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GENE WILDER, 83

Mit sei­nem trau­ri­gen Blick konn­te er selbst mit­tel­mä­ßi­ge Hol­ly­wood­ko­mö­di­en in ein Er­eig­nis ver­wan­deln. Wil­der, ein Welt­star, spiel­te gern Bie­der­män­ner am Ran­de des Wahn­sinns; be­son­ders über­zeu­gend ver­kör­per­te er ver­lieb­te Neu­ro­ti­ker. Mal war das Ob­jekt sei­ner Be­gier­de ein schö­nes Mo­del (Kel­ly Le­B­rock in »Die Frau in Rot«, 1984), mal ein Schaf na­mens Da­i­sy (in Woo­dy Al­lens »Was Sie schon im­mer über Sex wis­sen woll­ten ...«, 1972). Die Me­lan­cho­lie, mit der er vor der Ka­me­ra auf De­mü­ti­gun­gen re­agier­te, war wohl nicht nur ge­spielt: Als Kind war Wil­der, der ei­gent­lich Je­ro­me Sil­ber­man hieß, oft von Mit­schü­lern ver­prü­gelt wor­den, weil er Jude war. Drei Fil­me dreh­te er mit dem Ko­mi­ker Mel Brooks, für zwei von ih­nen be­kam Wil­der eine Os­car­no­mi­nie­rung: für sei­ne Rol­le in der Broad­way-Sa­ti­re »Früh­ling für Hit­ler« (1967) und für das Dreh­buch zur Hor­ror­par­odie »Fran­ken­stein Ju­ni­or« (1974). In den letz­ten Jah­ren schrieb er Ro­ma­ne, die Schau­spie­le­rei hat­te er auf­ge­ge­ben: »Mir ist klar ge­wor­den, dass ich das Show­busi­ness nicht mag. Ich mag die Show, aber nicht das Busi­ness.« Gene Wil­der starb am 29. Au­gust in Stam­ford im US-Bun­des­staat Con­nec­ti­cut.

REINHARD SELTEN, 85

Der Öko­nom und Ma­the­ma­ti­ker be­zeich­ne­te sich ein­mal selbst als »wis­sen­schafts- und denk­süch­tig«. Sei­ne Neu­gier er­öff­ne­te dem ge­bür­ti­gen Bres­lau­er Er­kennt­nis­se, die fern­ab des Main­streams la­gen. An der Uni­ver­si­tät Bonn un­ter­nahm der Pro­fes­sor spiel­theo­re­ti­sche Ex­pe­ri­men­te; im La­bor konn­te Sel­ten nach­wei­sen, dass der Mensch sich im Wirt­schafts­le­ben kei­nes­falls wie ein »Homo oe­co­no­mi­cus« ver­hält, son­dern nur ein­ge­schränkt ra­tio­nal agiert, ob als Kon­su­ment, als Ma­na­ger oder als Ge­werk­schaf­ter. Auch Öko­no­men sei­en ir­ra­tio­na­ler, als sie glaub­ten, sie über­schätz­ten ihr Wis­sen, fand der For­scher. 1994 er­hielt er in Stock­holm ge­mein­sam mit zwei Kol­le­gen den No­bel­preis für Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, als ers­ter und bis­lang ein­zi­ger Deut­scher. Rein­hard Sel­ten starb am 23. Au­gust in Po­sen.

VĚRA ČÁSLAVSKÁ, 74

Die Kunst­tur­ne­rin ge­wann bei den Olym­pi­schen Spie­len 1964 und 1968 sie­ben Gold­me­dail­len und wur­de da­mit die er­folg­reichs­te Olym­pia­teil­neh­me­rin der Tsche­cho­slo­wa­kei. Doch be­kannt wur­de sie vor al­lem durch ih­ren po­li­ti­schen Mut. Als bei der Me­dail­len­ze­re­mo­nie in Me­xi­ko 1968 die so­wje­ti­sche Hym­ne ge­spielt wur­de, senk­te Čás­lavs­ká de­mons­tra­tiv den Kopf – aus Pro­test ge­gen den Ein­marsch der So­wjet­uni­on in die Tsche­cho­slo­wa­kei wäh­rend des Pra­ger Früh­lings. Die Kon­se­quen­zen ih­rer Wi­der­stands­ges­te be­kam sie in ih­rer Hei­mat zu spü­ren: Sie wur­de ge­schasst und ver­schwand von der in­ter­na­tio­na­len Büh­ne. Erst 1990, mit der de­mo­kra­ti­schen Wen­de in ih­rem Land, kehr­te sie in die Öffent­lich­keit zu­rück. Sie wur­de Be­ra­te­rin des neu­en Prä­si­den­ten Vá­clav Ha­vel und Prä­si­den­tin des Na­tio­na­len Olym­pi­schen Ko­mi­tees. Věra Čás­lavs­ká starb am 30. Au­gust in Prag.

RUDY VAN GELDER, 91

Kann man mit dem Ver­rü­cken ei­nes Mi­kro­fon­stän­ders um we­ni­ge Zen­ti­me­ter, mit dem Ver­än­dern des Nei­gungs­win­kels um ein paar Grad den Klang ei­ner Plat­ten­auf­nah­me ver­än­dern – ja, gar den Sound ei­ner gan­zen Epo­che prä­gen? Rudy Van Gel­der konn­te es. Als lang­jäh­ri­ger Ton­meis­ter des le­gen­dä­ren Jazz­la­bels Blue Note war er ähn­lich ein­fluss­reich wie des­sen deut­sche Grün­der Al­fred Lion und Fran­cis Wolff. Sie wur­den auf Van Gel­der auf­merk­sam, als sie Auf­nah­men hör­ten, die er im Wohn­zim­mer sei­ner El­tern ge­macht hat­te. Und so nahm Van Gel­der – lan­ge nur ne­ben­be­ruf­lich – Mei­len­stei­ne der Jazz­ge­schich­te auf: John Col­tra­nes »A Love Su­pre­me«, Mi­les Da­vis' »Bags' Groo­ve« oder Son­ny Rol­l­in­s' »Te­nor Mad­ness«. Nicht nur Blue Note en­ga­gier­te den Per­fek­tio­nis­ten, der da­mals alle Auf­nah­men un­ter Live­be­din­gun­gen mit­schnitt. Pres­ti­ge, Im­pul­se! oder Ver­ve heu­er­ten ihn an, um auch so in­tim, warm und cool zu klin­gen wie die Kon­kur­renz. 1959 kün­dig­te er als Au­gen­op­ti­ker und grün­de­te sein ei­ge­nes Stu­dio. Fort­an war die Be­zeich­nung »Re­cor­ded at the Van Gel­der Stu­dio« ein Gü­te­sie­gel für jede Jazz­plat­te. Rudy Van Gel­der starb am 25. Au­gust in Engle­wood Cliffs, New Jer­sey.

JOE SUTTER, 95

Sein Va­ter war Gold­su­cher und An­fang des 20. Jahr­hun­derts aus Slo­we­ni­en in die USA ein­ge­wan­dert. Die Fa­mi­lie leb­te in der Nähe der Boe­ing-Wer­ke in Se­at­tle, das muss den Sohn wohl ge­prägt ha­ben: Nach sei­nem Stu­di­um zum Luft­fahr­tin­ge­nieur heu­er­te er bei dem Un­ter­neh­men an und ent­wi­ckel­te Ende der Sech­zi­ger­jah­re die le­gen­dä­re Boe­ing 747, auch Jum­bo ge­nannt oder »Kö­ni­gin der Lüf­te«. In dem Jet fin­den mehr als 400 Pas­sa­gie­re Platz, er mach­te das Flie­gen erst­mals für die brei­te Mas­se er­schwing­lich. Seit­her galt Sut­ter in den USA als Na­tio­nal­held – ob­wohl sich der Groß­raum­jet mit dem mar­kan­ten Bu­ckel im Ober­deck in den letz­ten Jah­ren im­mer schlech­ter ver­kauf­te. Zu­letzt wur­de spe­ku­liert, dass Boe­ing die Pro­duk­ti­on der 747 wohl bald ein­stel­len wird. Ihr Kon­struk­teur muss das nicht mehr mit­er­le­ben. Joe Sut­ter starb am 30. Au­gust.

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