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JOHANNES GRÜTZKE, 79

Er war, was man aus sei­nem Werk nicht un­be­dingt ge­schlos­sen hät­te, ein an­ge­neh­mer, ja lie­bens­wür­di­ger Mensch. Das Gro­tes­ke sei­ner Men­schen­dar­stel­lung trat bei ihm per­sön­lich als Schalk in Er­schei­nung, das his­to­risch An­spie­lungs­rei­che als pri­va­te Ge­lehr­sam­keit, das Ab­grün­di­ge als wort­wit­zi­ger Hin­ter­sinn. Der be­deu­tends­te öf­fent­li­che Auf­trag des in Ber­lin ge­bo­re­nen Ma­lers, „Der Zug der Volks­ver­tre­ter“, ein 33 Me­ter lan­ges Rund­bild für die Ro­tun­de der Frank­fur­ter Pauls­kir­che, ent­täusch­te bei sei­ner Ent­hül­lung 1991 jede Hoff­nung auf Pa­thos, Wür­de und op­ti­mis­ti­sche Ge­schichts­auf­fas­sung: Schee­l­äu­gi­ge und Schia­che, pro­le­ta­ri­sche Wei­ber, Ker­le und Kin­der stö­ren den hoff­nungs­vol­len Zug der Volks­ver­tre­ter zur ers­ten deut­schen Na­tio­nal­ver­samm­lung – ein krei­sen­der Pulk von Män­nern im schwar­zen An­zug, nicht we­ni­ge eher über­for­dert als be­seelt wir­kend, nicht zu­letzt der Trä­ger ei­ner be­droh­lich rut­schen­den Chris­tus­fi­gur. Grütz­ke spiel­te in Fil­men mit ("Die flam­bier­te Frau"), ge­stal­te­te Büh­nen­bil­der, schrieb für das Thea­ter, kom­po­nier­te und war Grün­dungs­mit­glied der Künst­ler­grup­pen „Die Er­leb­nis­gei­ger“ und „Die Schu­le der Neu­en Präch­tig­keit“. Sein po­le­mi­scher Rea­lis­mus stand quer zu Abs­trak­ti­on und Kon­zept­kunst; „Kunst“, sag­te er, „ist nicht mo­dern, son­dern im­mer!“ Jo­han­nes Grütz­ke starb am 17. Mai in Ber­lin.

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BRAD GREY, 59

Bis vor ein paar Mo­na­ten war er ei­ner der mäch­tigs­ten Män­ner Hol­ly­woods: Grey ent­schied über Mil­lio­n­en­ga­gen und dar­über, was in al­ler Welt im Kino läuft. Sei­ne Kar­rie­re im Show­ge­schäft hat­te er in New York als Lauf­bur­sche für die Brü­der Wein­stein be­gon­nen, die spä­te­ren Film­pro­du­zen­ten. Als 21-Jäh­ri­ger or­ga­ni­sier­te Grey für sie ein Frank-Si­na­tra-Kon­zert. 1984 schloss er sich dem Star­ma­na­ger und TV-Pro­du­zen­ten Ber­nie Brill­stein ("Alf") an. Sein Ge­spür für gute Stof­fe be­wies Grey, als er „The So­pra­nos“ an den Ka­bel­ka­nal HBO ver­kauf­te; die gro­ßen Sen­der hat­ten die Se­rie ab­ge­lehnt. 2005 wur­de er Chef der Pa­ra­mount-Stu­di­os, be­rühmt für Klas­si­ker wie „Der Pate“. Er sei „nur ein Kind in Hol­ly­wood, das ei­nen Traum hat“, sag­te Grey. Er kauf­te Frank Si­na­tras alte Vil­la in Los An­ge­les und er­setz­te sie spä­ter durch ei­nen Neu­bau. Ähn­lich skru­pel­los ver­fuhr Grey bei Pa­ra­mount: Er be­stell­te Neu­ver­fil­mun­gen von po­pu­lä­ren, aber an­ge­staub­ten Stof­fen wie „Star Trek“ oder „Trans­for­mers“. Un­ter sei­ner Ägide ge­wann das Stu­dio Os­cars für Fil­me wie „No Coun­try for Old Men“. Doch bei Co­mic-Ad­ap­tio­nen und Ani­ma­ti­ons­fil­men ver­lor Pa­ra­mount ge­gen­über Dis­ney und War­ner Bros. den An­schluss. 2016 mach­te das Stu­dio 445 Mil­lio­nen Dol­lar Ver­lust. Im Fe­bru­ar, kurz vor der Os­car-Ver­lei­hung, wur­de Grey ge­feu­ert. Brad Grey starb am 14. Mai in Los An­ge­les an Krebs.

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ROGER AILES, 77

Er war kein Po­li­ti­ker, son­dern nur ein Fern­seh­mann. Doch zwei Jahr­zehn­te lang hat er das po­li­ti­sche Kli­ma in den USA be­stimmt, vie­le sa­gen: ver­gif­tet. 1996 grün­de­te Ai­les, einst Me­di­en­be­ra­ter von Prä­si­dent Ri­chard Ni­xon, im Auf­trag von Ru­pert Mur­doch den Nach­rich­ten­sen­der Fox News und über­hol­te bald den Kon­kur­ren­ten CNN. Ag­gres­siv ver­brei­te­ten (und ver­brei­ten) die Mo­dera­to­ren Ai­les' re­ak­tio­nä­res Welt­bild. Fox News in­si­nu­ier­te, dass Ba­rack Oba­ma ein Mus­lim sei und Hil­la­ry Clin­ton ins Ge­fäng­nis ge­hö­re. Ohne die Pro­pa­gan­da von Fox News wäre Do­nald Trump ver­mut­lich nicht Prä­si­dent ge­wor­den. Im Juli 2016 muss­te Ai­les zu­rück­tre­ten, weil er un­zäh­li­ge Mit­ar­bei­te­rin­nen des Sen­ders se­xu­ell be­läs­tigt ha­ben soll, was er bis zu­letzt be­stritt. Ro­ger Ai­les starb am 18. Mai.

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CHRIS CORNELL, 52

Die Grun­ge-Ära war wahr­schein­lich die letz­te gro­ße Zeit der ag­gres­si­ven Rock­mu­sik – ohne Chris Cor­nell hät­te sie an­ders ge­klun­gen. Er kam aus Se­at­tle, der Stadt, die man mit die­ser Mu­sik ver­bin­det; sei­ne Band Sound­gar­den grün­de­te er 1984. Die Mu­si­ker wur­den für ih­ren har­ten, psy­che­de­li­schen und kon­fron­ta­ti­ven Sound ge­liebt und ne­ben Nir­va­na und Pearl Jam die er­folg­reichs­ten Prot­ago­nis­ten des Grun­ge. 1997 lös­te sich die Band auf, fand aber 2010 wie­der zu­sam­men. Cor­nell nahm So­lo­plat­ten auf, spiel­te in der Band Au­di­o­slave und kämpf­te mit ei­ner Al­ko­hol- und Dro­gen­ab­hän­gig­keit; 2003 mach­te er ei­nen Ent­zug. Am Mitt­woch­abend trat er noch auf, da­nach brach er zu­sam­men. Chris Cor­nell nahm sich am 17. Mai in De­troit das Le­ben.

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KARL-OTTO APEL, 95

Als wen­di­ger Wort­jon­gleur moch­te der Frank­fur­ter Phi­lo­soph nie auf­tre­ten – rang er doch, wie die Größ­ten sei­nes Fachs, um „Letzt­be­grün­dung“, vor al­lem der Ethik. Dass Wer­te nur im of­fe­nen Dis­kurs un­ter Gleich­be­rech­tig­ten aus­ge­han­delt wer­den könn­ten, wur­de zur Kern­bot­schaft sei­ner „tran­szen­den­ta­len Sprach­prag­ma­tik“. Apels in­ter­sub­jek­ti­ver, de­mo­kra­tie­freund­li­cher An­satz, in­spi­riert durch den US-Theo­re­ti­ker Charles San­ders Peir­ce und von Jür­gen Ha­ber­mas fort­ent­wi­ckelt, ern­te­te Skep­sis von Ra­tio­na­lis­ten und galt den Post­mo­der­nen als zu ver­nunfts­elig. Aber der all­zeit dis­kus­si­ons­freu­di­ge Den­ker ließ sich nicht mehr in der Über­zeu­gung be­ir­ren, dass er die bes­se­ren Ar­gu­men­te habe. Karl-Otto Apel starb am 15. Mai in Nie­dern­hau­sen.

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MAUNO KOIVISTO, 93

In jun­gen Jah­ren galt der so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Po­li­ti­ker als „fin­ni­scher Ken­ne­dy“ und „Ret­ter der De­mo­kra­tie“ in sei­nem Hei­mat­land. Zu ver­dan­ken hat­te er das sei­nem mar­kan­ten Aus­se­hen und vor al­lem dem Ein­tre­ten ge­gen den da­ma­li­gen Prä­si­den­ten Urho Kek­ko­nen, der sein Land zu­neh­mend selbst­herr­lich lenk­te. Koivis­to, der sich vom Dock­ar­bei­ter, Leh­rer, Ban­ker zum Lei­ter der Zen­tral­bank hoch­ge­ar­bei­tet hat­te, trau­te sich als Ein­zi­ger, Kek­ko­nen zu wi­der­spre­chen. Koivis­to wur­de Fi­nanz­mi­nis­ter und Mi­nis­ter­prä­si­dent. Als Staats­prä­si­dent (1982 bis 1994) führ­te er Kek­ko­nens russ­land­freund­li­che Au­ßen­po­li­tik fort; nach dem Zer­fall der So­wjet­uni­on un­ter­stütz­te er Finn­lands Bei­tritt zur EU. Ma­u­no Koivis­to starb am 12. Mai in Hel­sin­ki.

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