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Auch Männer unter den Opfern

● Soll­ten wir Men­schen zu­hö­ren, die dar­über auf­klä­ren, dass Män­ner ris­kan­ter le­ben als Frau­en – und frü­her ster­ben? Dass sie sel­te­ner zum Arzt ge­hen, schlim­me­re Au­to­un­fäl­le ha­ben, sich häu­fi­ger um­brin­gen? Und dass der Grund da­für auch dar­in liegt, dass sie ab­surd-an­ti­quier­ten Männ­lich­keits­bil­dern nach­hän­gen, dass sie un­ter pa­tri­ar­cha­len Tra­di­tio­nen ähn­lich lei­den wie Frau­en? Oh ja, wir soll­ten. Aber ganz ehr­lich: Wir soll­ten es nicht tun, wenn sie schrei­ben wie der Bri­te Jack Ur­win, 25, in Boys don't cry. In ei­nem Di­cke-Eier-Ton, breit­bei­nig in der Hüf­te wie­gend, in ei­ner schnodd­ri­gen Um­gangs­spra­che, die auf eine Hol­den-Caul­field-Art ju­gend­lich wirkt und gleich­zei­tig im­mer et­was old fa­shio­ned. Ein Buch wie ein Kerl, der Hem­den von Ben Sher­man trägt. Dass das Me­di­en­echo für das Buch den­noch enorm ist, kann ei­nem mäch­tig schlech­te Lau­ne ma­chen, so sehr, dass man sie im ers­ten Im­puls mit ei­nem har­ten Drink run­ter­stür­zen will. Aber Män­ner – da hat Ur­win na­tür­lich recht, so wie mit den meis­ten sei­ner we­ni­gen Ge­dan­ken – sau­fen eh schon zu viel. Sein Buch baut auf ei­nem Es­say auf, „A Stiff Up­per Lip Is Kil­ling Bri­tish Men“, den er 2014 im „Vice Ma­ga­zi­ne“ ver­öf­fent­licht hat. Zehn­tau­sen­de Male teil­ten Le­ser den Text in so­zia­len Netz­wer­ken. Ur­win schrieb über sei­nen Va­ter, der mit nie­man­dem über sei­ne Herz­pro­ble­me sprach, nicht mit sei­ner Fa­mi­lie, nicht mit sei­nem Arzt, bis er mit 51 an ei­nem Herz­in­farkt starb. Sein Va­ter sei „für sei­ne Männ­lich­keit ge­stor­ben“, sagt Ur­win. Für ein Kon­zept von Männ­lich­keit, das er to­xisch nennt. Be­son­ders stark grei­fe das um sich, seit­dem har­te, kör­per­li­che Ar­beit we­ni­ger ge­fragt ist: to­xi­sche Männ­lich­keit als Männ­lich­keits­pro­the­se, das Er­geb­nis ei­ner Über­kom­pen­sa­ti­on. Ur­win schreibt über eine Ge­sell­schaft, die den so­zia­len Sta­tus von Män­nern an ih­rer se­xu­el­len Ak­ti­vi­tät und Ath­le­tik fest­macht. Über Bi­gor­ex­ie, Mus­kel­sucht. Und dar­über, dass es kei­ne männ­li­chen Plus-Size-Mo­dels gibt. Er ar­gu­men­tiert sel­ten klug, aber im­mer ker­nig, schreibt an­ek­do­tisch und au­to­bio­gra­fisch, be­tont un­wis­sen­schaft­lich. Ein Buch für Ju­gend­li­che und jun­ge Er­wach­se­ne ohne aka­de­mi­sche Am­bi­tio­nen. Was okay wäre, wenn Ur­win nicht auch red­un­dant schrie­be, in er­mü­den­den Schlei­fen. Das Buch­co­ver zi­tiert Lau­rie Pen­ny, den Pop­star des bri­ti­schen Fe­mi­nis­mus. Sie gilt als cool und klug. Ur­win ist nur cool. Män­ner wei­nen nicht, klagt er. Da­bei gibt ih­nen sein Buch al­len Grund dazu.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 12/2017.