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Kom­men­tar

Sieg des Bauch­ge­fühls

Warum der Mensch sich von Fakten nicht weiter behelligen lässt

von Veronika Hackenbroch

Freun­de der Auf­klä­rung dürf­ten sie er­göt­zen, die Zah­len der Unesco: Es sind welt­weit in­zwi­schen 7,8 Mil­lio­nen an­ge­stell­te Voll­zeit­wis­sen­schaft­ler am Wer­ke, die For­schungs­aus­ga­ben be­lau­fen sich auf fast 1,5 Bil­lio­nen Dol­lar pro Jahr, und 2014 wur­den je­den Mo­nat etwa 1,3 Mil­lio­nen wis­sen­schaft­li­che Auf­sät­ze pu­bli­ziert. Wow. Eine Ge­sell­schaft, die so viel in Wis­sens­zu­wachs in­ves­tiert, darf er­war­ten, dass sich der Ein­satz lohnt. Sie darf Ant­wor­ten auf die gro­ßen Fra­gen die­ser Zeit er­war­ten: Was sind die Fol­gen des Kli­ma­wan­dels, des Brex­it, der Ein­wan­de­rung, der Um­stel­lung auf er­neu­er­ba­re En­er­gi­en? Ant­wor­ten, die viel­leicht nicht im­mer ein­deu­tig sind, die aber, eben weil sie aus der Wis­sen­schaft kom­men, eine ge­mein­sa­me, ob­jek­ti­ve Ba­sis schaf­fen und da­mit un­se­re in die­sen Fra­gen ge­spal­te­nen Ge­sell­schaf­ten wie­der nä­her zu­sam­men­brin­gen. Die ei­nen­de Kraft des Fak­ti­schen, das ist eine schö­ne Vor­stel­lung – aber auch eine schreck­lich nai­ve, wie For­scher der Har­vard Uni­ver­si­ty und des Uni­ver­si­ty Col­le­ge Lon­don jetzt in ei­nem Ex­pe­ri­ment ge­zeigt ha­ben. Sie kon­fron­tier­ten Ver­suchs­per­so­nen, die den Kli­ma­wan­del eher für harm­los hal­ten, mit be­droh­li­chen For­schungs­er­geb­nis­sen zum The­ma. Die Pro­ban­den zeig­ten sich da­von we­nig be­ein­druckt, ihre Mei­nung än­der­ten sie schon gar nicht. Leg­te man ih­nen hin­ge­gen Wis­sen­schafts­news vor, die ihre Ein­schät­zung be­stä­tig­ten, fan­den sie den Kli­ma­wan­del prompt noch harm­lo­ser als zu­vor. Es ver­wun­dert nicht, dass es sich bei der an­de­ren Grup­pe der Ver­suchs­teil­neh­mer, die der Kli­ma­wan­del ängs­tigt, ge­nau um­ge­kehrt ver­hält. Der Mensch, man hat es ge­ahnt (aber ei­gent­lich so ge­nau nicht wis­sen wol­len; quod erat de­mons­tran­dum), lässt sich von Fak­ten nicht wei­ter be­hel­li­gen oder nur dann, wenn sie ihm in den Kram pas­sen. Das heißt lei­der auch: Wis­sen­schaft kann eine Ge­sell­schaft leich­ter spal­ten als ei­nen.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 37/2016.