Amt­li­cher Segen für die Schein­the­rapie

Kommentar Politiker und Ärztefunktionäre biedern sich bei den Homöopathen an.

von Veronika Hackenbroch

Wis­sen­schaft­lich ist die Sa­che längst ge­klärt: Ho­möo­pa­thi­sche Pil­len ("Glo­bu­li") sind Schein­me­di­ka­men­te; sie kön­nen Krank­hei­ten ge­nau­so gut oder schlecht hei­len wie Zu­cker­kü­gel­chen. Wenn et­was wirkt, dann der Pla­ce­bo­ef­fekt. Die be­reits über 7000 na­tur­wis­sen­schaft­lich aus­ge­bil­de­ten Ärzte in Deutsch­land, die Ho­möo­pa­thie be­trei­ben, soll­ten dies wis­sen. Nur ist eben die Ver­su­chung groß, dem Pa­ti­en­ten ge­nau die The­ra­pie zu ge­ben, die er ver­langt, und sei es eine wir­kungs­lo­se. Ein Skan­dal aber ist, wie sich in­zwi­schen so­gar Po­li­ti­ker und Ärz­te­funk­tio­nä­re bei der Ho­möo­pa­thie­in­dus­trie an­bie­dern: Ende Mai fin­det in Bre­men die Jah­res­ta­gung des Deut­schen Zen­tral­ver­eins ho­möo­pa­thi­scher Ärzte statt. Die Bre­mer Ärz­te­kam­mer­prä­si­den­tin Heidrun Git­ter sand­te ein Gruß­wort. Schirm­her­rin des Quack­sal­ber­tref­fens ist nie­mand an­de­res als Bre­mens Ge­sund­heits­se­na­to­rin Eva Quan­te-Brandt (SPD), die „eine qua­li­fi­zier­te Wür­di­gung auch un­kon­ven­tio­nel­ler Me­tho­den für un­ab­ding­bar“ hält. So viel Wohl­wol­len von staat­li­cher Sei­te öff­net Tür und Tor für neue For­de­run­gen der Ho­möo­pa­then nach Aus­nah­me­re­ge­lun­gen und Pri­vi­le­gi­en. Schon jetzt müs­sen ho­möo­pa­thi­sche Arz­nei­mit­tel in der Re­gel nicht – wie alle an­de­ren Me­di­ka­men­te – in qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­gen Stu­di­en ihre Wirk­sam­keit un­ter Be­weis stel­len, be­vor sie auf den Markt kom­men. Die Kran­ken­kas­sen dür­fen die Schein­the­ra­pie trotz­dem be­zah­len; vie­le Kas­sen tun das mitt­ler­wei­le. Auf der Jah­res­ta­gung soll es nun so­gar dar­um ge­hen, der Ho­möo­pa­thie im Kran­ken­haus zu mehr Ver­brei­tung zu ver­hel­fen – die letz­te Bas­ti­on der Schul­me­di­zin wür­de da­mit fal­len. Wo bleibt der Auf­stand wis­sen­schaft­lich ge­schul­ter Ärzte und Ge­sund­heits­po­li­ti­ker, de­ren Den­ken noch nicht ver­ne­belt ist?

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