Verraten und verliebt

Amos Oz erzählt in Judas von unmöglichen Beziehungen – und vom Verrat als Weg zum Frieden.
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Suhrkamp; 335 Seiten; 22,95 Euro.
Von Sebastian Hammelehle

Was ei­nen gro­ßen Ro­man aus­macht, zeigt Amos Oz: der Ernst des Den­kens und die Schön­heit der Spra­che. Ju­das ist ein so sinn­lich er­zähl­tes Buch, dass man glaubt, da­bei zu sein im Je­ru­sa­le­mer Win­ter des Jah­res 1959, der nur er­hellt wird vom Wet­ter­leuch­ten der Lie­bes­kom­pli­ka­tio­nen des jun­gen Schmu­el. Ju­das ist ein nach­denk­li­ches, ein phi­lo­so­phi­sches Buch, es kreist um die Fra­gen: Was ist Ver­rat – und wann muss Ver­rat sein? Äußer­lich rup­pig und rau­sche­bär­tig wie der jun­ge Fi­del Cas­tro, doch im Her­zen zart, hat Schmu­el sein Stu­di­um ab­ge­bro­chen, sei­ne Freun­din ist weg. Er ver­dingt sich bei ei­nem grei­sen In­tel­lek­tu­el­len, Ger­schom Wald. Ei­gent­lich ein­ge­stellt als des­sen Haus­halts­hil­fe und Pfle­ger, dient Schmu­el als rhe­to­ri­scher Spar­rings­part­ner. Die bei­den dis­ku­tie­ren Schmu­els wis­sen­schaft­li­ches The­ma: Je­sus in den Au­gen der Ju­den – und die Rol­le des Ju­das bei der Kreu­zi­gung. Des­sen Ver­rat an Je­sus ist das zen­tra­le Mo­tiv die­ses Ro­mans, in dem es um alle Ar­ten des Ver­rats geht, um ver­ra­te­ne Hoff­nun­gen und ver­ra­te­ne Idea­le, um ei­nen Dop­pel­agen­ten und eine De­tek­ti­vin, und um den Lie­bes­ver­rat. Schmu­el ist ver­zau­bert von Walds Schwie­ger­toch­ter Atal­ja, dop­pelt so alt wie er. Sie zieht ihn an, sie weist ihn ab, und da­bei ent­hüllt sich die Ge­schich­te ih­rer Fa­mi­lie: ih­res ge­fal­le­nen Man­nes, vor al­lem aber ih­res Va­ters, der 1948 als nam­haf­ter Je­ru­sa­le­mer Jude den Plä­nen für ei­nen Staat Is­ra­el wi­der­sprach, weil er vom Zu­sam­men­le­ben mit den Ara­bern träum­te. Den Is­rae­lis galt er als Ver­rä­ter. Doch der Ver­rat war nichts an­de­res als ein Bruch mit der herr­schen­den Mei­nung. Ver­rat be­deu­tet auch die Frei­heit, an­ders zu den­ken – und da­durch Feind­schaft zu über­win­den.

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