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RUDOLF WESSELY, 91

Ein hoch­in­tel­li­gen­ter Schelm war die­ser in Wien ge­bo­re­ne und in Mün­chen wohl am herz­lichs­ten ge­lieb­te Thea­ter­schau­spie­ler zeit­le­bens. Nach dem Ab­itur war Wes­se­ly am Ende des Zwei­ten Welt­kriegs noch Sol­dat und lern­te dann sein Ko­mö­di­an­ten­hand­werk im Wie­ner Max-Rein­hardt-Se­mi­nar. Nach ers­ten En­ga­ge­ments zog er 1950 in die jun­ge DDR und wur­de im Os­ten Ber­lins eine wich­ti­ge Fi­gur im En­sem­ble des Deut­schen Thea­ters un­ter dem In­ten­dan­ten Wolf­gang Lang­hoff. Der Dra­ma­ti­ker Hei­nar Kipp­hardt schrieb eine Ko­mö­die mit dem Ti­tel „Shake­speare drin­gend ge­sucht“ für Wes­se­ly, die Ur­auf­füh­rung 1953 war ein Hit. Mit ei­ge­nen Re­gie­ar­bei­ten und sei­ner Lehr­tä­tig­keit an der Staat­li­chen Schau­spiel­schu­le der DDR eck­te Wes­se­ly bei den Kul­tur­bü­ro­kra­ten an. 1958 zog er in den Wes­ten und lei­te­te klei­ne­re Thea­ter in Bern und Düs­sel­dorf, be­vor er ab 1972 im Burg­thea­ter und ab 1987 in den Münch­ner Kam­mer­spie­len ein Kö­nig un­ter den Ko­mi­kern der Thea­ter­li­te­ra­tur wur­de. Mit fast im­mer leicht ge­beug­tem Na­cken, glit­zern­dem Witz in den Au­gen und lus­tig schnar­ren­der Stim­me nutz­te Wes­se­ly selbst eher erns­te Rol­len wie den Na­than in Les­sings „Na­than der Wei­se“ für gran­dio­se Spaß­ma­cher­auf­trit­te. Um­ge­kehrt ver­wan­del­te er Clowns wie den Hamm aus Sa­mu­el Be­cketts „End­spiel“ in an­rüh­ren­de, klu­ge Un­glücks­fi­gu­ren. Er spiel­te ei­nen tol­len Nar­ren in Die­ter Dorns gru­se­lig auf­ge­don­ner­tem, aber be­rühm­tem „Kö­nig Lear“ aus dem Jahr 1992 und war über­haupt ei­ner der Stars in Dorns Münch­ner En­sem­ble, das nach dem Qua­si-Raus­wurf aus den Kam­mer­spie­len im Jahr 2001 noch ein Jahr­zehnt lang im Baye­ri­schen Staats­schau­spiel wei­ter­mach­te. Bis zu­letzt blieb Wes­se­ly, der in Film und Fern­se­hen fast nur in klei­nen Rol­len auf­trat, ein wun­der­bar auf­ge­kratz­ter Sän­ger des feu­ri­gen Wie­ner­lieds und ein be­gna­de­ter Char­meur. Ru­dolf Wes­se­ly starb am 25. April in Mün­chen.

WOLFGANG ROHDE, 66

Die meis­ten kann­ten ihn nur un­ter dem Na­men „Wöl­li“, als die­ser war er 14 Jah­re lang Schlag­zeu­ger der To­ten Ho­sen. Es wa­ren die prä­gen­den Jah­re von 1986 bis 2000, in de­nen die Band von ei­ner Punk-Cha­os­trup­pe zur er­folg­reichs­ten deut­schen Rock­band wur­de. Zum Eti­kett Cha­os­trup­pe hat­te Wöl­li be­reit­wil­lig sei­nen Teil bei­ge­tra­gen, ihm muss­ten schon mal die Schlag­zeug­stö­cke mit Kle­be­band an die Hand­ge­len­ke ge­klebt wer­den, wenn er sie nach ei­nem Ge­la­ge nicht mehr hal­ten konn­te. Dass er es trotz­dem ver­such­te, ent­sprach sei­ner Hal­tung ge­gen­über dem Le­ben – mit sei­nem Kämp­fer­herz und sei­ner Wär­me hat er die Band ge­prägt. Im Jahr 2000 be­en­de­te ein Au­to­un­fall sei­ne Kar­rie­re bei den To­ten Ho­sen, de­nen er den­noch ver­bun­den blieb. Wolf­gang Roh­de starb am 25. April in Meer­busch bei Düs­sel­dorf an Krebs.

URSULA BRUNS, 93

Ei­gent­lich hei­ßen die Schwes­tern Bar­ba­ra und Bri­git­te, aber man kennt sie nur als Dick und Dal­li oder als „Die Mä­dels vom Im­men­hof“. Un­ter die­sem Ti­tel wur­de Ur­su­la Brun­s' be­rühm­tes­tes Buch 1955 ver­filmt. Die ent­schei­den­den Haupt­dar­stel­ler dar­in sind aber we­der Dick und Dal­li noch der schö­ne Ethel­bert aus der Stadt, son­dern Is­land­pfer­de, die Ur­su­la Bruns zu­erst in deut­sche Kin­der­träu­me und dann auf Kop­peln im gan­zen Land brach­te. Die Mit­au­to­rin zahl­rei­cher Pfer­de­bü­cher gilt als Pio­nie­rin der Frei­zeit­rei­te­rei und der Of­fen­stall­hal­tung. Ur­su­la Bruns, ge­nannt „UB“, starb am 22. April in der Nähe von Re­ken in West­fa­len.

KLAUS SIEBERT, 60

Bei den Bi­ath­lon­ren­nen war er schnell zu er­ken­nen: Sie­bert trug meist eine Woll­müt­ze mit ei­nem Flam­men­mus­ter dar­auf. Er wuchs im Erz­ge­bir­ge auf, als Sport­ler ge­wann er drei WM-Ti­tel, da­nach wur­de er zu ei­nem der er­folg­reichs­ten Trai­ner. Er ar­bei­te­te beim Deut­schen Ski­ver­band, spä­ter coach­te er die Na­tio­nal­teams von Öster­reich und Chi­na. Die Weiß­rus­sin Dar­ja Dom­rat­sche­wa führ­te er zu drei Gold­me­dail­len bei den Olym­pi­schen Spie­len 2014. Schon da­mals litt er an Krebs, doch noch vom Kran­ken­bett aus feil­te er an den Trai­nings­plä­nen. „Er ist wie ein zwei­ter Va­ter für mich“, sag­te Dom­rat­sche­wa. Klaus Sie­bert starb am 24. April in Al­ten­berg im Erz­ge­bir­ge.

HARRY WU, 79

Chi­na hat in­zwi­schen zu­min­dest da­mit be­gon­nen, sein bru­ta­les Straf­voll­zugs­sys­tem zu re­for­mie­ren, und das ist auch sein Ver­dienst. Har­ry Wu, Sohn ei­ner wohl­ha­ben­den Fa­mi­lie aus Shang­hai, hat­te 1956 die Nie­der­schla­gung des Auf­stands in Un­garn kri­ti­siert und wur­de als „Rechts­ab­weich­ler“ ver­folgt. 1960 wur­de er fest­ge­nom­men und soll­te 19 Jah­re im chi­ne­si­schen Gu­lag ver­brin­gen – in Ar­beits- und Er­zie­hungs­la­gern, die in Wahr­heit der Fol­ter und Er­nied­ri­gung von Mao Ze­dongs Geg­nern dien­ten. Nach Maos Tod frei­ge­las­sen, wan­der­te Wu 1985 in die USA aus. Dort pran­ger­te er die wei­ter­hin trost­lo­sen Ver­hält­nis­se und die Aus­beu­tung in Chi­nas Zucht­häu­sern an. Er grün­de­te ein For­schungs­in­sti­tut, das Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen in Chi­na do­ku­men­tiert. Har­ry Wu starb am 26. April wäh­rend ei­ner Rei­se in Hon­du­ras.

BILLY PAUL, 81

Es gab eine Zeit, da war Phil­adel­phia die Haupt­stadt der schwar­zen Mu­sik und Bil­ly Paul ihre Stim­me, das war An­fang bis Mit­te der Sieb­zi­ger. Als er so zum Star wur­de, war Paul kein jun­ger Mann mehr, schon in den Fünf­zi­ger­jah­ren war er zu­sam­men mit El­vis Pres­ley als Sol­dat in Deutsch­land ge­we­sen. Paul kam vom Jazz, das pass­te zum ele­gan­ten Sound­ent­wurf des Phil­ly Soul, der gro­ße Or­ches­terar­ran­ge­ments mit Jazz­har­mo­ni­en und Funk­rhyth­men ver­band – und mit po­li­ti­schen Bot­schaf­ten. Der Welt­hit „Me and Mrs. Jo­nes“ ver­kauf­te sich Mil­lio­nen Mal, mit dem Song „Am I Black En­ough for You“ sorg­te Paul für eine Kon­tro­ver­se. Ende der Sieb­zi­ger wa­ren sei­ne gro­ßen Jah­re vor­bei – Paul trat wei­ter­hin auf und ge­wann 2003 ei­nen gro­ßen Pro­zess ge­gen sei­nen ehe­ma­li­ge Mu­sik­ver­lag um un­be­zahl­te Tan­tie­men. Bil­ly Paul starb am 24. April in Black­wood, New Jer­sey.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 18/2016.