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RUDOLF VON THADDEN, 83

Das Vor­ur­teil, die Men­schen in Pom­mern sei­en Hin­ter­wäld­ler, hat der Spross ei­nes pom­mer­schen Adels­ge­schlechts an­schau­lich wi­der­legt. Als His­to­ri­ker an der Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen und als Gast­pro­fes­sor in Pa­ris, als Prä­si­dent des Deutsch-Fran­zö­si­schen In­sti­tuts und als Ko­or­di­na­tor für deutsch-fran­zö­si­sche Zu­sam­men­ar­beit er­warb er sich Ver­diens­te um die Aus­söh­nung. Mit sei­ner Ar­beit über die Hu­ge­not­ten und sei­nem Werk »Fra­gen an Preu­ßen« warb Thad­den für ei­nen eu­ro­päi­schen Blick auf die Ge­schich­te und auf Ge­mein­sam­kei­ten von Deut­schen und Fran­zo­sen. Auch die Ver­stän­di­gung mit Po­len lag ihm am Her­zen. Da­bei ver­wies er, mit ei­nem kri­ti­schen Blick auf die Deut­schen, auf die ge­schicht­li­che Er­fah­rung, »dass Po­len leich­ter be­reit wa­ren, Deutsch zu ler­nen als Deut­sche um­ge­kehrt Pol­nisch«. Über die Ver­trei­bung der Deut­schen ab 1945 und sei­ne ei­ge­nen »schlim­men Nach­kriegs­er­fah­run­gen im pol­nisch ge­wor­de­nen Pom­mern« sprach er frei von Res­sen­ti­ment. Der na­tio­na­lis­ti­sche Un­geist sei­nes On­kels Adolf von Thad­den, des Mit­be­grün­ders der rechts­ex­tre­men NPD, lag ihm fern. Er ehr­te das Erbe sei­ner von den Na­zis hin­ge­rich­te­ten Tan­te Eli­sa­beth von Thad­den, ei­ner Wi­der­stands­kämp­fe­rin. Ver­fas­sungs­pa­trio­tis­mus als Leh­re aus der Nazi-Ge­walt­herr­schaft war ihm zu we­nig. Er plä­dier­te für eine »Staats­bür­ger­na­ti­on« und ei­nen Hei­mat­be­griff, der auch für Zu­wan­de­rer of­fen ist. Als Ge­schichts­ken­ner hat­te Thad­den den An­spruch, »Po­li­ti­ker auf Sack­gas­sen auf­merk­sam zu ma­chen«. Ru­dolf von Thad­den starb am 18. No­vem­ber in Göt­tin­gen.

JOHANNA JACOB, 76

Sie ge­hör­ten zum Nach­kriegs­deutsch­land (West) wie der Opel Ka­dett, Nescafé oder die Hol­ly­wood­schau­kel. Die vier Ja­cob Sis­ters, die – im­mer iden­tisch ge­klei­det und oft je­weils mit ei­nem wei­ßen Pu­del auf dem Arm – ihre Show­kar­rie­re als nied­li­che Nai­ve bis ins Al­ter durch­zo­gen, stam­men al­ler­dings aus Sach­sen. Dort be­trie­ben die El­tern in Schman­ne­witz ein Café, und die Töch­ter Jo­han­na, Rosi, Eva und Han­ne­lo­re un­ter­hiel­ten die Gäs­te mit Ge­sangs­ein­la­gen zum Mit­sin­gen und Mit­schun­keln. Das Quar­tett mach­te sich als Schman­ne­wit­zer Hei­de­ler­chen früh ei­nen Na­men. 1959 ging die Fa­mi­lie in den Wes­ten. Die Schwes­tern hat­ten auch dort mit ih­ren Gute-Lau­ne-Schla­gern Er­folg. Ei­ner ih­rer größ­ten Hits, der »Gar­ten­zwerg-Marsch«, traf Mit­te der Sech­zi­ger­jah­re den Ge­schmack der Zeit und wur­de ihre Hym­ne. 2008 starb Han­ne­lo­re, und die hin­ter­blie­be­nen Schwes­tern gin­gen fort­an als Trio auf die Büh­ne. Jo­han­na, die Ältes­te, litt in den letz­ten Jah­ren an Herz­pro­ble­men und De­menz. Jo­han­na Ja­cob starb am 25. No­vem­ber in Of­fen­bach.

JONAH LOMU, 40

Wenn er sich den Ball in die El­len­beu­ge klemm­te und los­rann­te, dann nah­te ein er­he­ben­der Mo­ment des Rug­by­sports. Lomu war fast zwei Me­ter groß, rund 120 Kilo schwer – und sa­gen­haft schnell. Sei­ne Geg­ner war­fen sich ihm ent­ge­gen und ver­such­ten, ihn ir­gend­wie zu stop­pen. Doch oft schüt­tel­te Lomu sie ab und lief da­von. Kein an­de­rer Spie­ler der Welt ver­lieh dem Rug­by eine sol­che Dy­na­mik. Mit 19 Jah­ren hat­te Lomu, des­sen Fa­mi­lie aus Ton­ga stamm­te, in Neu­see­lands Na­tio­nal­team de­bü­tiert. Schon da­mals dia­gnos­ti­zier­ten Ärzte eine Nie­ren­krank­heit, 2003 muss­te Lomu sei­ne Kar­rie­re für zwei Jah­re un­ter­bre­chen. Mit ei­nem Spen­der­or­gan schaff­te er vor­über­ge­hend das Come­back, doch 2010 zwang ihn das Lei­den, auf­zu­hö­ren. Da war Lomu längst zum Na­tio­nal­idol auf­ge­stie­gen. Als TV-Ex­per­te ver­folg­te er noch vor we­ni­gen Wo­chen mit, wie Neu­see­lands Team, die »All Blacks«, Welt­meis­ter wur­de – ein Ti­tel, den er selbst nie trug. Jo­nah Lomu starb am 18. No­vem­ber in Auck­land, Neu­see­land.

DOUGLASS NORTH, 95

Als Stu­dent in den USA war er zu­nächst Mar­xist. Spä­ter wand­te der Wirt­schafts­his­to­ri­ker sich der neo­klas­si­schen Gleich­ge­wichts­theo­rie zu und trug mit sei­nen Ar­bei­ten dazu bei, dass die Wirt­schafts­ge­schich­te sich von ei­ner de­skrip­ti­ven Wis­sen­schaft in eine ana­ly­ti­sche wan­del­te. Ende der Sech­zi­ger­jah­re be­gann North, sich mit der eu­ro­päi­schen Wirt­schafts­ge­schich­te zu be­schäf­ti­gen. Dazu un­ter­such­te er die Rol­le von In­sti­tu­tio­nen. 1993 er­hielt er ge­mein­sam mit Ro­bert Fo­gel den Wirt­schafts­no­bel­preis. Dou­glass North starb am 23. No­vem­ber in Ben­zo­nia, Mi­chi­gan.

KIM YOUNG SAM, 87

Sein größ­tes Ver­dienst war die Über­win­dung der süd­ko­rea­ni­schen Mi­li­tär­dik­ta­tur. Dass er zu die­sem Zweck sei­ne Par­tei für Wie­der­ver­ei­ni­gung und De­mo­kra­tie 1990 mit der da­mals re­gie­ren­den Par­tei der Ge­ne­rä­le ver­schmolz, nah­men ihm zwar man­che op­po­si­tio­nel­le Mit­strei­ter übel. Doch als ers­ter zi­vi­ler Prä­si­dent nach über drei Jahr­zehn­ten ver­trieb Kim dann von 1993 bis 1998 die Mi­li­tärs kon­se­quent aus der Po­li­tik: Den Ex­dik­ta­tor Chun Doo Hwan und des­sen Nach­fol­ger Roh Tae Woo ließ er we­gen ih­rer Rol­len beim Mi­li­tär­putsch von 1979 so­wie we­gen Kor­rup­ti­on vor Ge­richt stel­len. Mit dem Ver­bot an­ony­mer Bank­kon­ten be­sei­tig­te Kim zu­dem eine zen­tra­le Ur­sa­che der Kor­rup­ti­on. Gleich­wohl ge­lang es ihm nicht, die Macht der Misch­kon­zer­ne zu bre­chen und so die Wirt­schaft zu re­for­mie­ren. Hilf­los sah er zu, wie sein Land im Zuge der asia­ti­schen Fi­nanz­kri­se 1997 vom In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds vor dem Staats­bank­rott ge­ret­tet wer­den muss­te. Auch bei der er­hoff­ten Aus­söh­nung mit dem sta­li­nis­ti­schen Nor­den kam Kim nicht vor­an: Ein be­reits ver­ein­bar­ter Gip­fel mit Staats­chef Kim Il Sung schei­ter­te 1994 dar­an, dass der Nord­ko­rea­ner zwei Wo­chen vor dem Tref­fen starb. Kim Young Sam starb am 22. No­vem­ber in Seo­ul.

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