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Pharaonen­gräber

Uwe Tellkamp über Ernst Jüngers Käferbuch
Subtile Jagden

DER ORT, AN DEM MAN ei­nem Buch zum ers­ten Mal be­geg­net, die Um­stän­de, un­ter de­nen man es las, ge­hen eine Ver­bin­dung mit dem Buch ein; neh­me ich dieSub­ti­len Jag­den aus dem Re­gal, lese die Sei­ten über die Ca­ra­bus-Kä­fer, die Ci­cin­de­len, das Ka­pi­tel über die Samm­ler und Sys­te­ma­ti­ker, steigt das Leip­zig der frü­hen neun­zi­ger Jah­re vor mir auf, als ich Me­di­zin­stu­dent in der Lie­big­stra­ße, im „wei­ßen Vier­tel“, und al­les im Um­bruch war, die alte Ge­sell­schafts­ord­nung ver­schwand und eine neue nur zö­gernd her­an­wuchs, mit mehr oder we­ni­ger gif­ti­gen Kon­tak­ten zur al­ten. Ich woll­te nun end­lich al­les le­sen, was mir vor dem Mau­er­fall un­er­reich­bar ge­we­sen war. Von Jün­ger hat­te ich ge­hört, er war um­raunt. In der DDR war, so­weit ich wuß­te, kei­ne ein­zi­ge Zei­le von ihm er­schie­nen. In den Dresd­ner und Leip­zi­ger An­ti­qua­ria­ten, sonst ein gu­ter Fun­dus für Kon­ter­ban­de, fand ich ihn nicht, Zu­gang zu Ost­ber­li­ner Dis­si­den­ten­krei­sen, die ver­bo­te­ne Li­te­ra­tur von Be­kann­ten mit dop­pel­ter Staats­bür­ger­schaft und Di­plo­ma­ten­paß schmug­geln lie­ßen, hat­te ich nicht, die so­ge­nann­ten Gift­schrän­ke der Bi­blio­the­ken, in de­nen ich die Wer­ke Jün­gers voll­zäh­lig und un­ter Bann wie waf­fen­fä­hi­ges Plu­to­ni­um ver­mu­te­te, blie­ben mir ver­schlos­sen. Im Ana­to­mie­hör­saal in der Leip­zi­ger Lie­big­stra­ße knarr­ten die Sche­mel, wenn die Kom­mi­li­to­nen im Takt zu den Er­läu­te­run­gen Pro­fes­sor R.s, der die Em­bryo­lo­gie des Her­zens in Ver­sen dar­bot, ihre Stif­te auf den Kol­leg­blö­cken ver­scho­ben; ich be­ob­ach­te­te, ver­such­te mir Ge­sich­ter ein­zu­prä­gen, ver­folg­te die Han­tie­run­gen der Vor­le­sungs­ge­hil­fen, die Roll­ta­feln mit ana­to­mi­schen Dar­stel­lun­gen auf­häng­ten, dach­te über un­se­re Si­tua­ti­on nach: Drau­ßen war al­les im Um­sturz be­grif­fen, hier drin­nen aber, be­wacht vom fah­len Licht der Hör­saallam­pen und von ei­nem Wand­fries aus den Fünf­zi­gern, der eine Prä­pa­rier­saal­sze­ne zeig­te, er­kun­de­ten wir das In­ne­re des mensch­li­chen Kör­pers. Wenn wir nicht, wie Kom­mi­li­to­ne M. und ich, das Aben­teu­er­li­che Herz er­kun­de­ten, gel­bes Re­clam­heft. M. war skep­tisch Jün­ger ge­gen­über ge­we­sen, ich hat­te ver­sucht, ihn zu mis­sio­nie­ren: Lies das Stück über die Ti­ger­li­lie, nur das. Er hat­te ge­dacht, Jün­ger sei ein Fa­schist „und so“.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 12/2017.