>

Totschläger und Hungerleider

In Eu­ro­pa wü­tet der Ers­te Welt­krieg, aber in den Süd­staa­ten der USA sind die Men­schen ge­fan­gen in der Er­in­ne­rung an den Bür­ger­krieg des 19. Jahr­hun­derts. Die Je­wett-Brü­der, Söh­ne ei­nes ver­sof­fe­nen Her­um­trei­bers, zie­hen im Jahr 1917 zwi­schen Ala­ba­ma, Geor­gia und Ohio ihre blu­ti­gen Run­den. Im Ge­päck ha­ben sie ei­nen Schund­ro­man über ei­nen ehe­ma­li­gen Kon­fö­de­rier­ten­of­fi­zier na­mens Bloo­dy Bill Bu­cket, der nach der Nie­der­la­ge sei­ner Ar­mee Ban­ken aus­raubt und Süd­staa­ten­schön­hei­ten be­glückt. Die Je­wetts sind nicht ganz so ele­gant in ih­rem Trei­ben wie ihr li­te­ra­ri­sches Vor­bild; wo die drei häss­li­chen Mais­köp­fe auf­tau­chen, blei­ben meist Lei­chen mit weg­ge­schos­se­nen Köp­fen zu­rück. Von Frau­en kön­nen sie nur träu­men. Do­nald Ray Pol­lock ist der Groß­meis­ter der Hill­bil­ly-Pro­sa. In Bü­chern wie Kno­ckem­stiff hat er so de­tail­liert wie raf­fi­niert da­von er­zählt, wie Un­wis­sen ins Ver­bre­chen führt, Hun­ger in den Irr­sinn und Trieb­ver­zicht in den re­li­giö­sen Wahn. Sei­ne Ro­ma­ne ent­wer­fen Elends­land­schaf­ten, man weiß nicht recht, ob man sich hin­ein­fal­len las­sen soll in die­se Ge­schich­ten oder ob man nach der Lek­tü­re bes­ser schnell un­ter die Du­sche springt. Das Ge­fühl stellt sich nun bei der Lek­tü­re sei­nes 400-Sei­ten-Epos Die himm­li­sche Ta­fel ein. Pol­locks Er­zähl­kos­mos leicht süd­lich des US-Mais­gür­tels ist über­schau­bar, eben­so die Spei­se­kar­te. Meist gibt es ir­gend­ei­ne Pam­pe mit, eben: Mais. Wenn der alle ist, wer­den Kaul­quap­pen aus den Tüm­peln und Läu­se aus den un­ge­wa­sche­nen Bär­ten ge­fischt. Die Orte der Hand­lung sind über­schul­de­te Far­men, ver­we­sen­de Plan­ta­gen und zu Sol­da­ten­bor­del­len um­funk­tio­nier­te Zie­gen­stäl­le. Auch wenn der Ers­te Welt­krieg hier fern scheint, ver­zahnt Pol­lock in sei­nem Hun­ger­lei­der- und Tot­schlä­ger­ta­bleau hin­ter­sin­nig den glo­ba­len his­to­ri­schen Kon­text. Durch spär­li­che Zei­tungs­mel­dun­gen er­fah­ren die Hin­ter­wäld­ler, wenn sie denn le­sen kön­nen, von den Gräu­eln in Ver­dun und auf an­de­ren eu­ro­päi­schen Schlacht­fel­dern. Und ge­ra­de eben be­kom­men sie auch noch mit, dass ihr Land jetzt eben­falls Deutsch­land den Krieg er­klärt hat. War­um, weiß in die­sem Buch nie­mand. Im Eu­ro­pa des Ers­ten Welt­kriegs schafft sich die Zi­vi­li­sa­ti­on selbst ab – in Pol­locks Süd­staa­tename­ri­ka ist sie noch gar nicht an­ge­kom­men. Da hat man zwar schon da­von ge­hört, dass es an­ders­wo Frau­en in Ho­sen ge­ben soll, die ei­gen­hän­dig Au­to­mo­bi­le steu­ern, wäh­rend man selbst kaum die ei­ge­nen aus­ge­mer­gel­ten Gäu­le in den Griff be­kommt. Die Welt aber bleibt den zu­meist männ­li­chen Fi­gu­ren eine Zu­mu­tung, der sich nur mit Ge­walt be­geg­nen lässt. Der Mensch ist in Pol­locks Ro­man we­ni­ger der wich­tigs­te An­trei­ber der Zi­vi­li­sa­ti­on als de­ren schlimms­ter Feind.

Sie lesen die Vorschau

Sie haben diese Ausgabe bereits gekauft oder ein digitales Abo? Dann melden Sie sich mit Ihrer SPIEGEL-ID an, um den vollständigen Artikel zu lesen.

Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 31/2016.