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Kultur

Dus­ty Spring­field um 1965

Mode

Aufgeplustert

Die Pe­rü­cke gilt als ver­z­opft, aus der Zeit ge­fal­len, ein Ac­ces­soire für Kar­ne­vals- und Kos­tüm­fes­te, längst nicht mehr für den All­tag. Der me­xi­ka­ni­sche Es­say­ist und Dich­ter Lu­i­gi Ama­ra hin­ge­gen er­kennt in ihr den Vor­läu­fer der all­ge­gen­wär­ti­gen Selbst­op­ti­mie­rung und Selbst­er­mäch­ti­gung, den hoch­mo­der­nen Ver­such, die Be­schrän­kun­gen des Kör­pers zu über­win­den und die Zu­fäl­lig­kei­ten der Iden­ti­tät auf­zu­he­ben, auch die der ge­schlecht­li­chen. Die Pe­rü­cke als Ver­bün­de­te al­les An­dro­gy­nen und als ers­ter Schritt in die Cy­borg-Ära: Sie kün­di­ge, so schreibt Ama­ra in sei­ner Kul­tur­ge­schich­te des künst­li­chen Haars Die Pe­rü­cke (Be­ren­berg), je­nen ra­di­ka­len Wan­del un­se­rer Kör­per­po­li­tik an, „der das bio­lo­gi­sche Erbe zum sim­plen Ent­wurf de­gra­diert“. Das Wort selbst führt Ama­ra in sei­nem klu­gen Ge­dan­ken­ge­flecht auf das fran­zö­si­sche per­ru­que zu­rück und von dort auf per­ro­quet, den Pa­pa­gei, ei­nen bunt auf­ge­plus­ter­ten, zum Ge­plap­per nei­gen­den ko­mi­schen Vo­gel. Wo­mit wir bei Do­nald Trump wä­ren. Das Haar des US-Prä­si­den­ten soll echt sein, aber es ist so pe­rü­cken­ar­tig ar­ran­giert, dass es seit Mo­na­ten für Spott und Spe­ku­la­tio­nen sorgt; sein Haar­helm ist der­art zum Sym­bol ge­wor­den, dass Ka­ri­ka­tu­ris­ten nur ihn zu zeich­nen brau­chen, wenn sie den gan­zen Mann mei­nen. Auf Hoch­zei­ten der Pe­rü­cke, schreibt der Me­xi­ka­ner Ama­ra, sei­en oft re­vo­lu­tio­nä­re Um­wäl­zun­gen ge­folgt: im al­ten Ägyp­ten, im al­ten Rom, in der fran­zö­si­schen Mon­ar­chie. Da­her kön­ne eine even­tu­el­le Pe­rü­cken­re­nais­sance den An­fang ei­nes neu­en En­des mar­kie­ren. Wohl­ge­merkt: Bis­lang ist die­se nicht in Sicht, bis­lang ist Trumps Haar kein Mo­de­trend. Au­ßer kürz­lich an Kar­ne­val.

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