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DARIO FO, 90

Er war Kom­mu­nist und Ko­mö­di­ant, sei­ne Waf­fe war die Sa­ti­re und sein Ziel, die Welt bes­ser, also ge­rech­ter zu ma­chen. Kein Wun­der, dass die Mäch­ti­gen des Ka­pi­tals und der ka­tho­li­schen Kir­che sei­ne At­ta­cken fürch­te­ten, die er zu­meist auf der Thea­ter­büh­ne als Au­tor, Re­gis­seur, In­ten­dant und Schau­spie­ler ritt. Fo hielt un­be­irrt an sei­nem Cre­do fest: „Die Macht, und zwar jede Macht, fürch­tet nichts mehr als das La­chen, das Lä­cheln und den Spott.“ Mehr­mals wur­de Fo auf der Büh­ne ver­haf­tet, des Öfte­ren ver­klagt, ver­lor Sen­dun­gen im Fern­se­hen und wur­de auch so eine Be­rühmt­heit. Die un­kom­pli­zier­ten Stü­cke ("Be­zahlt wird nicht!") des Dra­ma­ti­kers stan­den welt­weit auf dem Spiel­plan. Mit sei­ner Frau Fran­ca Rame, sei­ner wich­tigs­ten Mit­ar­bei­te­rin, grün­de­te Fo das Thea­ter­kol­lek­tiv „La Co­mu­ne“. 1974 er­hiel­ten sie in Mai­land ein ers­tes fes­tes Thea­ter. 1997 ehr­te ihn die li­te­ra­ri­sche Welt mit dem Li­te­ra­tur­no­bel­preis. Nicht alle kom­men­tier­ten das wohl­wol­lend. Fo, Kind ein­fa­cher Leu­te vom Lago Mag­gio­re, schrieb wei­ter sei­ne Gro­tes­ken und Sa­ti­ren. Dario Fo starb am 13. Ok­to­ber in Mai­land.

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ANDRZEJ WAJDA, 90

Die Gol­de­ne Pal­me, den Gol­de­nen Lö­wen, den Os­car – es gibt kaum ei­nen Film­preis, den An­drzej Wa­j­da nicht ge­won­nen hat. Sein Le­ben lang war sein The­ma die jün­ge­re Ge­schich­te sei­nes Hei­mat­lands Po­len. Sei­ne Lands­leu­te sind in Wa­jdas Werk Op­fer, Hel­den oder Ver­rä­ter, aber im­mer Ver­lie­rer. 1926 in Nord­ost­po­len ge­bo­ren, hat­te er sich im Zwei­ten Welt­krieg der pol­ni­schen Un­ter­grund­ar­mee an­ge­schlos­sen. Ei­ner sei­ner ers­ten Fil­me, „Der Ka­nal“, han­delt von Par­ti­sa­nen, die sich in ei­nem aus­sichts­lo­sen Kampf ge­gen die deut­schen Be­sat­zer durch die Ab­was­ser­ka­nä­le War­schaus pir­schen. „Asche und Dia­mant“ er­zählt die Ge­schich­te zwei­er pol­ni­scher Kämp­fer, die nach Kriegs­en­de im Auf­trag des Un­ter­grunds ei­nen kom­mu­nis­ti­schen Funk­tio­när um­brin­gen sol­len. Wa­jdas Film „Der Mann aus Ei­sen“ setz­te der le­gen­dä­ren Ge­werk­schaft So­li­dar­ność ein Denk­mal. Ein­sei­tig na­tio­na­lis­tisch ver­ein­nah­men lie­ßen sich Wa­jdas Wer­ke nie. Ei­ner sei­ner letz­ten Fil­me, „Das Mas­sa­ker von Ka­tyn“, zeigt auch, wie nach dem Zwei­ten Welt­krieg pol­ni­sche Kom­mu­nis­ten das Ver­bre­chen der So­wjets ver­tusch­ten. Mi­nu­ten­lang zeigt Wa­j­da Sze­nen, in de­nen Ge­heim­dienst­scher­gen mit er­schüt­tern­der Gleich­gül­tig­keit und hand­werk­li­cher Sorg­falt pol­ni­schen Of­fi­zie­ren, In­tel­lek­tu­el­len und Geist­li­chen ins Ge­nick schie­ßen. 22 000 Po­len wa­ren 1940 dem Ge­met­zel der So­wjets zum Op­fer ge­fal­len. Ei­ner der To­ten: Ja­kub Wa­j­da, der Va­ter des Re­gis­seurs. An­drzej Wa­j­da starb am 9. Ok­to­ber in War­schau.

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HERMANN FRANZ, 87

Er war erst Vor­stand, dann Auf­sichts­rats­chef bei Sie­mens, und auch nach sei­nem Aus­schei­den vor knapp 20 Jah­ren war er im Kon­zern noch gern ge­se­hen – im Ge­gen­satz zu Ex­chef Hein­rich von Pie­rer. Chef­kon­trol­leur Ger­hard Crom­me schätz­te den Rat des ge­bür­ti­gen Gel­sen­kir­che­ners und zog ihn wäh­rend der 2006 auf­ge­deck­ten Schmier­geld­af­fä­re zu­ra­te. Fran­z' eins­ti­ger Schütz­ling Pie­rer wur­de da­ge­gen nach sei­nem Ab­gang 2007 mit ei­nem Haus­ver­bot be­legt. Die Un­gleich­be­hand­lung hat Pie­rer nie über­wun­den. Da­bei gab es in der Kar­rie­re von Franz eben­falls düs­te­re Ka­pi­tel. Un­ter sei­ner Ägide wur­de die ar­beit­ge­ber­freund­li­che Be­triebs­rats­or­ga­ni­sa­ti­on AUB ins­ge­heim groß­zü­gig vom Un­ter­neh­men ge­päp­pelt. Im an­schlie­ßen­den Pro­zess ge­gen die ver­ant­wort­li­chen Sie­mens-Leu­te war er als Zeu­ge ge­la­den, konn­te oder woll­te sich al­ler­dings nicht mehr an De­tails er­in­nern. Franz starb am 7. Ok­to­ber in Er­lan­gen.

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BARBARA KISSELER, 67

Sie konn­te hit­zig schwär­men und ät­zend läs­tern über ge­lun­ge­ne oder miss­glück­te Thea­ter­auf­füh­run­gen – und be­trieb doch bei al­ler Kul­tur­be­geis­te­rung kühl und klug das Ge­schäft der Po­li­tik. Im Job als Ham­bur­ger Kul­tur­se­na­to­rin schaff­te es Kis­se­ler 2012, den Streit der Stadt mit dem Bau­kon­zern Hoch­tief um den Bau der vie­le Mil­lio­nen Euro teu­ren Ham­bur­ger Elb­phil­har­mo­nie zu be­en­den. Sie wuchs am Nie­der­rhein auf, stu­dier­te in Köln und be­gann als Kul­tur­amts­lei­te­rin in Hil­den und spä­ter in Düs­sel­dorf. Nach Jah­ren im nie­der­säch­si­schen Kul­tus­mi­nis­te­ri­um wech­sel­te Kis­se­ler 2003 nach Ber­lin, 2006 mach­te Klaus Wo­wer­eit sie zur Che­fin der Ber­li­ner Se­nats­kanz­lei. Im März 2011 wur­de Kis­se­ler Kul­tur­se­na­to­rin in Ham­burg, 2015 ne­ben­bei au­ßer­dem Prä­si­den­tin des Deut­schen Büh­nen­ver­eins. In bei­den Ämtern ver­mit­tel­te sie mit Witz und Tem­pe­ra­ment den Wert öf­fent­li­cher Kul­tur­för­de­rung und ver­kün­de­te: „Wer glaubt, un­se­re Ge­sell­schaft hät­te auch nur ein ein­zi­ges Pro­blem we­ni­ger, wenn sie im Kul­tur­be­trieb spart, der be­treibt Au­gen­wi­sche­rei.“ Bar­ba­ra Kis­se­ler starb am 7. Ok­to­ber.

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TAMME HANKEN, 56

Drück­te ei­nem Pferd der Rü­cken, leg­te er kurz Hand an, zog dem Tier die Bei­ne lang, und schon schien es von al­len Lei­den be­freit. Die­se in sei­ner Hei­mat Ost­fries­land ver­brei­te­te Kunst des „Kno­chen­bre­chens“ hat­te Han­ken bei sei­nem Groß­va­ter er­lernt. Seit 2008 prak­ti­zier­te er sie im NDR-Fern­se­hen, wo der 2,06 Me­ter gro­ße, 140 Ki­lo­gramm schwe­re Mann als „Der XXL-Ost­frie­se“ zur Mar­ke wur­de. Seit vo­ri­gem Jahr hat­te er auch eine Sen­dung bei Ka­bel eins. Hun­de und Zie­gen ge­hör­ten zu sei­nen Pa­ti­en­ten, zeit­wei­se so­gar Men­schen. Sie ver­trau­ten ihm mehr als ih­rem Chi­ro­prak­ti­ker, ob­wohl Han­ken kein Me­di­zi­ner war, son­dern Land­wirt – oder ge­ra­de des­we­gen. Un­ter Tier­schüt­zern war sei­ne Heil­kunst um­strit­ten. 2014 ging Han­ken mit ei­ner Büh­nen­show auf Tour, die ge­prägt war von sei­nem der­ben Hu­mor. So hol­te er Zu­schaue­rin­nen auf die Büh­ne, ließ sie als Pferd po­sie­ren und ver­maß mit dem Zoll­stock ihr Ge­säß. Han­ken starb am 10. Ok­to­ber in Gar­misch-Par­ten­kir­chen.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 42/2016.