»Dieser Ort hat Magie«

Galápagos Der deutsche Börsenexperte Swen Lorenz, 39, seit 2011 Chef der Charles-Darwin-Gesellschaft, über den drohenden Bankrott der Organisation

Lo­renz

SPIEGEL: Herr Lo­renz, eine hoch an­ge­se­he­ne, 1959 ge­grün­de­te For­schungs­ge­sell­schaft könn­te plei­te­ge­hen, weil ihr An­denken­la­den dicht­macht - kön­nen Sie das er­klä­ren?

Lo­renz: Die Charles Dar­win Foun­da­ti­on hat­te schon im­mer fi­nan­zi­el­le Pro­ble­me. Ich habe vor drei Jah­ren als neu­er Ge­schäfts­füh­rer mil­lio­nen­schwe­re Alt­las­ten vor­ge­fun­den, un­ter an­de­rem, weil viel zu vie­le Leu­te ein­ge­stellt wor­den sind, als we­gen ei­ni­ger in­ter­na­tio­na­ler Kon­fe­ren­zen auf den Galápa­gos­in­seln vor 15 Jah­ren mal Geld da war. Die For­schungs­sta­ti­on hat hohe Kos­ten, etwa für den lau­fen­den Be­trieb oder für die Un­ter­hal­tung ei­ner Samm­lung wis­sen­schaft­li­cher Prä­pa­ra­te, aber für die fin­den Sie kei­ne Spon­so­ren. Geld­ge­ber fi­nan­zie­ren lie­ber die Ret­tung der Rie­sen­schild­krö­ten als un­se­re Strom­rech­nung.

SPIEGEL: Ha­ben Sie denn kei­ne Rück­la­gen?

Lo­renz: Eben nicht - mir war klar, dass wir Geld ver­die­nen müs­sen. Es gab be­reits ei­nen Sou­ve­nir­shop, aber der hat­te die Grö­ße ei­ner Würst­chen­bu­de. Dar­aus habe ich ein Un­ter­neh­men ge­macht, das uns ei­nen Ge­winn von rund 500 000 Dol­lar pro Jahr ge­bracht hät­te. Un­ser Bud­get be­trägt 3,5 Mil­lio­nen, das ist also viel Geld.

SPIEGEL: Was ha­ben Sie denn in dem La­den ver­kauft?

Tou­ris­ten, Galápa­gos-Rie­sen­schild­krö­te: »Wie vor 180 Jah­ren«

Lo­renz: Am bes­ten lie­fen T-Shirts, Ja­cken und Müt­zen mit dem Logo der For­schungs­sta­ti­on, aber auch ecua­do­ria­ni­sche Scho­ko­la­de, Bü­cher, Schmuck, Dru­cke ein­hei­mi­scher Künst­ler, Son­nen­bril­len und Out­door­klei­dung. Die Leu­te wuss­ten ja, dass der Ge­winn der For­schung auf den Galápa­gos­in­seln zu­gu­te­kommt. Die woll­ten Geld aus­ge­ben.

SPIEGEL: Was ist dann schief­ge­gan­gen?

Lo­renz: Ei­ni­ge der ein­hei­mi­schen Be­trei­ber von An­denken­lä­den ha­ben sich be­schwert, weil wir ih­nen Kon­kur­renz mach­ten. Die Stadt­ver­wal­tung von Pu­er­to Ayo­ra hat uns dann den Be­trieb un­ter­sagt.

SPIEGEL: Kön­nen Sie Ihre Mit­ar­bei­ter noch be­zah­len?

Lo­renz: Wir sind mit den Ge­häl­tern zwei Mo­na­te im Rück­stand. Die Ge­sell­schaft hat schon im­mer von der Hand in den Mund ge­lebt, auch des­we­gen, weil den Wis­sen­schaft­lern al­les su­spekt war, was nach Kom­merz aus­sah. Das se­hen die in­zwi­schen an­ders. Wenn wir jetzt kei­ne Lö­sung fin­den, kann es sein, dass wir noch die­sen De­zem­ber schlie­ßen müs­sen

SPIEGEL: Wird sich dann nie­mand mehr um den Schutz der In­seln küm­mern?

Lo­renz: Es gibt in­zwi­schen auch an­de­re Na­tur­schutz- und For­schungs­or­ga­ni­sa­tio­nen auf dem Ar­chi­pel. Aber nur die Dar­win Foun­da­ti­on ist un­ab­hän­gi­ger wis­sen­schaft­li­cher Be­ra­ter der Re­gie­rung Ecua­dors. Wir sind die Stim­me von Galápa­gos, die auf der gan­zen Welt ernst ge­nom­men wird. Kei­ne an­de­re Or­ga­ni­sa­ti­on be­treibt Wis­sen­schaft spe­zi­ell zum Er­halt der ein­zig­ar­ti­gen Na­tur der In­seln. Dass Tou­ris­ten zum Bei­spiel heu­te noch die be­rühm­ten Galápa­gos-Rie­sen­schild­krö­ten be­stau­nen kön­nen, ge­nau wie Charles Dar­win vor 180 Jah­ren, ver­dan­ken sie dem Nach­zucht­pro­gramm der For­schungs­sta­ti­on. Die Wis­sen­schaft­ler muss­ten erst ein­mal her­aus­fin­den, wie man die Schild­krö­ten über­haupt dazu bringt, dass sie sich ver­meh­ren.

SPIEGEL: Das war in den Sech­zi­ger­jah­ren des vo­ri­gen Jahr­hun­derts ...

Lo­renz: Aber kön­nen Sie sich die Galápa­gos­in­seln ohne Dar­win-Fin­ken vor­stel­len? Auf dem Ar­chi­pel ist noch nie eine Vo­gel­art aus­ge­stor­ben, doch ge­gen­wär­tig sind meh­re­re akut be­droht. Wir ha­ben Rie­sen­pro­ble­me mit ei­ner ein­ge­schlepp­ten Flie­ge. Sie heißt Phil­or­nis down­si und legt ihre Eier in Vo­gel­nes­tern ab, die Lar­ven sau­gen das Blut der Jung­vö­gel. Oft stirbt der ge­sam­te Nach­wuchs im be­fal­le­nen Nest. Wir lei­ten ein in­ter­na­tio­na­les For­scher­team, das nach We­gen sucht, die­sen Ein­dring­ling in Schach zu hal­ten.

SPIEGEL: Für sol­che Pro­jek­te gibt es doch si­cher For­schungs­gel­der?

Lo­renz: Ja, aber die de­cken eben nicht die gan­zen Ver­wal­tungs­kos­ten. Ich bin si­cher, dass die Ge­sell­schaft ge­nug Geld ver­die­nen kann, um über­le­ben zu kön­nen. Aber da­für braucht sie noch Zeit. Seit Kur­zem zum Bei­spiel kön­nen Be­su­cher oder an­de­re In­ter­es­sier­te Mit­glied der Charles Dar­win Foun­da­ti­on wer­den. Das gab es bis jetzt noch gar nicht. Und wir bie­ten Stu­di­en­auf­ent­hal­te in der For­schungs­sta­ti­on an. Aber die­se Pro­gram­me sind ge­ra­de erst ge­star­tet.

SPIEGEL: Wie wol­len Sie die Zeit über­brü­cken, bis die­se Ide­en ge­nug ab­wer­fen?

Lo­renz: Ich tref­fe mich in den nächs­ten Ta­gen mit mög­li­chen Geld­ge­bern. Wir hof­fen, dass wir wie­der Ka­pi­tal auf­bau­en kön­nen und dass auch der Shop ir­gend­wann wie­der öff­nen kann. Uns feh­len ja nicht nur die Ein­nah­men des La­dens - wir ha­ben auch Lie­fer­ver­trä­ge, ein Wa­ren­la­ger, An­ge­stell­te.

SPIEGEL: Frü­her wa­ren Sie Bör­sen­ex­per­te und ha­ben An­le­gern Tipps ge­ge­ben - ha­ben Sie sich jetzt ver­kal­ku­liert?

Lo­renz: Über­haupt nicht. Galápa­gos ist ein ma­gi­scher Ort. Wen er ein­mal ge­packt hat, den lässt er nie mehr los. Wenn ich dort in mei­nem Büro sit­ze, kann es pas­sie­ren, dass ein Le­gu­an her­ein­spa­ziert. Und ich muss nur aus dem Fens­ter schau­en, um zu wis­sen, wo­für ich das al­les ma­che.

In­ter­view: Ju­lia Koch

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