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Vertieft in Oberflächen

● Eine „so­zia­le Bio­gra­phie“ nennt Jörg Spä­ter sein groß­ar­ti­ges Werk über Sieg­fried Kra­cau­er, den Schrift­stel­ler und Jour­na­lis­ten – eine Be­rühmt­heit in der Wei­ma­rer Re­pu­blik, ein un­glück­li­cher Emi­grant in Pa­ris und ein glück­li­cher US-Bür­ger der Nach­kriegs­zeit. Was uns heu­te selbst­ver­ständ­lich er­scheint im Feuille­ton und in der Kul­tur­kri­tik – die Ana­ly­se von All­tagsphä­no­me­nen wie Ar­chi­tek­tur, Wer­bung und Mode, die Er­schlie­ßung der Welt durch ihre Ober­flä­chen –, nahm mit Kra­cau­er sei­nen An­fang. Das jü­di­sche Kind aus klein­bür­ger­li­chen Ver­hält­nis­sen, ein schüch­ter­ner Stot­te­rer, lern­te, sei­ne Um­ge­bung „zu le­sen“, und mach­te aus sei­ner so­zia­len Wehr­lo­sig­keit eine Kom­pe­tenz. In Nähe und Kon­kur­renz zu Weg­ge­fähr­ten wie Jo­seph Roth, Wal­ter Ben­ja­min, Theo­dor W. Ador­no, Max Hork­hei­mer und Ernst Bloch schärf­te er das Be­wusst­sein sei­ner Zeit für „die Tag­träu­me der Ge­sell­schaft, in de­nen ihre ei­gent­li­che Rea­li­tät zum Vor­schein kommt, ihre sonst un­ter­drück­ten Wün­sche sich ge­stal­ten“. Mit sei­ner Ver­bin­dung von Mas­sen­psy­cho­lo­gie und Ästhe­tik und als Film­kri­ti­ker ist Kra­cau­er bis heu­te in­ter­es­sant; Spä­ter zeigt das so lu­zi­de wie ele­gant. Vor al­lem aber ge­lingt es dem Frei­bur­ger His­to­ri­ker in sei­nem vor­züg­lich ge­schrie­be­nen, psy­cho­lo­gisch klu­gen Pan­ora­ma, das für den Preis der Leip­zi­ger Buch­mes­se no­mi­niert ist, die At­mo­sphä­re der Zwan­zi­ger- und Drei­ßi­ger­jah­re ein­zu­fan­gen – ei­ner Epo­che, in der Un­ru­he in Ge­walt um­schlug, das po­li­ti­sche Den­ken ideo­lo­gisch wur­de und die Er­eig­nis­se das Ver­ste­hen im­mer wie­der über­hol­ten. Sel­ten kam eine his­to­ri­sche Bio­gra­fie so sehr zu rech­ten Zeit wie die­se.

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