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VIKTOR KORTSCHNOI, 85

Zu sei­ner gro­ßen Zeit war Schach mit Welt­po­li­tik ver­knüpft. 1976 hat­te sich der ge­bür­ti­ge Le­nin­gra­der aus der UdSSR in den Wes­ten ab­ge­setzt. Schon zwei Jah­re spä­ter trat er für die Schweiz zum Kampf um die Welt­meis­ter­schaft ge­gen Ti­tel­ver­tei­di­ger Ana­to­li Kar­p­ow an, den Günst­ling der so­wje­ti­schen Staats­füh­rung. Eine Be­geg­nung vol­ler Kal­ter-Krieg-Sym­bo­lik, der Dis­si­dent for­der­te den Li­ni­en­treu­en her­aus. Kort­sch­noi spiel­te mu­tig – und ver­lor äu­ßerst knapp, weil er zu viel ris­kier­te. 1981 schei­ter­te er aber­mals an Kar­p­ow. Welt­meis­ter wur­de Kort­sch­noi nie, aber mit sei­nem ag­gres­si­ven Spiel­stil hielt er sich über Jahr­zehn­te in der Welt­spit­ze. So­gar ein Schlag­an­fall im Jahr 2012 brach­te ihn nicht dazu, je­nes Spiel auf­zu­ge­ben, das er „sein Le­ben“ nann­te. Vik­tor Kort­sch­noi starb am 6. Juni im schwei­ze­ri­schen Woh­len.

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PETER SHAFFER, 90

Er war ei­ner der prä­gen­den Au­to­ren des an­glo­ame­ri­ka­ni­schen Thea­ters der Sieb­zi­ger- und Acht­zi­ger­jah­re und ge­wann meh­re­re Tony-Awards. Stü­cke wie „Ama­de­us“, „Equus“ oder „Let­ti­ce and Lo­va­ge“ ("Lau­ra und Lot­te") lie­fen lan­ge er­folg­reich in Lon­dons West End so­wie am Broad­way und wur­den in vie­len Län­dern nach­ge­spielt. Shaf­fer, der ei­nen eben­falls schrei­ben­den Zwil­lings­bru­der na­mens An­t­ho­ny hat­te, kon­stru­ier­te sei­ne Dra­men auf­fal­lend oft um eine ant­ago­nis­ti­sche Zwei­er­kon­stel­la­ti­on her­um. In sei­nem be­kann­tes­ten, „Ama­de­us“, geht es um den ge­nia­len Mo­zart und den mit­tel­mä­ßi­gen Kom­po­nis­ten An­to­nio Sa­lie­ri, der, so sug­gie­riert das Stück fälsch­li­cher­wei­se, den Ri­va­len ver­gif­tet habe. Ver­filmt von Mi­los For­man, wur­de das Dra­ma auch im Kino ein Hit, Shaf­fer be­kam für sein Dreh­buch 1985 ei­nen Os­car. Der Au­tor tat sich beim Schrei­ben schwer. Im­mer wie­der über­ar­bei­te­te er sei­ne Tex­te, bis sie die schein­bar mü­he­los er­reich­te Pro­fes­sio­na­li­tät hat­ten, die den An­for­de­run­gen an am­bi­tio­nier­tes Ge­gen­warts­thea­ter ent­spra­chen. Pe­ter Shaf­fer starb am 6. Juni wäh­rend ei­ner Ir­land­rei­se.

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SASCHA LEWANDOWSKI, 44

Er galt als ei­ner der ta­len­tier­tes­ten Ver­tre­ter ei­ner neu­en Ge­ne­ra­ti­on deut­scher Fuß­ball­trai­ner. Bay­er Le­ver­ku­sen war der Ver­ein, der den ge­bür­ti­gen Dort­mun­der präg­te und dem er viel zu­rück­gab: In 45 Bun­des­li­ga­spie­len über­nahm Le­wan­dow­ski als Chef­trai­ner er­folg­reich die Ver­ant­wor­tung. Lie­ber ar­bei­te­te er aber für den Ver­ein als Nach­wuchs­coach – das Schein­wer­fer­licht des Pro­fi­ge­schäfts, die Ge­schwät­zig­keit der Bran­che, das me­dia­le Dau­er­feu­er blie­ben dem selbst­kri­ti­schen und bis­wei­len zur Un­ge­duld nei­gen­den Fuß­ball­ex­per­ten su­spekt. Im ver­gan­ge­nen Sep­tem­ber sag­te der von nam­haf­ten Erst­li­gis­ten wie dem FC Schal­ke um­wor­be­ne Le­wan­dow­ski über­ra­schend ei­ner Of­fer­te des Zweit­li­ga­klubs Uni­on Ber­lin zu. Ein hal­bes Jahr spä­ter gab er den Job mit Hin­weis auf ein Burn-out-Syn­drom auf. Sa­scha Le­wan­dow­ski, der mit der WDR-Sport­re­por­te­rin Anne van Ei­ckels li­iert war, wur­de am 8. Juni tot in sei­ner Bo­chu­mer Woh­nung auf­ge­fun­den.

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SIEGFRIED STOCKER, 71

Der Münch­ner Volks­wirt schuf eine Art zwei­tes Rein­heits­ge­bot: für Brot. Mehl, Was­ser, Salz, ein paar Ge­wür­ze, mehr durf­te nicht hin­ein. Das Ge­trei­de muss­te aus Öko-An­bau stam­men, was rar war 1970, als Sto­cker den Be­trieb der Hof­p­fis­te­rei von sei­nem Va­ter über­nahm. Die Bro­te mit mar­kan­ter Krus­te ließ er in al­ten Stein­öfen ba­cken. Wie ein Mis­sio­nar reis­te Sto­cker durch Bay­ern, ver­sam­mel­te die Bau­ern und pre­dig­te von ge­sun­dem Land­bau und sau­be­rem Grund­was­ser. Er ern­te­te Ge­läch­ter. Am Ende lach­te er. Sto­cker mach­te aus der Hof­p­fis­te­rei ein Un­ter­neh­men mit 163 Fi­lia­len, knapp tau­send Mit­ar­bei­tern und 93 Mil­lio­nen Euro Um­satz im Jahr. Er grün­de­te eine Bio­müh­le und eine Bio­metz­ge­rei. Sein En­ga­ge­ment wur­de mit dem Baye­ri­schen Ver­dienst­or­den und dem Um­welt­preis der Eu­ro­päi­schen Kom­mis­si­on be­lohnt. Sieg­fried Sto­cker starb am 4. Juni in Mün­chen.

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DAVID GILKEY, 50

Gleich nach dem Stu­di­um hat­te der in Port­land, Ore­gon, ge­bo­re­ne Gil­key be­schlos­sen, als Fo­to­graf die Lei­den der Men­schen in Kri­sen­re­gio­nen für die Öffent­lich­keit sicht­bar zu ma­chen. So war er fort­an in der Welt un­ter­wegs, be­rich­te­te zu­nächst viel aus Afri­ka, aber auch aus Is­ra­el, Hai­ti und vom Bal­kan. Seit dem 11. Sep­tem­ber 2001 be­glei­te­te er vor al­lem die Krie­ge in Af­gha­nis­tan und im Irak mit sei­ner Ka­me­ra. Sei­ne Ar­bei­ten wur­den mit ei­nem Emmy, ei­nem Pe­abo­dy-Preis, dem Ge­or­ge-Polk-Preis und ei­nem von der Fo­to­gra­fen­ver­ei­ni­gung des Wei­ßen Hau­ses ge­stif­te­ten Preis aus­ge­zeich­net. Ge­mein­sam mit sei­nem ein­hei­mi­schen Über­set­zer Zabi­hul­lah Ta­man­na ge­riet Da­vid Gil­key nahe der af­gha­ni­schen Stadt Mard­scha un­ter Be­schuss von Ta­li­ban. Bei­de star­ben am 5. Juni.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 24/2016.