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Wenn die Welt Sinn bekommt

Von Eva Menasse

AUS EI­NEM GRUND, den ich ver­ges­sen habe, las ich mit 16 Jah­renEin flie­hen­des Pferd von Mar­tin Wal­ser. Ich be­en­de­te es spät­abends. Es zu­zu­klap­pen war gleich­be­deu­tend mit dem Ein­druck, eine mäch­ti­ge Glo­cke läu­ten ge­hört oder in glei­ßen­des Licht ge­schaut zu ha­ben. Die Welt war mit ei­nem Schlag an­ders ge­wor­den; sie hat­te Sinn be­kom­men. Mit pries­ter­li­chem Pa­thos, über das man in die­sem Al­ter im Über­fluss ver­fügt, er­hob ich mich vom Bett (ich stand be­stimmt nicht nur pro­fan auf), schritt an den Schreib­tisch, zog der al­ten Schreib­ma­schi­ne mei­nes Va­ters so ent­schlos­sen die Hül­le aus, wie Hel­mut Halm die kna­cki­ge He­len nur zu gern ent­klei­det hät­te, und be­gann, mei­ne ers­te Er­zäh­lung zu schrei­ben. Sie han­del­te von ei­nem Mann, der auf ei­ner Park­bank sitzt und sein Le­ben Re­vue pas­sie­ren lässt (auf den ers­ten Sei­ten der Wal­ser-No­vel­le sitzt Halm mit sei­ner Frau in ei­nem Café und sieht miss­mu­tig dem Tou­ris­ten­trei­ben zu). Am Ende wür­de sich „mein“ Mann fol­ge­rich­tig um­brin­gen, aber das woll­te ich nur an­deu­ten. Nach zwei ar­beit­sa­men Näch­ten er­kann­te ich, dass je­mand, der noch nicht ein­mal ums Haus ge­lau­fen ist, nicht an den Start ei­nes Ma­ra­thons ge­hen soll­te. Da­mit starb der Mann samt sei­ner Park­bank, nicht durch ei­ge­ne Hand, son­dern bloß durch mei­ne er­lah­men­de, und ich blieb vor­läu­fig Le­se­rin.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 22/2016.