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BOUTROS BOUTROS-GHALI, 93

Viel­leicht lag sein Auf­stieg zu ei­nem der be­kann­tes­ten Di­plo­ma­ten der ara­bi­schen Welt in der Kar­rie­re sei­nes Groß­va­ters be­grün­det. »Bou­tros Gha­li Pa­sha war der ers­te christ­li­che Pre­mier­mi­nis­ter Ägyp­tens, das da­mals noch un­ter os­ma­ni­scher Herr­schaft stand, ich be­wun­der­te ihn«, be­gann Bou­tros-Gha­li im März 2015 ei­nen Bei­trag für das SPIEGEL-Ge­schich­te-Heft »Is­ra­el«, in dem er den Hö­he­punkt sei­ner Kar­rie­re schil­dert: die schwie­ri­gen Frie­dens­ver­hand­lun­gen zwi­schen Kai­ro und Je­ru­sa­lem in Camp Da­vid, dem Fe­ri­en­sitz von US-Prä­si­dent Jim­my Car­ter. Zwölf Tage lang lie­fer­ten sich im Sep­tem­ber 1978 der ägyp­ti­sche Prä­si­dent An­war al-Sa­dat und der is­rae­li­sche Pre­mier Me­nach­em Be­gin ei­nen er­bit­ter­ten Ner­ven­krieg um das Ab­kom­men. Als Staats­mi­nis­ter im Au­ßen­mi­nis­te­ri­um war Bou­tros-Gha­li ei­ner der Ar­chi­tek­ten des Se­pa­rat­frie­dens zwi­schen dem jü­di­schen Staat und der ara­bi­schen Groß­macht. Durch das Ab­kom­men er­hielt Kai­ro den im Sechs­ta­ge­krieg 1967 ver­lo­re­nen Si­nai zu­rück – al­ler­dings um den ho­hen Preis jah­re­lan­ger Iso­la­ti­on in der ara­bi­schen Welt. Dem Spross ei­ner po­li­tisch ak­ti­ven wie ver­mö­gen­den Kop­ten-Fa­mi­lie schien zu­erst eine Uni­ver­si­täts­kar­rie­re be­schie­den: Nach Ju­ra­stu­di­en in Kai­ro und Pa­ris ar­bei­te­te Bou­tros-Gha­li als Pro­fes­sor für In­ter­na­tio­na­les Recht und In­ter­na­tio­na­le Be­zie­hun­gen an der Kai­ro­er Uni­ver­si­tät. Sei­ne Vor­le­sun­gen be­griff er als Ge­le­gen­heit, die Stu­den­ten da­von zu »über­zeu­gen, sich für den Auf­bau ei­ner mo­der­nen, de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft ein­zu­set­zen«. Im Ok­to­ber 1977 er­eil­te ihn der Ruf Sa­dats ins Au­ßen­mi­nis­te­ri­um. »Ich war über­rascht und auch ver­är­gert«, schrieb er spä­ter. »Die so­zia­lis­ti­schen Ge­set­ze hat­ten mei­ne christ­li­che Fa­mi­lie zu ei­ner Art Volks­feind ge­macht, un­ser Be­sitz, un­ter Prä­si­dent Nas­ser als 'feu­dal' ein­ge­stuft, war noch im­mer kon­fis­ziert. Ich hat­te 90 Pro­zent mei­nes Er­bes ver­lo­ren. Aus­ge­rech­net ich soll­te ein öf­fent­li­ches Amt an­tre­ten? Doch ich konn­te nicht ab­leh­nen, ich fühl­te mich in der Pflicht.« Die Jah­re als Ver­trau­ter Sa­dats wa­ren sei­ne er­folg­reichs­te Zeit, auch wenn er spä­ter zum ers­ten ara­bi­schen und afri­ka­ni­schen Uno-Ge­ne­ral­se­kre­tär auf­stieg. Doch schon bei der No­mi­nie­rung schlug Bou­tros-Gha­li das Miss­trau­en Wa­shing­tons ent­ge­gen. Dem da­ma­li­gen US-Prä­si­den­ten Ge­or­ge Bush war der Ägyp­ter su­spekt, weil er für die Pa­läs­ti­nen­ser ei­nen ei­ge­nen Staat for­der­te. Da Bou­tros-Gha­li zu­gleich den US-Ein­fluss in der Uno zu­rück­drän­gen woll­te und da­ge­gen war, die bos­ni­schen Ser­ben von der Nato bom­bar­die­ren zu las­sen, ge­riet er auch mit Bushs Nach­fol­ger Bill Clin­ton in Kon­flikt. Der ver­hin­der­te dann eine zwei­te Amts­zeit des Ägyp­ters. Um die Zu­kunft sei­nes Lan­des sorg­te sich Bou­tros-Gha­li bis zu­letzt und warn­te vor dem Macht­hun­ger der Is­la­mis­ten. Un­ter Ver­weis auf sei­nen Groß­va­ter, der von ei­nem fa­na­ti­schen Na­tio­na­lis­ten er­schos­sen wor­den war, ver­ur­teil­te er jede Art von Ex­tre­mis­mus. Bou­tros Bou­tros-Gha­li starb am 16. Fe­bru­ar in Kai­ro.

ANDRZEJ ZULAWSKI, 75

Der aus Po­len stam­men­de Re­gis­seur sorg­te in sei­ner Wahl­hei­mat Frank­reich für Skan­da­le, weil er Fil­me an der Gür­tel­li­nie dreh­te. Er er­zähl­te Ge­schich­ten von Frau­en, die aus­ge­beu­tet wer­den, und schau­te ge­nüss­lich da­bei zu, wie sie sich kör­per­lich und see­lisch ent­blöß­ten. Manch­mal ge­lang ihm da­bei ein in­ten­si­ver Psy­cho­trip wie »Nacht­blen­de« (1975) mit Romy Schnei­der, dann wie­der ver­lor er sich in Nu­di­tä­ten wie in »Die öf­fent­li­che Frau« (1984) mit Valé­rie Ka­pris­ky. Er lieb­äu­gel­te mit der Kunst und schiel­te nach dem Por­no, das konn­te nur sel­ten gut ge­hen, sorg­te aber für ei­ni­ge lei­den­schaft­li­che De­bat­ten über Sex, Kino und Mo­ral. An­drzej Zu­law­ski starb am 17. Fe­bru­ar in War­schau.

TRIFON IWANOW, 50

Der fins­te­re Ga­no­ven­blick aus halb ge­schlos­se­nen Au­gen ver­lieh ihm den Aus­druck ei­ner ge­wis­sen Hu­mor­lo­sig­keit – und so spiel­te er auch Fuß­ball. Der bul­ga­ri­sche Na­tio­nal­spie­ler war in den Neun­zi­ger­jah­ren der In­be­griff des ei­sen­har­ten Ver­tei­di­gers. Es war eine Zeit, in der die Spie­ler noch nicht dau­ernd ih­ren Kör­per­fett­an­teil mes­sen muss­ten und ein klei­nes Fit­ness­de­fi­zit kein Grund war, mit dem Rau­chen auf­zu­hö­ren. Iwa­now, der un­ter an­de­rem für ZSKA So­fia, Be­tis Se­vil­la, Ra­pid Wien und Neu­châ­tel Xamax auf dem Platz stand, war wohl nir­gends schnel­ler als sei­ne Trai­ner, aber im­mer Chef der Ab­wehr. Er ma­che »kei­ne Ge­fan­ge­nen«, sag­te ein Kol­le­ge über des­sen Um­gang mit Ge­gen­spie­lern. Sie nann­ten ihn den »Wolf«. In ei­nem bes­se­ren sei­ner 77 Län­der­spie­le, es war das Vier­tel­fi­na­le der WM 1994 in den USA, warf sein bul­ga­ri­sches Team den Ti­tel­ver­tei­di­ger Deutsch­land aus dem Tur­nier. Der bär­ti­ge Re­cke wur­de auch mit Ra­pid ös­ter­rei­chi­scher Meis­ter. Nach der Kar­rie­re be­saß er Tank­stel­len und grün­de­te Fir­men, die mit Öl han­del­ten. Trif­on Iwa­now starb am 13. Fe­bru­ar im bul­ga­ri­schen Sa­mo­wo­de­ne an ei­nem Herz­in­farkt.

GEORGE GAYNES, 98

Wer nachts durch die Fern­seh­ka­na­le zappt, hat gute Chan­cen, ihn zu se­hen, in ir­gend­ei­ner Wie­der­ho­lung der vie­len TV-Se­ri­en und Ki­no­fil­me, die er ge­dreht hat. Nur we­ni­ge Hol­ly­wood­schau­spie­ler hat­ten auf dem Bild­schirm und der Lein­wand eine ähn­li­che Dau­er­prä­senz wie er. Ob in »Bo­nan­za«, »Ko­bra, über­neh­men Sie«, »Co­lum­bo« oder »Quin­cy«, je­der­zeit konn­te sich sein Cha­rak­ter­kopf ins Bild schie­ben. Gay­nes war ein gro­ßer Ko­mö­di­ant, bril­lant sein Auf­tritt als schmie­ri­ger Schau­spie­ler in der Tra­ves­tie­ko­mö­die »Toot­sie« (1982), der sich an den von Dus­tin Hoff­man ge­spiel­ten Hel­den her­an­schmeißt, ohne zu ah­nen, dass in den Frau­en­klei­dern ein Mann steckt. Gay­nes konn­te wun­der­bar be­griffs­stut­zig wir­ken, ein Ta­lent, das er auch in den »Po­li­ce Aca­de­my«-Fil­men oft aus­spiel­te. Ge­or­ge Gay­nes starb am 15. Fe­bru­ar in North Bend, Wa­shing­ton.

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