Jün­gers als Dia­gno­se un­se­rer Zeit«. Schwarz wur­de von der Ära Ade­nau­er ge­prägt, die er als Zeit des Auf­bruchs emp­fand. Ihr wid­me­te er ei­nen Groß­teil sei­nes Forscher­le­bens an der Schnitt­stel­le zwi­schen Ge­schich­te und Po­li­ti­scher Wis­sen­schaft. Der über­zeug­te Trans­at­lan­ti­ker, Trä­ger des Gro­ßen Bun­des­ver­dienst­kreu­zes, war zeit­wei­se am Wil­son Cen­ter in Wa­shing­ton tä­tig und lehr­te an den Uni­ver­si­tä­ten Ham­burg, Köln und Bonn. Drei Jahr­zehn­te lang war er Her­aus­ge­ber der »Vier­tel­jah­res­hef­te für Zeit­ge­schich­te«, des Stan­des­or­gans der Zeit­his­to­ri­ker. Als Kon­ser­va­ti­ver al­ter Schu­le sah er in der wach­sen­den Mi­gra­ti­on der ver­gan­ge­nen Jah­re eine »neue Völ­ker­wan­de­rung« und warn­te vor ei­nem »Ver­lust po­li­ti­scher Kon­trol­le«. Mar­xis­ti­sche Ge­sell­schafts­kri­ti­ker un­ter den Stu­den­ten, »ge­schult an Wo­chen­en­den in der DDR«, emp­fand er als »nicht sehr er­freu­lich«. Hans-Pe­ter Schwarz starb am 14. Juni.

GÜNTER SIEBERT, 86

Der Volks­tri­bun im Amt des Ver­eins­prä­si­den­ten von Schal­ke 04 wuss­te, was die Mit­glie­der hö­ren woll­ten. »Wo wohnt Gün­ter Sie­bert?«, frag­te er die Ver­samm­lung und dik­tier­te die Ant­wort: »Im Her­zen al­ler Schal­ker.« Der ge­bür­ti­ge Hes­se, als Mit­tel­stür­mer Teil der bis­her letz­ten Schal­ker Meis­ter­elf von 1958, war wie der schil­lern­de Fuß­ball­klub, dem er in drei Pe­ri­oden vor­stand: mit­rei­ßend, nie lang­wei­lig, sen­ti­men­tal und oft er­nüch­ternd. Der Le­bens­künst­ler bau­te ei­nen Ge­trän­ke­groß­han­del zur Dis­count­ket­te aus, ver­dien­te als Klub­chef am Ver­kauf der Sta­di­onwurst. Die Fans nann­ten ihn, den Va­ter von sie­ben Kin­dern, »Os­kar« nach ei­ner Co­mic­fi­gur ("Os­kar, der Fa­mi­li­en­va­ter"), »Fo­rel­le«, weil er als Spie­ler durch die Ab­wehr­rei­hen flutsch­te, oder auch »Dia­man­ten­au­ge«, weil er scharf­sich­tig Ta­len­te ent­deck­te. Die Mann­schaft, die un­ter sei­ner Füh­rung 1972 den DFB-Po­kal ge­wann, schien zu Hö­he­rem be­ru­fen. Dann wur­de im Be­ste­chungs­skan­dal um ein ver­scho­be­nes Spiel fast die kom­plet­te Elf ge­sperrt. Sie­bert wur­de frei­ge­spro­chen. Spä­ter führ­te er Os­car's Pub auf Gran Ca­na­ria. Gün­ter Sie­bert starb am 16. Juni in Eckern­för­de.

CHRISTEL SEMBACH-KRONE, 80

Dass das gan­ze Le­ben nichts als ein Zir­kus ist, mö­gen vie­le Men­schen den­ken, im Fall von Chris­tel Sem­bach-Kro­ne traf es zu. Ihr Groß­va­ter hat­te den Welt­ruhm des Cir­cus Kro­ne be­grün­det, wie ihre El­tern wur­de sie Zir­kus­di­rek­to­rin, und sie trat fünf Jahr­zehn­te lang, von 1956 bis 2006, mit ih­rer Pfer­de­dres­sur selbst auf. Chris­tel Sem­bach-Kro­ne starb am 20. Juni in Mün­chen.

JOHN G. AVILDSEN, 81

Er hat­te ein Herz für alle, die sich im Le­ben durch­bo­xen müs­sen, die aus der Gos­se nach den Ster­nen grei­fen. Der Hol­ly­wood-Re­gis­seur dreh­te Fil­me über ver­meint­lich Ge­schei­ter­te und zeig­te dar­in, wie stark der mensch­li­che Selbst­be­haup­tungs­wil­le sein kann. Er trug maß­geb­lich dazu bei, dass aus Syl­ves­ter Stal­lo­ne ein Su­per­star wur­de, in­dem er ihn als Bo­xer in »Ro­cky« (1976) über alle Wid­rig­kei­ten ei­ner pre­kä­ren Exis­tenz tri­um­phie­ren ließ. Avild­sen er­hielt für den Film ei­nen Os­car. Ein ähn­li­cher Er­folg ge­lang ihm mit dem Kampf­sport­dra­ma »Ka­ra­te Kid« (1984) über ei­nen Teen­ager, der ler­nen muss, sich von nichts und nie­man­dem un­ter­krie­gen zu las­sen. John G. Avild­sen starb am 16. Juni in Los An­ge­les.

CHARLES P. THACKER, 74

Sei­ne vi­sio­nä­ren Ent­wür­fe be­ein­fluss­ten Mi­cro­soft und App­le, iPho­ne und Ta­blet­com­pu­ter. Charles »Chuck« Tha­cker war ei­ner der ganz Gro­ßen der Com­pu­ter­ge­schich­te, doch er wirk­te meist auf ver­schlun­ge­nen We­gen. Schon 1973 fri­ckel­te er den le­gen­dä­ren Desk­top­com­pu­ter na­mens »Alto« zu­sam­men, in­klu­si­ve Netz­werk­an­schluss und Maus. Da­mals war all das re­vo­lu­tio­när und neu. So neu, dass sei­ne Chefs bei der Ko­pier­er­fir­ma Xe­rox da­mit nichts an­fan­gen konn­ten: Was hat­te die­ser klei­ne Al­les­kön­ner noch mit Ko­pie­rern zu tun? Den­noch schrieb der »Alto« Ge­schich­te – bei der Kon­kur­renz: So­wohl Ste­ve Jobs als auch Bill Gates be­such­ten das La­bor. Und so­wohl die App­le-Com­pu­ter als auch das Be­triebs­sys­tem Win­dows wie­sen spä­ter er­staun­li­che Ähn­lich­kei­ten zum »Alto« auf. Charles P. Tha­cker starb am 12. Juni in Palo Alto, Ka­li­for­ni­en.

MAURICE MESSÉGUÉ, 95

Sein Va­ter lehr­te ihn die Lie­be zu den Pflan­zen. Sie soll­te den Bau­ern­sohn aus der Nähe von Tou­lou­se zeit­wei­se zum wohl be­rühm­tes­ten Al­ter­na­tiv­heil­kund­ler der Welt ma­chen. Pro­mi­nen­te wie Jean Coc­teau, Wins­ton Chur­chill, Kon­rad Ade­nau­er und Max Grun­dig ver­trau­ten ihm. Sei­ne Bü­cher ("Die Na­tur hat im­mer recht") und sei­ne Kos­me­tik­fir­men mach­ten den Pio­nier der Phy­to­the­ra­pie reich. Doch in mehr als 20 Straf­pro­zes­sen muss­te er, der ja kein Arzt war, sich für die un­er­laub­te Aus­übung ei­nes Heil­be­rufs ver­ant­wor­ten, oft wur­de er zu Geld­stra­fen ver­ur­teilt. Mes­sé­gué kann­te in­des sei­ne Gren­zen: Bei schwe­ren In­fek­tio­nen oder Krebs­lei­den ver­sprach er kei­ne Wun­der­hei­lung, son­dern ver­wies sei­ne Pa­ti­en­ten an kon­ven­tio­nel­le Me­di­zi­ner. Mau­rice Mes­sé­gué starb am 16. Juni in Au­vil­lar.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 26/2017.