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HENNING VOSCHERAU, 75

Kein an­de­rer Ers­ter Bür­ger­meis­ter der Frei­en und Han­se­stadt Ham­burg war so lan­ge un­un­ter­bro­chen im Amt wie er. Von 1988 bis 1997 re­gier­te er, mal mit und mal ohne Ko­ali­ti­ons­part­ner, die Elb­me­tro­po­le. Er war Sohn ei­nes Schau­spie­lers, Ju­rist, ein knall­har­ter Ho­ckey­spie­ler und ver­kör­per­te den Pro­to­typ des so­zi­al­de­mo­kra­ti­schen Han­sea­ten, der den Schul­ter­schluss zwi­schen Wirt­schaft und Ar­bei­ter­schaft per­sön­lich ga­ran­tier­te und mo­de­rier­te. Zu den Funk­tio­nä­ren im tra­di­tio­nell ver­filz­ten Lan­des­ver­band sei­ner Par­tei hielt der in der Be­völ­ke­rung be­lieb­te In­tel­lek­tu­el­le stets eine ge­wis­se Dis­tanz, die sich mit­un­ter in Al­lein­gän­gen zeig­te. Sei­ne Nei­gung zu un­or­tho­do­xen Ent­schei­dun­gen be­wies Vo­scher­au auch, als das Air­bus-Ge­län­de in Ham­burg-Fin­ken­wer­der er­wei­tert wur­de. Er ver­sprach den Kon­zern­her­ren, die Auf­schüt­tung des da­für nö­ti­gen Ge­län­des im Elb­watt »auf ei­ge­ne Kos­ten und ei­ge­nes Ri­si­ko« vor­zu­neh­men. Eine Zu­sa­ge, die zu jah­re­lan­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Um­welt­ver­bän­den und dem Ham­bur­ger Se­nat führ­te. Als er bei den Bür­ger­schafts­wah­len 1997 das schlech­tes­te SPD-Er­geb­nis seit 1946 ein­fuhr, über­rasch­te Vo­scher­au die Ge­nos­sen mit sei­nem Rück­tritt, den er in der »Ta­ges­schau« ver­kün­de­te. Es folg­te eine Ko­ali­ti­on mit den von ihm un­ge­lieb­ten Grü­nen. Noch Jah­re spä­ter be­klag­te sich der Ex­bür­ger­meis­ter bei ei­nem Re­dak­teur des »Ham­bur­ger Abend­blatts« über »rund 150 ein­fluss­rei­che Funk­ti­ons­trä­ger«, die ihn »seit 25 Jah­ren« we­gen sei­ner Li­nie »be­kämp­fen und an­fein­den«. Vo­scher­au ar­bei­te­te nun als Rechts­an­walt und No­tar und schlug An­ge­bo­te zur Rück­kehr als Bun­des­tags­kan­di­dat oder Mi­nis­ter in Ber­lin aus. Bei sei­ner Trau­er­re­de im Jahr 2010 auf Loki Schmidt ver­blüff­te er die Ham­bur­ger mit sei­ner Emo­tio­na­li­tät. Hen­ning Vo­scher­au starb am 24. Au­gust an den Fol­gen ei­nes Hirn­tu­mors in Ham­burg.

SONIA RYKIEL, 86

»Sexy, raf­fi­niert, fe­mi­nin und un­ab­hän­gig« – so be­schrieb die ex­zen­tri­sche Toch­ter ei­ner Rus­sin und ei­nes Ru­mä­nen ih­ren Stil, mit dem sie ei­nes der be­rühm­tes­ten Mo­de­la­bels Frank­reichs eta­blier­te. Als sie ein Kind er­war­te­te, ver­miss­te sie schi­cke be­que­me Um­stands­mo­de und ent­warf eine ei­ge­ne Kol­lek­ti­on. Be­rühmt wur­de sie vor al­lem mit ih­ren ge­rin­gel­ten Strick­pul­lis, die sie zu­nächst in der Bou­tique ih­res Man­nes ver­trieb. Als die Mo­de­zeit­schrift »Elle« 1963 ei­nes ih­rer Mo­del­le auf dem Ti­tel ab­bil­de­te, kam der Durch­bruch. 1972 wur­de sie von »Wo­men's Wear Dai­ly« zur »Kö­ni­gin des Strick« er­nannt. Er­ken­nungs­zei­chen war ihr rot leuch­ten­der Haar­schopf, der Andy War­hol zu ei­nem Por­trät in­spi­rier­te. Mit­hil­fe von Kun­din­nen wie Bri­git­te Bar­dot, Ca­the­ri­ne De­neuve und Au­drey Hep­burn wur­de ihr Stil schnell in. Aber nur Klei­dung zu ent­wer­fen ge­nüg­te der krea­ti­ven Fran­zö­sin nicht. Sie ent­wi­ckel­te Düf­te und schrieb Bü­cher, dar­un­ter ihre Au­to­bio­gra­fie. Ihre Toch­ter Na­tha­lie führ­te das Un­ter­neh­men wei­ter, muss­te es 2012 aber ver­kau­fen. So­nia Ry­kiel, bei der 1997 Par­kin­son dia­gnos­ti­ziert wur­de, starb am 25. Au­gust in Pa­ris.

KURT PÄTZOLD, 86

Die Er­for­schung des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus war das Le­bens­the­ma des in Bres­lau ge­bo­re­nen Sohns ei­nes So­zi­al­de­mo­kra­ten. Sei­ne Stu­di­en über Ras­sen­wahn und Ver­fol­gung der Ju­den wa­ren bahn­bre­chend für die DDR, an de­ren Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin er ab 1973 tä­tig war. Akri­bisch be­schrieb der His­to­ri­ker Tä­ter und Ta­ten, das Zu­sam­men­wir­ken von Ideo­lo­gie und Öko­no­mie des Na­zi­re­gimes. Sei­ne ge­mein­sam mit Man­fred Weiß­be­cker ver­fass­te Stu­die »Ha­ken­kreuz und To­ten­kopf« über die NS­DAP (1981) fand auch im Wes­ten Be­ach­tung. Pät­zold ge­hör­te der SED an, de­ren De­fi­zi­te auch auf dem Ge­biet der Ge­schichts­schrei­bung er durch­aus ein­räum­te. Den­noch wirk­te er staats­loy­al dar­an mit, dass po­li­tisch miss­lie­bi­ge Stu­den­ten von der Uni ver­wie­sen wur­den. Da­für hat er sich nach dem Ende der DDR ent­schul­digt. Bei der Ab­wick­lung des Ge­schichts­be­reichs wur­de er 1992 ent­las­sen; da­nach schrieb er un­ter an­de­rem eine Hit­ler-Bio­gra­fie und ein Buch über den Über­fall der Na­zis auf die So­wjet­uni­on. Kurt Pät­zold starb am 18. Au­gust in Ber­lin an Krebs.

URSULA LÜBBE, 94

Mit Gro­schen­ro­ma­nen wur­den sie be­kannt: Ge­mein­sam mit ih­rem Mann Gus­tav Lüb­be bau­te die frü­he­re Se­kre­tä­rin den 1953 er­wor­be­nen klei­nen Bas­tei-Ver­lag zu ei­nem der größ­ten deut­schen Pri­vat­ver­la­ge aus. Zum Durch­bruch ver­half Bas­tei Lüb­be, der heu­te mehr als 100 Mil­lio­nen Jah­res­um­satz macht, der FBI-Agent Jer­ry Cot­ton, ei­ner der er­folg­reichs­ten Hel­den der Kri­mi­li­te­ra­tur. Auch die »Geis­ter­jä­ger John Sin­clair«-Se­rie lief sehr gut; 1963 folg­te der Ein­stieg in das Ta­schen­buch­ge­schäft. Spä­ter brach­ten sie Best­sel­ler­au­to­ren wie Dan Brown und Ken Fol­lett her­aus. Ur­su­la Lüb­be starb, 21 Jah­re nach ih­rem Mann, am 19. Au­gust in Ber­gisch Glad­bach.

TOOTS THIELEMANS, 94

Als dem Sän­ger und Mund­har­mo­ni­ka­spie­ler Stevie Won­der 1999 der Po­lar Mu­sic Pri­ze über­reicht wur­de, brach­te ihm der an­de­re gro­ße Vir­tuo­se auf der Mund­har­mo­ni­ka, Toots Thielem­ans, ein Ständ­chen. Da ging Won­der auf die Büh­ne und spiel­te mit. Am Ende um­arm­te er Thielem­ans und küss­te ihn: »I love you, Toots.« Alle lieb­ten den Mann mit der mar­kan­ten schwar­zen Horn­bril­le, ob Char­lie Par­ker, mit dem er bis in die Fünf­zi­ger­jah­re hin­ein mu­si­zier­te, Ella Fitz­ge­rald, Ben­ny Good­man, Frank Si­na­tra oder Quin­cy Jo­nes. Thielem­ans war aber nicht nur Si­de­kick, er hat­te im­mer auch ei­ge­ne Bands, mit de­nen er auf­hor­chen ließ. Der un­ver­wech­sel­ba­re, preis­ge­krön­te Sound des Bel­gi­ers war über 70 Jah­re ein Mar­ken­zei­chen im Jazz. Ob­wohl er zeit­le­bens an Asth­ma litt, spiel­te er wei­ter Mund­har­mo­ni­ka. Von ihm kom­po­nier­te Songs wie »Blue­set­te« wur­den zu Stan­dards, vie­le Film­mu­si­ken gin­gen auf ihn zu­rück. Toots Thielem­ans starb am 22. Au­gust in Brüs­sel.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 35/2016.