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Gehärteter Experten­blick

● Über die Ge­schich­te des Ho­lo­caust sei­en schon Tau­sen­de Bü­cher ge­schrie­ben wor­den – das räumt der His­to­ri­ker Chris­ti­an Ger­lach gleich zu Be­ginn ein. Und den­noch hat er auf die­sen gi­gan­ti­schen Sta­pel nun noch ein wei­te­res ge­legt, ei­nen „kom­pak­ten Über­blick“ von im­mer­hin 600 Sei­ten, wie sein Ver­lag in der An­kün­di­gung schreibt. Tat­säch­lich hat sich Ger­lach an ei­ner Art Me­ta­ge­schich­te des eu­ro­päi­schen Ju­den­mords ver­sucht. Das, was Ge­ne­ra­tio­nen von His­to­ri­kern zu dem The­ma bei­ge­tra­gen ha­ben, prä­sen­tiert er in ex­trem ver­dich­te­ter Form. An­ge­rei­chert wird die­ses Kom­pen­di­um durch eine ganz spe­zi­el­le, ger­lach­sche Sicht auf das The­ma, durch jene Per­spek­ti­ve also, mit der sich der in Bern leh­ren­de His­to­ri­ker in der Bran­che ei­nen Na­men ge­macht hat: Ger­lach be­trach­tet den Ho­lo­caust als ein Pro­dukt „ex­trem ge­walt­tä­ti­ger Ge­sell­schaf­ten“. Und das heißt ers­tens: Die Ver­nich­tung der Ju­den wur­de nicht nur von oben an­ge­ord­net, son­dern auch von den Tä­tern vor Ort aus ei­ge­nem An­trieb durch­ge­führt und von vie­len Mit­läu­fern des Sys­tems ge­bil­ligt. Zwei­tens: Nicht al­lein in Deutsch­land es­ka­lier­te der An­ti­se­mi­tis­mus zum Mas­sen­mord, auch an­de­re eu­ro­päi­sche Völ­ker tö­te­ten Hun­dert­tau­sen­de jü­di­scher Bür­ger. Und drit­tens: Der ex­tre­men Ge­walt fie­len wei­te­re Grup­pen zum Op­fer, drei Mil­lio­nen rus­si­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne etwa, Be­hin­der­te, po­li­ti­sche Häft­lin­ge und un­ge­zähl­te Zi­vi­lis­ten. Ger­lach ver­zich­tet weit­ge­hend auf kon­kre­te Bei­spie­le, lie­fert aber Mas­sen von Da­ten und Fak­ten für den fach­kun­di­gen Le­ser. Sein in lan­gen For­scher­jah­ren ge­här­te­ter Ex­per­ten­blick macht ihn al­ler­dings manch­mal blind für jene Sen­si­bi­li­tät, die bei die­sem The­ma ge­for­dert ist. Wenn der Au­tor etwa ein Ka­pi­tel mit der Fra­ge über­schreibt „War­um ließ man nicht alle Ju­den ver­hun­gern?“ (und tö­te­te sie statt­des­sen mit Gas), dann be­dient er sich un­nö­tig der tech­no­kra­ti­schen Ver­nich­tungs­lo­gik der Na­zis – nichts läge ihm mit Si­cher­heit fer­ner, aber ein biss­chen mehr Em­pa­thie für die Op­fer hät­te sei­nem Buch auch nicht ge­scha­det.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 12/2017.