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FERN­SE­HEN

Glanz und Gläubiger

Der Mann sagt: „Die Rei­chen sind ir­gend­wie an­ders.“ Die Frau ant­wor­tet: „Klar, die ha­ben ja auch mehr Geld.“ Der Dia­log stammt aus Die­ter We­dels Zwei­tei­ler „Gier“ (bei­de Tei­le an die­sem Frei­tag auf Arte, von 20.15 Uhr an). Und es ist ge­ra­de­zu ent­waff­nend, wie schlicht der TV-Alt­meis­ter We­del ("Der gro­ße Bell­heim“, „Der Kö­nig von St. Pau­li") in sei­nem Film die Ge­schich­te vom Auf­stieg und Fall des schil­lern­den Fi­nanz­fi­lous Jür­gen Hark­sen er­zählt. Hark­sen stammt noch aus der Sau­rie­r­epo­che des ka­pi­ta­lis­ti­schen Gier­sys­tems, den Spa­ß­jah­ren, als wei­ßer An­zug, gel­be So­cken, Par­ty­flit­ter und Cham­pa­gner beim gro­ßen Schmu mit aben­teu­er­li­chen Ge­winn­ver­spre­chen hal­fen. Der Hoch­stap­ler und Mil­lio­nen­be­trü­ger Hark­sen lan­de­te 2002 im Knast und bot We­del eine süf­fi­ge Fern­seh­vor­la­ge, die die­ser, so schien es, nur noch zu ver­wan­deln brauch­te. Doch wie man vom Fuß­ball weiß, wer­den aus kla­ren Chan­cen oft dann doch kei­ne Tore. We­del dach­te, für die Re­kon­struk­ti­on ver­gan­ge­ner Be­trü­ger­se­lig­keit wer­de es schon rei­chen, wenn man sich be­quem auf der Bank ein­rich­tet, auf der die Spöt­ter sit­zen. So lässt er sei­nen Hel­den - er heißt im Film sym­bo­lisch dröh­nend Glanz - jon­glie­ren, blen­den, sin­gen, tan­zen, schla­wi­nern und schwän­zeln, als könn­te er die Spaß­ge­sell­schaft in al­ter Un­be­küm­mert­heit wie­der­auf­er­ste­hen las­sen. Ul­rich Tu­kur gibt den To­ten­tanz­meis­ter meist un­er­bitt­lich auf­ge­räumt. Die Ka­me­ra von We­di­go von Schult­zen­dorff liebt ihn ge­nau­so wie die dau­ern­den Par­tys in den Gär­ten schö­ner Vil­len. Den Nacht­sei­ten von Glan­zens ge­stör­ter Per­sön­lich­keit gibt We­dels Dreh­buch da­ge­gen we­nig Platz. All die wun­der­schö­nen Frau­en um den Hoch­stap­ler her­um (un­ter an­de­ren Jea­net­te Hain, Si­bel Ke­kil­li, Anousch­ka Ren­zi) blei­ben so blass wie sei­ne männ­li­chen Jün­ger (Uwe Och­senk­necht, Gerd Wa­me­ling, Die­ter La­ser). Kaum Ge­gen­ge­wicht er­hält das Gan­ze auch von De­vid Strie­sow, Ka­tha­ri­na Wa­cker­na­gel, Heinz Ho­enig, den Dar­stel­lern der Glanz-Ge­schä­dig­ten. Es fällt auf die Be­trü­ger­herr­lich­keit kein dis­tan­zie­ren­der Schat­ten der ge­gen­wär­ti­gen Kri­se, die so pup­pen­lus­tig ja nicht ist. Gläu­bi­ger, käuf­li­che Lie­be, ver­zwei­fel­te Hoff­nung - das Tes­ta­ment des Gier­ka­pi­ta­lis­mus müss­te man er­klä­ren, nicht nur iro­nisch ze­le­brie­ren. Schließ­lich hat der Zu­schau­er schnell be­grif­fen, was die Fi­gu­ren nicht be­grei­fen dür­fen: Die Koh­le ist ver­lo­ren. So zieht sich „Gier“ ge­fühl­te Ewig­kei­ten lang dem ab­seh­ba­ren Ende ent­ge­gen.

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Den vollständigen Artikel lesen Sie in der Ausgabe 2/2010.