Helden der Lebensstadt

Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan beschreibt im Roman Mesopotamien, warum seine Heimat so verteidigenswert ist.
Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe, Juri Durkot und Sabine Stöhr. Suhrkamp; 362 Seiten; 22,95 Euro.
Von Volker Weidermann

Dass Viel­falt eine Stär­ke ist, Viel­stim­mig­keit eine poe­ti­sche Kraft, dass eine Stadt oder ein Land, wo Men­schen un­ter­schied­li­cher Kul­tu­ren auf­ein­an­der­tref­fen, ein rei­ches Land ist, dass es hier leicht ist, Ge­schich­ten zu er­fin­den und dass Li­te­ra­tur hier aber auch eine ganz be­son­de­re Auf­ga­be hat, weil sie Iden­ti­tät stif­ten kann, weil sie in ei­ner ver­wir­ren­den, la­bi­len Welt Ge­schich­ten er­zählt, die spä­ter, ir­gend­wann ein­mal, zu der ei­nen Ge­schich­te wer­den, der Ge­schich­te ei­nes Lan­des, da­von und von noch viel mehr han­delt das Buch Me­so­po­ta­mi­en des ukrai­ni­schen Sän­gers und Dich­ters Ser­hij Zhadan. Er er­zählt neun Bio­gra­fi­en von Men­schen sei­ner Le­bens­stadt Char­kiw im Don­bass. Er schreibt von Men­schen mit »gol­de­nen Hän­den und ei­ner Le­ber aus Stahl«. Er schreibt die Ge­schich­ten lie­ben­der, be­trun­ke­ner, auf­rech­ter, stol­zer Hel­den sei­ner Stadt. Wenn man das Buch liest, wäre man gern dort, in die­ser Stadt, in die­sem um­kämpf­ten Land. Es ist, auch wenn es schon lan­ge vor der rus­si­schen In­va­si­on in sei­nem Hei­mat­land ge­schrie­ben wur­de, das Ver­tei­di­gungs­buch ei­ner viel­fäl­ti­gen ukrai­ni­schen Hei­mat. Ein Buch dar­über, war­um es sich über­haupt noch lohnt, zu le­sen und zu schrei­ben: »Wel­chen Sinn hat die Dich­tung? / Schrei­ben über das, was alle längst wis­sen. / Re­den über Sa­chen, die uns ge­nom­men wur­den, / un­se­re Ent­täu­schun­gen zum Klin­gen brin­gen. / So re­den, dass wir Wut und Lie­be / Neid und Hass und Mit­leid / er­re­gen. Re­den / un­ter dem Mond, der über uns / steht und uns be­drängt / mit sei­nem gel­ben Wi­der­hall.«

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