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Getränkt von der Lieblichkeit Italiens

● Wie so vie­le Lie­bes­er­klä­run­gen kommt die­se Lie­bes­er­klä­rung zu spät. Am 11. Fe­bru­ar ist Jiro Ta­ni­gu­chi im Al­ter von 69 Jah­ren ge­stor­ben. Wer war Juri Ta­ni­gu­chi? Ein Zeich­ner, der die Kunst des Man­gas öff­ne­te, sti­lis­tisch und er­zäh­le­risch, der in sei­nen Co­mics das voll­bracht hat, was Ha­ru­ki Mu­ra­ka­mi im Ro­man ge­lang: eine Sym­bio­se zwi­schen den Tra­di­tio­nen Ja­pans und de­nen des Wes­tens. Jiro Ta­ni­gu­chi war ein Dich­ter der Ein­sam­keit und der Er­in­ne­rung. Wenn er in kla­ren Bil­dern vom Schlen­dern durch To­kio er­zähl­te oder von der Rei­se zu ei­ner Trau­er­fei­er, fing er die Sehn­sucht ein, die Ver­letz­bar­keit, aber auch den Blick ne­ben­bei – und sei es den auf den Po ei­ner Frau. Ve­ne­dig ist Ta­ni­gu­chis Spät­werk, ein Bil­der­bo­gen, in dem er sei­ne The­men va­ri­iert: die Su­che nach der ei­ge­nen Ge­schich­te, das Her­um­strei­fen. An­ders als sei­ne gro­ßen Ar­bei­ten, Der Gour­met oder Die Sicht der Din­ge, ist Ve­ne­dig kein ge­zeich­ne­ter Ro­man in Schwarz-Weiß, son­dern ein durch­ge­hend far­bi­ger Band, der mit we­nig Text aus­kommt: Ein Ja­pa­ner reist auf den Spu­ren sei­ner Groß­el­tern nach Ita­li­en. Ta­ni­gu­chi zeigt sehr viel vom Tou­ris­ten-Ve­ne­dig, die für ihn ty­pi­sche nüch­ter­ne Weh­mut ist fast ver­flo­gen, das Buch ge­tränkt von der Lieb­lich­keit Ita­li­ens wie ein Cap­puc­ci­no mit all­zu viel Zu­cker. Ve­ne­dig war eine Auf­trags­ar­beit, ur­sprüng­lich ver­öf­fent­licht in der Bu­che­di­ti­on ei­nes Lu­xus­hand­ta­schen­her­stel­lers. Des­sen La­den­schild taucht auf, ein­deu­tig Pro­duct-Pla­ce­ment. Oder ein Fall von Selbst­iro­nie: Es sind schließ­lich Ja­pa­ne­rin­nen, die be­vor­zugt dort ein­kau­fen. Ta­ni­gu­chis Prot­ago­nist geht vor­bei. Das, was er sucht, wird er in kei­nem La­den fin­den.

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