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Jenseits von Luther

Am Beispiel des Jahres 1517 hat Heinz Schilling eine Weltgeschichte der frühen Neuzeit verfasst.
Von Tobias Rapp

GEDENK­JAH­RE ERMÜDEN und las­sen ei­nen ab­stump­fen. Noch ist der 31. Ok­to­ber ein paar Mo­na­te hin, der Tag, an dem sich die Ver­öf­fent­li­chung von Mar­tin Lu­thers be­rühm­ten 95 The­sen zum 500. Mal jährt. So will es zu­min­dest die Über­lie­fe­rung. Was an je­nem Tag wirk­lich pas­siert ist, lässt sich nicht mehr re­kon­stru­ie­ren, dass Lu­ther höchst­per­sön­lich die The­sen an die Tür der Kir­che von Wit­ten­berg ge­schla­gen hat, dürf­te eine so gute wie fal­sche Ge­schich­te sein, wahr­schein­lich hat er sie Ende Ok­to­ber als An­hang zwei­er Brie­fe an be­deu­ten­de Bi­schö­fe ver­schickt. Ihre Wir­kung ent­fal­te­ten sie oh­ne­hin erst spä­ter, als sie als ge­druck­te Flug­schrif­ten ver­öf­fent­licht wur­den. Doch schon nach ein paar Mo­na­ten Lu­ther-Jahr lässt sich fest­stel­len, dass die­ser Mann un­se­rer Ge­gen­wart ei­gent­lich nichts mehr mit­zu­tei­len hat. Si­cher: Er hat die Ent­wick­lung der deut­schen Spra­che be­ein­flusst wie kein an­de­rer. Und ohne ihn gäbe es die pro­tes­tan­ti­sche Kir­che nicht. Doch wer die zahl­rei­chen Bü­cher liest, die zum Ju­bi­lä­um er­schie­nen sind, stellt rasch fest: Lu­ther ist vor al­lem eine his­to­ri­sche Fi­gur und nur als sol­che noch von In­ter­es­se. Sei­ne Sor­ge um das See­len­heil ist noch tief in mit­tel­al­ter­li­chen Vor­stel­lun­gen ver­wur­zelt. Sein Kampf ge­gen die Ver­lo­gen­heit und Macht der ka­tho­li­schen Kir­che nur noch schwer ver­ständ­lich. Mit dem Wohl­fühl­glau­ben des Kir­chen­tags­pro­tes­tan­tis­mus hat das nichts zu tun. Und mit den Fra­gen, vor de­nen die Chris­ten­heit in ei­nem sä­ku­la­ri­sier­ten Wes­ten steht, auch nicht. Das Lu­ther-Jahr ist vor­bei, be­vor es rich­tig an­ge­fan­gen hat.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 25/2017.