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Desaster und Segen

Ann Patchett erzählt in ihrem Familienroman Die Taufe eine tragische Geschichte mit Humor und großer Leichtigkeit.
Von Katharina Stegelmann

GEMEIN­SA­ME ER­IN­NE­RUN­GEN sind so eine Sa­che. Je­der kennt das: Ein Paar be­rich­tet von sei­nem Ur­laub – und man denkt, die bei­den könn­ten an ver­schie­de­nen Or­ten ge­we­sen sein. In Die Tau­fe, dem neu­en Ro­man der ame­ri­ka­ni­schen Au­to­rin Ann Patchett, geht es auch dar­um: Wel­che Ver­si­on der Ver­gan­gen­heit ist die rich­ti­ge? Und die Ant­wort lau­tet: Es gibt ver­schie­de­ne Ver­sio­nen. Je­der hat sei­ne ganz ei­ge­nen Er­in­ne­run­gen. Und je nach­dem, wer die­se mit wem teilt, er­gibt sich eine neue, eine an­de­re Ge­schich­te. Patchetts Fa­mi­li­en­ge­schich­te be­ginnt in Ka­li­for­ni­en, An­fang der Sech­zi­ger­jah­re bei ei­ner Tau­fe. Der Be­zirks­staats­an­walt Bert Cou­sins lernt bei die­ser Ge­le­gen­heit Be­ver­ly ken­nen und lie­ben – wenn sie doch bloß nicht die Mut­ter des ge­tauf­ten Kin­des wäre. We­nig spä­ter las­sen bei­de sich schei­den, um ein­an­der hei­ra­ten zu kön­nen. Be­ver­lys Töch­ter müs­sen mit nach Vir­gi­nia um­zie­hen, die Fa­mi­lie von Bert Cou­sins bleibt in Ka­li­for­ni­en. Bald rei­sen die Cou­sins-Kin­der je­des Jahr in den Som­mer­fe­ri­en für vier Wo­chen nach Vir­gi­nia, wo sie ih­ren Va­ter kaum zu se­hen be­kom­men, ihre Stief­mut­ter fast in den Wahn­sinn trei­ben und ge­mein­sam mit ih­ren Stief­schwes­tern ver­su­chen, trotz al­lem schö­ne Fe­ri­en zu ver­le­ben. An­fangs eint die Kin­der vor al­lem die Ab­nei­gung ge­gen den je­weils leib­li­chen El­tern­teil, der die ur­sprüng­li­che Fa­mi­li­en­kon­stel­la­ti­on ge­sprengt hat. Aber die Patch­work­ge­schwis­ter tei­len auch Ge­heim­nis­se; ei­nes hat mit ei­ner Pis­to­le zu tun, ein an­de­res mit ei­ner Bie­nen­all­er­gie. Dann kommt es zur Ka­ta­stro­phe. Jah­re spä­ter ver­liebt sich Be­ver­lys Toch­ter Fran­ny in ei­nen be­rühm­ten Schrift­stel­ler, sie er­zählt ihm vom Dra­ma ih­rer Kind­heit – und er macht ei­nen Best­sel­ler dar­aus. Es ist ein De­sas­ter und ein Se­gen zu­gleich: Die Ge­schwis­ter, die in­zwi­schen in al­ler Welt ver­streut le­ben, kom­men über die­ses Buch im Buch – Ti­tel: „Die Tau­fe“ – wie­der mit­ein­an­der ins Ge­spräch, ihr Ver­hält­nis zu den El­tern er­hält neue Im­pul­se. Der Irr­witz des Le­bens wird von Patchett ele­gant und in­tel­li­gent be­schrie­ben, ihr ist ein Ro­man vol­ler Über­ra­schun­gen ge­lun­gen.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 25/2017.