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Mein Bruder, der Metzger

Von Nils Minkmar

Der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Di­dier Eri­bon ist ein sehr höf­li­cher, nicht be­son­ders gro­ßer, eher lei­ser Mann in den bes­ten Jah­ren. Wenn er we­gen der Käl­te und ei­nes Schnup­fens sei­nen di­cken Man­tel auch im Zim­mer an­be­hält, sich da­für ent­schul­digt, kann man ihn sich gut als Fi­gur des gro­ßen Zeich­ners Sem­pé vor­stel­len, wie er als et­was zer­streu­ter, auch ver­träum­ter In­tel­lek­tu­el­ler mit we­hen­dem Schal durchs Bild fla­niert. Man käme nicht dar­auf, dass die­ser Mann das bri­san­tes­te Sach­buch des Jah­res ge­schrie­ben hat. Ge­nau ge­nom­men hat er es schon vor ei­ni­ger Zeit ge­schrie­ben, es er­schien auf Fran­zö­sisch be­reits 2009: Da ver­öf­fent­lich­te Eri­bon sein so­zi­al­wis­sen­schaft­lich in­for­mier­tes Me­moir Re­tour à Reims – doch die Re­zep­ti­on blieb auf die wei­te­re Fach­öf­fent­lich­keit des Lan­des be­schränkt. Erst der Er­folg sei­nes Schü­lers Edouard Lou­is, der mit sei­nem au­to­bio­gra­fisch in­spi­rier­ten Ro­man Das Ende von Eddy in Frank­reich und dann auch in Deutsch­land gro­ße Be­ach­tung fand, rief das Buch von Eri­bon ei­nem grö­ße­ren Pu­bli­kum wie­der ins Ge­dächt­nis. Es geht bei Lou­is um die Ge­schich­te der Be­frei­ung des Er­zäh­lers von sei­ner au­to­ri­tä­ren, auch bru­ta­len Ar­bei­ter­fa­mi­lie in Nord­frank­reich. Er schil­dert scho­nungs­los die Frem­den- und Schwu­len­feind­lich­keit die­ses Mi­lieus, be­hält aber eine lin­ke, kri­ti­sche Per­spek­ti­ve bei: Die An­ge­hö­ri­gen sei­ner Fa­mi­lie, die­ses Mi­lieus, sind eben­so Tä­ter wie Op­fer. Als Mo­dell für eine sol­che Dar­stel­lung, die den Rechts­drall der Ar­bei­ter­schicht in Frank­reich von ei­ner teil­neh­men­den, aber eben auch ana­ly­sie­ren­den Po­si­ti­on her be­schreibt, nann­te Lou­is im­mer wie­der das Werk sei­nes Freun­des und Men­tors Di­dier Eri­bon. In die­sem Jahr er­schien dann die deut­sche Fas­sung des Eri­bon-Buchs als Rück­kehr nach Reims in der Über­set­zung von To­bi­as Ha­ber­korn. Es war au­gen­blick­lich das Buch der Stun­de. In wel­che Ge­sell­schaft man sich auch be­gab – Eri­bon war schon das The­ma. Das liegt zum ei­nen dar­an, dass der ehe­ma­li­ge Jour­na­list zwar prä­zi­se, aber eben auch li­te­ra­risch am­bi­tio­niert und wie er­zäh­lend schreibt, sich nicht hin­ter wis­sen­schaft­li­chem Jar­gon ver­steckt. Eri­bon schafft es, dass ei­nem das kom­ple­xe Ge­sche­hen in sei­ner Fa­mi­lie und in ganz Frank­reich wie ein Film vor Au­gen er­scheint. Den An­fang sei­ner Ge­schich­te bil­det der Tod des Va­ters, den der Au­tor zum An­lass nimmt, sei­ne Ge­burts­stadt Reims und die Ur­sprungs­fa­mi­lie zu be­su­chen. Er hat­te Reims ver­las­sen, um zu stu­die­ren, und war nie wie­der dort­hin zu­rück­ge­kehrt. Das hat­te durch­aus auch mit dem Va­ter zu tun: In be­trun­ke­nem Zu­stand hat­te der den klei­nen Di­dier, des­sen Bru­der und die Mut­ter als Ziel­schei­be für Fla­schen­wurf be­nutzt, zum Glück hat­te er zu viel in­tus und traf nicht. Die­ses Trau­ma schil­dert der Rück­keh­rer sei­ner be­tag­ten Mut­ter, die sich dann wun­dert, dass er die alte Sa­che nicht längst ver­ges­sen hat, weil er da doch noch so klein war. Eri­bon schreibt über sei­ne Fa­mi­lie mit ei­ner vir­tuo­sen Mi­schung aus so­zio­lo­gi­scher Prä­zi­si­on und schwar­zem Hu­mor. Für das Ver­hält­nis zu sei­nem Bru­der fin­det er kla­re Wor­te: Er woll­te al­les tun, um nicht zu wer­den wie der. Die Dis­tanz zwi­schen ih­nen bei­den konn­te nicht groß ge­nug sein. Der Bru­der ist heu­te Metz­ger mit rechts­ra­di­ka­len An­sich­ten, Eri­bon ein fein­sin­ni­ger ho­mo­se­xu­el­ler Mann, der in der gan­zen Welt zu Hau­se ist. Reims war für Eri­bon auch ein Ort der Furcht und der De­mü­ti­gung, denn Schwu­le wie er gal­ten öf­ter mal als Frei­wild. Be­son­de­re Bri­sanz ge­wann die Rück­kehr nach Reims durch ihre be­ste­chen­de Dar­stel­lung ei­nes Wan­dels in der po­li­ti­schen Zu­ge­hö­rig­keit sei­ner Fa­mi­lie. Ur­sprüng­lich stan­den die Eri­bons den Kom­mu­nis­ten nahe, da­mals stand ihr un­ver­bes­ser­li­cher Ras­sis­mus noch im Wi­der­spruch zur in­ter­na­tio­na­lis­ti­schen Ideo­lo­gie. Doch das ist längst vor­bei. Heu­te wäh­len sol­che Leu­te in ei­ner Al­li­anz der Schlecht­ge­laun­ten mit Rent­nern und ka­tho­li­schem Bür­ger­tum den rechts­ra­di­ka­len Front Na­tio­nal. Lan­ge vor den Er­fol­gen des Brex­its und Trumps ge­schrie­ben, er­weist sich Eri­bons Buch heu­te als wich­tigs­te po­li­ti­sche Stu­die zum Auf­stieg der ex­tre­men Rech­ten.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 48/2016.