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JANET RENO, 78

Schon ihre Mut­ter war so: Stark und ei­gen­sin­nig leg­te sie mit ei­ner Schau­fel selbst die Fun­da­men­te ih­res Hau­ses am Rand der Ever­gla­des-Sümp­fe von Flo­ri­da. Und wenn sie Spaß ha­ben woll­te, rang sie Al­li­ga­to­ren mit blo­ßen Hän­den nie­der. Die Toch­ter Ja­net wuchs meist bar­fuß auf, und die Mut­ter schärf­te ihr ein, stets ihr Bes­tes zu ge­ben. Das tat Ja­net Reno dann ihr Le­ben lang. Sie stu­dier­te Jura, brach­te es als eine von ganz we­ni­gen Frau­en ih­rer Zeit bis nach Har­vard, wur­de Staats­an­wäl­tin in Flo­ri­da. 1993 woll­te der neue Prä­si­dent Bill Clin­ton un­be­dingt eine Frau auf den Pos­ten des Ge­ne­ral­staats­an­walts set­zen, wie in Wa­shing­ton der Jus­tiz­mi­nis­ter ge­nannt wird – zum ers­ten Mal in der Ge­schich­te der Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Sei­ne bei­den Fa­vo­ri­tin­nen fie­len aus, weil sie il­le­ga­le Im­mi­gran­tin­nen als Kin­der­mäd­chen be­schäf­tigt hat­ten. Ja­net Reno, fast 1,90 Me­ter groß, kin­der­los, stur und steif, war sei­ne drit­te Wahl. Eine erst­klas­si­ge Wahl. Sie ge­hör­te zwar zu den De­mo­kra­ten, aber ihre ein­zi­ge Richt­schnur war das Ge­setz, und nichts war ihr wich­ti­ger als Un­ab­hän­gig­keit. So ver­darb sie es sich schnell mit Re­pu­bli­ka­nern, aber auch mit De­mo­kra­ten – weil sie etwa Er­mitt­lun­gen ge­gen Bill Clin­ton in der Af­fä­re um die Prak­ti­kan­tin Mo­ni­ca Le­wins­ky au­to­ri­sier­te. Aber ge­nau we­gen ih­rer Un­be­stech­lich­keit hielt sich die „selt­sa­me alte Jung­fer“ (Reno über Reno) zwei kom­plet­te Wahl­pe­ri­oden lang im Amt, län­ger als je­der ih­rer Vor­gän­ger in den letz­ten 150 Jah­ren. Ja­net Reno starb in der Nacht zum 9. No­vem­ber an Fol­gen der par­kin­son­schen Er­kran­kung in Mia­mi.

HELMUTH KERN, 89

Klot­zen statt kle­ckern lau­te­te die De­vi­se des So­zi­al­de­mo­kra­ten, der von 1966 bis 1976 Ham­bur­ger Wirt­schafts­se­na­tor war. Er brach­te in der Stadt et­li­che Mam­mut­pro­jek­te auf den Weg, über die bis heu­te ge­strit­ten wird. Die ei­nen hiel­ten den Kauf­mann, der vor­her Chef ei­ner Ree­de­rei war, für ei­nen der er­folg­reichs­ten Po­li­ti­ker Ham­burgs, die an­de­ren für ei­nen Hand­lan­ger der In­dus­trie. Er trieb die Er­rich­tung des mo­der­nen Con­tai­ner­ter­mi­nals im Ham­bur­ger Ha­fen vor­an, den Bau des Elb­tun­nels und der Köhl­brand­brü­cke – gro­ße In­fra­struk­tur­pro­jek­te, wel­che die Han­se­stadt wirt­schaft­lich vor­an­brach­ten. Kern mach­te aber auch Alu­mi­ni­um­kon­zer­nen wie Reynolds so groß­zü­gi­ge An­ge­bo­te, da­mit sie sich an der Elbe an­sie­del­ten, dass die Stadt dem Vor­wurf der il­le­ga­len Sub­ven­tio­nie­rung aus­ge­setzt war. Sei­ne Idee, das Dorf Al­ten­wer­der zu­guns­ten ei­nes neu­en Tief­was­ser­ha­fens um­zu­sie­deln, war hef­tig um­strit­ten und wur­de den­noch Wirk­lich­keit. Nach sei­nem Aus­schei­den als Se­na­tor trat er an die Spit­ze der staats­ei­ge­nen Ham­bur­ger Ha­fen- und La­ger­haus AG. Dass man ihn dann „Mr Ha­fen“ nann­te, ver­stand er im­mer als Eh­ren­ti­tel. Hel­muth Kern starb am 8. No­vem­ber in Ham­burg.

JEAN-JACQUES PERREY, 87

Die meis­ten Kom­po­nis­ten, die ab den Fünf­zi­ger­jah­ren mit elek­tro­ni­schen Klang­quel­len ex­pe­ri­men­tier­ten, moch­ten es an­stren­gend. Der fran­zö­si­sche Avant­gar­dist Per­rey, der Me­di­zin stu­diert hat­te und nur Ak­kor­de­on spiel­te, woll­te es lus­tig. Die neu­en Strom­klän­ge soll­ten blub­bern, fie­pen und nach Tie­ren klin­gen – wie in sei­ner Be­ar­bei­tung von Rim­ski-Kor­sa­kows „Hum­mel­flug“, wo die Tie­re brum­melnd und sum­melnd durchs Stück flie­gen. Per­rey, ein Pio­nier der elek­tro­ni­schen Mu­sik, pro­du­zier­te auch „Easy Lis­ten­ing“-Stü­cke, die es spä­ter in den Sound­track von Fern­seh­se­ri­en wie den „Sim­psons“ oder „South­park“ schaff­ten. Jean-Jac­ques Per­rey starb am 4. No­vem­ber in Lau­sanne.

HELGA RUEBSAMEN, 82

Die Prot­ago­nis­ten in ih­ren Ro­ma­nen sind meist Au­ßen­sei­ter. Die­se Er­fah­rung hat­te die in Ba­ta­via, dem heu­ti­gen In­do­ne­si­en, ge­bo­re­ne Toch­ter ei­ner nie­der­län­di­schen Mut­ter und ei­nes jü­di­schen deut­schen Va­ters früh selbst ge­macht. Als sie sechs Jah­re alt war, zog die Fa­mi­lie nach Den Haag und muss­te sich dort wäh­rend der deut­schen Be­sat­zung ver­steckt hal­ten. Nach dem Krieg ar­bei­te­te Ru­eb­sa­men zu­nächst als Jour­na­lis­tin, schon bald ver­leg­te sie sich aber ganz auf das Schrei­ben von Bü­chern. 1988 ver­öf­fent­lich­te sie nach ei­ner län­ge­ren Pau­se den Er­zähl­band „Auf Sche­ve­nin­gen“. Der Ro­man „Das Lied und die Wahr­heit“ (1997), in dem sie ei­ge­ne Kind­heits­er­leb­nis­se ver­ar­bei­te­te, wur­de ein Best­sel­ler, viel­fach aus­ge­zeich­net. Hel­ga Ru­eb­sa­men starb am 8. No­vem­ber in Den Haag.

LEONORE GOTTSCHALK-SOLGER, 80

Ob Ter­ro­ris­ten, Ma­fio­si, Zu­häl­ter oder Mil­lio­nen­be­trü­ger – die Ham­bur­ger Straf­ver­tei­di­ge­rin ver­trat sie alle. Fast fünf Jahr­zehn­te lang ver­tei­dig­te die Ju­ris­tin An­ge­klag­te in vie­len spek­ta­ku­lä­ren Pro­zes­sen. Bun­des­weit be­kannt wur­de sie in den Sieb­zi­ger­jah­ren, als sie das RAF-Mit­glied Jan-Carl Ras­pe ver­trat. Seit die­ser Zeit trug die zier­li­che, stets fröh­lich auf­tre­ten­de An­wäl­tin ei­nen Re­vol­ver in ih­rer Hand­ta­sche. Zu ih­ren spä­te­ren Man­dan­ten zähl­ten so un­ter­schied­li­che Kri­mi­nel­le wie der Säu­re­mör­der Lutz R. und der Hoch­stap­ler Jür­gen Hark­sen. Leo­no­re Gott­schalk-Sol­ger starb am 31. Ok­to­ber in Ham­burg.

ZOLTÁN KOCSIS, 64

Star­al­lü­ren hat­te der un­ga­ri­sche Pia­nist nicht nö­tig: Sein far­ben­rei­ches Spiel nahm die Hö­rer vom ers­ten Ton an ge­fan­gen. Ob er Bach oder Beet­ho­ven, Bar­tók oder die ex­trem knap­pe Ton­spra­che sei­nes Leh­rers Györ­gy Kur­tág in­ter­pre­tier­te, über­all such­te er in den Klän­gen ein Ma­xi­mum an Sinn­aus­druck. Über­ra­gen­de Sen­si­bi­li­tät be­wies er auch in ei­ge­nen Wag­ner-Tran­skrip­tio­nen. 1983 grün­de­te der Mu­si­ker mit Iván Fi­scher das Bu­da­pes­ter Fes­ti­val­or­ches­ter; seit 1997 lei­te­te er die Un­ga­ri­sche Na­tio­nalphil­har­mo­nie. Zol­tán Koc­sis starb am 6. No­vem­ber in Bu­da­pest.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 46/2016.